Serie „Mein Job und ich“ Reitlehrerin aus Werlte: Pferdeführerschein wäre sinnvoll

Von Daniel Gonzalez-Tepper


Werlte. In unserer Serie „Mein Job und ich“ spricht diesmal Elisabeth („Libby“) Slaghekke aus Werlte über unterforderte Ponys, die Einführung eines Pferdeführerscheins und ein intensives Erlebnis.

Frau Slaghekke, bei Reiterferien so wie jetzt im Sommer wuseln bis zu 20 Kinder und Pferde auf ihrem Hof umher. Wie behält man da den Überblick?

So wuselig ist es ja tatsächlich nur in den Oster-, Sommer- und Herbstferien, und selbst dann sind die Teilnehmer ja nur in der Woche da, bekommen Reitstunden, sie schlafen und essen hier oder wir reiten mit ihnen aus. Außerhalb der Ferien ist es dann ruhiger, dann stehen nur die Reitstunden mit Kindern, aber auch Erwachsenen und die Pflege der Pferde für mich an. Um gleich falschen Vorstellungen vorzubeugen: Mit dem Betrieb eines Reiter- beziehungsweise Ponyhofs wird man keineswegs reich. Der Unterhalt für die Stallungen und Betriebsräume und die Fütterung der Pferde kosten viel Geld. Bei vielem, was wir hier tun, ist Idealismus im Spiel.

Wie viele Pferde haben Sie denn eigentlich?

Zu viele (lacht). Es sind stetig mehr geworden, dabei war das gar nicht so geplant, als mein Mann und ich das Grundstück hier an der Bockholter Straße Ende der 1990er Jahre gekauft haben. Eigentlich wollte mein Mann hier sein Bauunternehmen aufbauen und ich lediglich einen kleinen Stall und eine kleine umzäunte Auslauffläche zum privaten Gebrauch haben. Ursprünglich waren unsere Stallungen nur für unsere Zuchtstuten gedacht. Irgendwann bin ich dann gefragt worden, ob ich nicht Reitstunden geben möchte. So etwas gab es damals in Werlte und Umgebung auch noch kaum. Ruck zuck waren dann fünf Reitstunden belegt. Und dann wuchs alles nach und nach, obwohl wir überhaupt keine Werbung gemacht haben oder ähnliches.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe dann auch eine Ausbildung zur Reitlehrerin gemacht, erst den Trainer C, dann auch B und Zusatzscheine im Reiten als Gesundheitsport, Bodenschule und andere. Weil auch das Bauunternehmen meines Mannes immer mehr Platz benötigte, ist dieses vor einigen Jahren in das Gewerbegebiet in Rastdorf umgezogen und wir hatten noch mehr Platz, den Reiterhof zu erweitern.

Wie sind Sie selber zum Reiten gekommen?

Bereits mit vier Jahren wurde ich von meiner Schwester zum Voltigier-Unterricht mitgenommen. Dann kam irgendwann der Reitunterricht dazu. Ein eigenes Pony kam nicht infrage, da meine Eltern gar nichts mit Pferden zu tun hatten. Heute sehe ich das ein, denn ich habe für meine Kinder auch viel zu früh ein eigenes Pony gekauft, das letztlich nur noch zum fressen da war. Ich habe schon oft beobachtet, gerade von reitenden Eltern oder Großeltern, dass viele Ponys absolut unterfordert, die Kinder überfordert waren und dann die Lust am Reiten verloren ging.

Bei Ihnen selber war das aber nicht so?

Reiterlich ging es bei mir weiter, weil ich zufällig auf einer Familienfeier einen etwas entfernt wohnenden Onkel wiedergesehen habe. Der war Viehhändler und hatte auch immer Ponys, mit denen er zu verschiedenen Märkten unterwegs war. Von diesem Zeitpunkt an war ich fast jeden freien Tag bei ihm, um zu reiten, Pferde zu pflegen und so weiter. Ich würde sagen, von ihm habe ich am meistens gelernt, was gerade den Umgang mit Pferden angeht.

Reiten Ihre beiden Kinder Nils und Jasmin auch?

Als sie klein waren, ja. Zunächst auf einem auswärtigen Reiterhof und später dann hier zuhause. Irgendwann haben beide aber die Lust daran verloren, was an der kritischen Mama liegen mag (lacht). Das ist aber völlig in Ordnung. Ich bin generell der Meinung, Eltern sollten ihre Kinder zu nichts zwingen. Ich habe den Eindruck, das ist viel zu oft der Fall. Zum Reiten gehört eine große Portion Enthusiasmus, es darf nicht zur Mode verkommen.

Wie meinen Sie das?

Wer sich nicht auch außerhalb der eigentlichen Reitstunde mit einem Pferd beschäftigt, wird nicht lernen, das Verhalten der Pferde zu verstehen. Jedes Tier hat seine Eigenarten, seinen eigenen Willen, das ist letztlich wie beim Menschen. Man muss sich auf das Pferd einlassen, ein Gespür bekommen. Und wer nicht weiß, wie ein Pferd in bestimmten Situationen reagiert, welche Vorlieben es hat und was es nicht mag, wird oft kein guter Reiter. Ich denke sogar, ein richtig guter Reiter wird man größtenteils außerhalb der Reitstunden. Und nicht wenige suchen dann, wenn das Pferd nicht so ,funktioniert‘, wie man es will, die Schuld beim Tier und werden unfair. Ähnlich wie das bei Hunden diskutiert wird, halte ich deshalb auch die Einführung eines Pferdeführerscheins für sinnvoll.

Nehmen Sie beziehungsweise die Reitschüler auch an Turnieren teil?

Ich habe mal überlegt, hier einen Verein zu gründen, habe mich dann aber dagegen entschieden. Außerdem gibt es mittlerweile zwei Reitvereine in der näheren Umgebung. Hier bei uns spielt Zeit eine große Rolle. Wir nehmen uns die Zeit, die die Reiter brauchen um sich sicher zu fühlen und die Zeit, die die Pferde brauchen um sich zu entwickeln. Unsere Pferde werden generell erst relativ spät angeritten. Gut zu reiten, sicher auf- und abzusteigen, ausbalanciert zu sitzen und vernünftig und fair mit den Pferden umzugehen, das ist mir wichtig. Die Vorbereitung für Turniere ist sehr zeitintensiv und artet oft auch in Stress aus, was viele einfach unterschätzen.

Sie sind auch als Reittherapeutin aktiv. Wie läuft das ab?

Wir bekommen regelmäßig vormittags Besuch von der integrativen Gruppe des Kindergartens St. Sixtus. Diese Kinder bekommen eine Heilpädagogische Förderung mit und auf dem Pferd. Pferde haben eine intensive Wirkung auf Kinder mit körperlichen Einschränkungen oder Erkrankungen wie ADHS. Sie konzentrieren sich, wenn sie sich mit dem Tier beschäftigen, werden mutiger und sicherer. Oder sie kommen zur Ruhe, wenn sie sich auf den Rücken der Pferde legen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt bei Kindern, mit dem Reiten zu beginnen?

Ich denke, mit sechs bis sieben Jahren, also der zweiten Grundschulklasse. Dann sind sie körperlich und geistig so weit. Die Pferdegewöhnung kann etwas früher beginnen. Die Teilnehmer an den Reiterferien sind zwischen 6 und 15 Jahre alt.

Welche Kuriositäten haben Sie in Ihrem Berufsleben bereits erlebt?

Kurios ist dieses Erlebnis vielleicht nicht, aber intensiv: Ich habe einmal ein Pferd für die Aufzucht in die Wesermarsch gegeben. Dort wurde es, was ich nicht wusste, als einziger Jährling in eine Herde mit Zwei- und Dreijährigen Pferden gesteckt. Somit hatte sie im Kampf um die Rangfolge keine Chance. Sie wurde wahrscheinlich gejagt und getreten bis sie nicht mehr aufstehen konnte. In der Regel ist das für Pferde quasi der sichere Tod. Gemeinsam mit einer befreundeten Physiotherapeutin bin ich dann mehrmals dorthin gefahren, wir haben es dann liegend zuerst zur Tierklinik und dann immer noch liegend nach Werlte transportiert. Ein gutes Zeichen war, dass sie hat immer gefressen und getrunken hat. Die Tierärzte haben immer auf mich eingeredet es einzuschläfern. Doch mit der Unterstützung meiner Physiotherapeutin, vielen Übungen und viel Geduld ist die Stute nach Wochen aufgestanden und wir haben mittlerweile angefangen sie einzureiten.


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