Loruperin beteiligt sich an Kampagne Physiotherapeuten fordern bessere Arbeitsbedingungen

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Lorup. Mehr Geld und mehr Zeit pro Patient: Das sind zwei der Hauptforderungen der bundesweiten Kampagne „#OhnemeinenPhysiotherapeuten“. Auch die Physiotherapeutin Heike Hugenberg aus Lorup beteiligt sich an der Initiative.

Wenn der Rücken mal wieder schmerzt, die Bandscheiben Probleme bereiten oder nach einer Operation die Muskeln wieder aufgebaut werden müssen, sind sie gefragt: Physiotherapeuten helfen dabei, die Bewegungs- und Funktionsfähigkeit des menschlichen Körpers zu erhalten oder wiederherzustellen. Oft begleiten die früher auch als Krankengymnasten bezeichneten Therapeuten Schlaganfallpatienten oder Menschen nach einer Hirnblutung zurück in einen lebenswerten Alltag.

Aber, so lautet die Kernaussage einer kürzlich gestarteten Initiative: Das System der Physiotherapie ist selbst erkrankt. Die Kampagne #OhnemeinenPhysiotherapeuten soll für mehr Anerkennung des Berufes und insbesondere eine bessere Bezahlung der Fachkräfte in der medizinischen Nachsorge sorgen.

Im Schnitt 15 Euro pro Behandlung

An der Kampagne beteiligt sich auch die Loruper Physiotherapeutin Heike Hugenberg. Seit gut 20 Jahren arbeitet die 40-Jährige in dem Beruf, seit 2010 mit eigener Praxis im Rathaus-Gebäude an der Rastdorfer Straße. Zwischen zwölf und 19 Euro bekommt sie je 20-minütiger Behandlung von den Krankenkassen erstattet, im Schnitt seien es etwa 15 Euro. Davon muss sie Steuern, Sozialabgaben, Miete, Versicherungen und Angestellte bezahlen. „Notwendig sind mindestens 25 Euro, haben Fachleute im Rahmen der Kampagne ausgerechnet“, meint die Loruperin, die seit Oktober 2017 vergeblich nach einer Therapeutin sucht, die sie unterstützen kann. „Wenn ich einer Bewerberin mit Bachelor-Abschluss, also einem Studium, nur etwa zwölf Euro Bruttolohn pro Stunde zahlen kann, ist nachvollziehbar, dass sich junge Menschen anderweitig umsehen“, sagt die Physiotherapeutin.

(Weiterlesen: Physiotherapie für Krebspatienten am Krankenhaus Haselünne)

Obwohl sich Hugenberg eine Bürokraft spart und Zwölf-Stunden-Tage inklusive Arbeit an Samstagen zur Normalität gehören, kommt sie finanziell nach eigenen Angaben gerade so über die Runden. „Finanzielle Polster anzulegen, um zum Beispiel in Fitnessgeräte zu investieren, damit den Patienten Zusatzangebote gemacht werden können, sind mit den derzeitigen Vergütungen der Kassen nicht möglich“, so Hugenberg.

167.000 Teilnehmer an Petition

Der Fachkräftemangel nehme zu, Wartezeiten für Behandlungen würden immer länger, obwohl eine Verordnung nach Maßgabe der Krankenkassen in einem Zeitraum von 14 Tagen begonnen werden muss. Das beklagen immer mehr Physiotherapeuten und deshalb hat Tim Maller aus Bad Iburg auf Twitter die Kampagne „#OhnemeinenPhysiotherapeuten“ gestartet, die auch unter dem Hashtag #therapeutenamlimit zu finden ist. Mehr als 167.000 Menschen haben sich bereits über die Internetseite ohne-physios.de an einer Petition beteiligt.

Ein Problem seien bereits die Kosten für die Ausbildung, heißt es von den Initiatoren der Kampagne: 500 Euro koste die dreijährige Ausbildung durchschnittlich im Monat. Ein Abschluss reiche aber nicht aus, sondern man müsse auch noch Fortbildungen absolvieren, die mehrere Tausend Euro kosteten, nur um dann das anwenden zu dürfen, was man in der Ausbildung bereits gelernt habe. Die Verbände der Physiotherapeuten befürchten wegen der schlechten Vergütung im Bereich der physikalischen Therapie (Physiotherapie und Masseur/med. Bademeister), dass in den niedergelassenen Praxen der bereits vorhandene Fachkräftemangel verstärkt werde. Durch die unter anderem dank Tarifverträgen bessere Bezahlung der Therapeuten in stationären Einrichtungen wanderten immer mehr Therapeuten dorthin ab.

(Weiterlesen: Delmenhorster Physiotherapeut sieht drohenden Notstand)

Politik will sich kümmern

In der Politik ist das Thema schon vor einiger Zeit angekommen. Mit Roy Kühne aus Goslar sitzt auch ein Physiotherapeut als Abgeordneter im Bundestag. Die für das nördliche Emsland zuständige Abgeordnete Gitta Connemann (CDU) berichtet auf Anfrage, Kühne habe in der abgelaufenen Legislaturperiode eine Änderung des Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetzes (HHVG) auf den Weg gebracht und damit einige Verbesserungen erreicht, unter anderem die Entkopplung von der Grundlohnsumme, die mehr Spielraum für höhere Entlohnung biete. Durchschnittlich sei hier ein Zuwachs um 32 Prozent über drei Jahre vereinbart worden.

Auch im aktuellen Koalitionsvertrag fordere die CDU die Abschaffung des Schulgeldes, sagt Connemann, die sich selbst bei Praxisbesichtigungen in der Region mit dem Thema beschäftigt hat. Die Schulgeldkosten lägen im Durchschnitt bei 12.000 Euro für drei Jahre. Dies müsse allerdings von den einzelnen Bundesländern umgesetzt werden. „Mit diesem Schritt würde die Attraktivität des Berufs gravierend verbessert werden.“

„Sofortprogramm Therapieberufe“ entworfen

Aber auch diese Maßnahmen reichten nicht aus, sagt Connemann. Ihr Kollege Kühne habe deshalb ein „Sofortprogramm Therapieberufe“ entworfen, das die sofortige Umsetzung der vereinbarten 32 Prozent Erhöhung fordert. Außerdem solle es weitere 28 Prozent Vergütungserhöhungen im ambulanten Bereich geben, um die Lohndifferenzen zwischen ambulant und stationär ausgleichen zu können. Langfristig fordere man die Vereinbarung von festen Untergrenzen für Vergütungsanpassungen. „Darüber wird derzeit diskutiert“, sagt Connemann.

Pferde-Osteopatie soll für mehr Umsätze sorgen

Heike Hugenberg hat für sich einen anderen Weg gefunden, für höhere Umsätze in ihrer Praxis zu sorgen. Sie lässt sich derzeit zur Pferde-Osteopatin ausbilden. „Für gute Pferdeosteopaten sind die Besitzer der Tiere bereit, bis zu 120 Euro je Therapiestunde zu zahlen“, weiß die Loruperin. Sollte das Angebot sich durchsetzen, dürfte eine der Folgen für die herkömmlichen Patienten noch längere Wartezeiten sein.

Die Physiotherapeutin Heike Hugenberg aus Lorup beteiligt sich an der Kampagne „#OhnemeinenPhysiotherapeuten. Die Initiative setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen in dem Beruf ein. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper

(Weiterlesen: Blinde Physiotherapeutin aus Lingen sieht mit ihren Händen)


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