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Seit Mai auf einem Ankerziehschlepper Susanne Berner aus Hollage ist eine studierte Seebärin mit Diplom

Von Michael Schiffbänker | 09.09.2011, 07:37 Uhr

Weil die 25-jährige Hollagerin Susanne Berner nach dem Abitur nicht wusste, was sie machen sollte, ging sie zum Praktikum in eine Werbeagentur. Das half nicht. Irgendwann sagte ein Kollege im Scherz: „Werd doch einfach Kapitän.“ Susanne Berner sagte: „Gute Idee!“ – und fing an.

Wer Susanne Berner zum ersten Mal trifft, sieht blonde Locken, sieht große, helle Augen, hört sie reden, sprudelnd und manchmal übermütig, hört zwangsläufig irgendwann ein Lachen und dann noch eines. Mitten in eines dieses Lachen hinein sagt Susanne Berner: „Manchmal fühle ich mich wie ein Seebär.“

Seebären gehören zur Gattung der Ohrenrobben, haben dichtes Fell, und manche Arten sind vom Aussterben bedroht. Den Blick auf Berners Ohren verwehrt ihr dichtes Haar, und gefährdet ist ihre Art nicht. Susanne Berner hat im vergangenen Jahr nach acht Semestern ihr Nautik-Studium in Elsfleth abgeschlossen. Seitdem trägt die 25-Jährige den Titel „Diplom-Ingenieurin“. Sie ist also eine studierte Seebärin. Und sie ist nicht allein. Seit zehn Jahren steigt der Anteil der weiblichen Nautik-Studenten in Elsfleth. Inzwischen sind es 30 Prozent. Eine weitere Männerdomäne bröckelt. Doch es wird noch Jahre dauern, bis sich dieser Trend auf den Schiffen bemerkbar macht.

Susanne Berner arbeitet seit Mai 2010 als 3. Offizier auf dem Ankerziehschlepper und Versorger „UOS Pathfinder“ des in Leer ansässigen Unternehmens Hartmann Offshore. Sie ist die einzige Frau in ihrer Crew. „Das ist, wie mit 14 Onkeln und Brüdern an Bord zu sein“, sagt Susanne Berner.

Mit Onkeln und Brüdern aus Polen, England, Kroatien, Schottland und Südafrika. Aus diesen Ländern kommen ihre Kollegen. Alle zwölf Wochen treffen sie sich am Flughafen von Kairo, fahren zusammen zu ihrem Heimathafen Abukir, gehen an Bord – und bleiben dort sechs Wochen lang, pendeln zwischen Hafen und der Bohrinsel, die sie versorgen. In dieser Zeit arbeiten sie zusammen und reden darüber. Sie essen gemeinsam und erzählen von daheim, von ihren Familien, ihren Hobbys. Sie streiten und sie lachen. Oft über derbe Zoten. Männer eben. Seebären. „Ich fühle mich wie eine von denen“, sagt Susanne Berner.

Während sie das sagt, hat sie sich in ein Ledersofa plumpsen lassen. Sie ist daheim in Hollage bei ihren Eltern. Landgang. Sechs Wochen freie Zeit. Sie trägt Jogginghose, an den Füßen nur Söckchen. Auf ihrem Kapuzenpulli ist eine tanzende Dicke zu sehen. Auf Englisch steht darauf, dass Schokolade gute Laune verursacht oder so ähnlich. So genau ist das nicht zu erkennen, weil Susanne Berner beim Erzählen hin- und herrutscht, die Arme ins Reden einbindet und den Oberkörper mal vorbeugt, dann zurücklehnt, als ob im heimischen Wohnzimmer Wellengang herrsche.

Auf Wache

An Bord, in diesen sechs Wochen des sachten Schaukelns und stürmischen Auf und Abs, führt Susanne Berner ein ganz anderes Leben als zu Hause. „Hier komme ich nicht mal auf die Idee, fünf Meter mit dem Fahrrad zu fahren“, sagt sie von ihrer Kommandobrücke Ledersofa aus. An Bord ist sie den ganzen Tag auf den Beinen. Zweimal am Tag geht sie Wache, wie es sich für den dritten Offizier gehört. Dann steuert sie das Schiff, beobachtet den Schiffsverkehr, schaut, ob die Brandschutzausrüstung komplett ist, ob die Rettungsringe in Ordnung sind, und prüft die Gummidichtungen der wasserdichten Türen. Alkohol gibt es nicht auf den Touren, dafür gesundes Essen. In ihrer Freizeit geht Berner ins bordeigene Fitnessstudio und ins Internet. Sie bloggt, mailt, skypt – hält also auf allen Kanälen Kontakt zu ihren Freunden und ihrer Familie daheim.

Die haben natürlich anfangs gefragt, wie es ist, was in Ägypten los ist, ob sie schon was Tolles gesehen hat. Stinklangweilig sei es manchmal, sagt Berner. Schuld daran sei das Dümpeln. Das ist kein Fachwort aus der Nautik, sondern eine Berner’sche Umschreibung für das tagelange Kreisen in der Nähe der Bohrinsel, ehe von dort das Signal zum Andocken kommt.

Keine Traumstrände

„Manchmal eiern wir tagelang mit einem Knoten Geschwindigkeit durch die Gegend“, erzählt Berner. Vor allem wenn sie Ersatzteile und Werkzeuge beförderten. Wenn sie allerdings Nahrung an Bord hätten, sei die Crew der Insel meist direkt klar zum Löschen der Ladung.

Die Klischees – das Arbeiten, wo andere Urlaub machen, das Flitzen von einem Traumstrand zum nächsten – habe sie nicht erlebt, sagt Berner. In 31 Ländern sei sie bislang gewesen. Was sie dort sah und erlebte, waren Müll, Hunde, Katzen, Dreck und Lärm. Sie hat ihre Praxissemester vor allem auf Containerschiffen verbracht. Was sie von den Ländern gesehen hat und sieht, sind die Containerhäfen – und die tauchen in keinem Touristenführer auf. Für weiße Strände und Landgang zu Dschungeltouren hätte Susanne Berner auf einem Kreuzfahrtschiff anheuern müssen. „Aber weiße Uniform, immer nett lächeln und so? Ne, dafür bin ich nicht der Typ.“

Sie fasziniert das Zur-See-Fahren an sich. „Aufs Radar gucken und Schiffen ausweichen – das macht Spaß!“, sagt Berner. Und das Schleppen, wenn die „Pathfinder“ an einer Bohrinsel festmacht, um diese zum nächsten Einsatzort zu ziehen. Das Meer natürlich auch. Susanne Berner hat Fotos von Sonnenuntergängen, vom rot lodernden Abstiegskampf bis zum orange-sanften Vergehen, von Regenbögen und den gigantischen Stahlskeletten der Bohrinseln – und immer bildet das blaue, gekräuselte Wasser die nimmer ruhende Leinwand.

Niemals ins Büro

Einen Bürojob will Susanne Berner niemals machen. Neues will sie. Weite will sie. Und das Meer. Erst einmal. Früher habe sie immer Kapitän werden wollen, sagt Berner. „Aber jetzt kann ich nicht einmal absehen, was in fünf Jahren ist.“ Vielleicht habe sie dann eine eigene Familie. Und dann? „Dann werde ich vielleicht Kapitän auf einer Helgolandfähre.“

Damit hätte der Kollege aus der Werbeagentur den Beweis, dass manche Scherze Wirklichkeit werden.