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Flüchtling in der Stunde Null Pater Weiß wurde vor 70 Jahren Hollager Neubürger

Von Joachim Dierks | 23.12.2015, 12:35 Uhr

Wolfgang Weiß wurde 1946 aus seiner Heimatstadt Frankenstein südlich von Breslau vertrieben. Mit seiner Familie kam er als Dreizehnjähriger in das Dorf Hollage. Beim Bauern Niehaus in der Barlage fand die Familie Zuflucht. Der heute 82-jährige Weiß lebt als Ordensmann in Rom. Kürzlich besuchte er seine „Ziehmutter“, die 93 Jahre alte Maria Niehaus.

Frankenstein ist für die meisten Zeitgenossen ein gruselerregendes Monster. Die Frankensteiner Straße in Hollage hat mit der Roman- und Filmkreatur allerdings nicht das Geringste zu tun. Sie ist nach der Kreisstadt Frankenstein in Schlesien benannt. Aus diesem Frankenstein floh Anfang 1945 ein Großteil der deutschen Bevölkerung vor der vorrückenden Roten Armee. Die Übriggebliebenen wurden nach Kriegsende fast vollständig durch die neue polnische Verwaltung vertrieben. Viele Frankensteiner fanden in Wallenhorst eine neue Heimat. Daran erinnert die Straßenbenennung.

Sammeltransport per Viehwaggon

„Frankenstein Junior“ Wolfgang Weiß kam mit Mutter und zwei Brüdern – der Vater war im Krieg geblieben - im April 1946 in einem Sammeltransport per Viehwaggon nach Hilter. Das alte Kalkwerk diente als „Erstaufnahmeeinrichtung“, obwohl das damals nicht so hieß. Die weitere Verteilung der Menschen verlief überwiegend selbstorganisiert. „Wir hatten in Frankenstein ein Diakonissen-Mutterhaus“, erzählt Weiß, „mehrere Schwestern waren mit in unserem Transport. Sie standen natürlich in Kontakt mit den Diakonissen in Bethel. Von dort bekamen wir gute Unterstützung.“

Per Lastwagen nach Hollage

Nun war es aber so, dass die meisten Frankensteiner katholisch waren, wie auch Familie Weiß. Wenn schon in der Fremde, dann sollte es wenigstens in eine katholische Gemeinde gehen. „Wir waren mit einer Familie Hoppe befreundet, die Aufnahme in Hollage gefunden hatte. Deshalb wollten wir da nun auch hin“, erzählt Weiß weiter. Da die Frankensteiner gern zusammenbleiben wollten, war bald eine ganze Wagenladung voll zusammengestellt. Der Lastwagen fuhr nach Hollage und setzte seine Fracht vor der Gaststätte Strößner ab. „Die Leute begrüßten uns auf Platt, wir verstanden kein Wort. Einige von uns meinten, das sei Englisch, weil wir ja in der britischen Besatzungszone wären“, so Weiß.

Strohlager als Unterkunft

Erste Unterkunft war ein Strohlager in der Schule (heute: Altbau der Erich-Kästner-Schule). „Pastor Schulte kam sehr freundlich auf uns zu, er organisierte sofort Lebensmittelmarken für uns“, steht Weiß noch deutlich vor Augen. Ungefähr zwei Wochen blieb Familie Weiß in dem Notquartier. Dann war auf dem Hof Niehaus ein Zimmer frei geworden, in dem zuvor eine Berlinerin mit Kind gewohnt hatte, die im Rahmen der „Aktion Storch“ aus dem völlig zerstörten Berlin evakuiert worden war. Ferdinand Niehaus, der Schwager der heutigen Seniorin Maria Niehaus, kam mit der Kutsche zur Schule gefahren und holte Familie Weiß ab, die nun auf dem Hof im nördlichen Zipfel der Barlage ein neues Zuhause fand. Marias Mann Albert (1993 gestorben) wurde später zum Vormund der Kinder bestimmt, nachdem auch die Mutter gestorben war.

Lehre bei Firma Nagel

„Wir wurden wie richtige Kinder aufgenommen, es ging uns fast so gut wie im Frieden in der Heimat“, denkt Weiß an seine Jugend zurück, „die ganze Katastrophe des Heimatverlustes hatte unser Bewusstsein nicht erreicht. Anfangs dachte man ja auch noch, es geht bald wieder zurück, wenn die da oben sich geeinigt haben.“ Weiß ging ein Jahr bei Hauptlehrer Kock in die Abschlussklasse 8 der Hollager Volksschule und dann bei einem Großhandel für Werkzeuge und Fahrzeugbeschläge, bei der Firma Heinz Nagel in der Holtstraße in Osnabrück, in die Lehre.

Karriere im Pallottiner-Orden

Im Laufe der Jahre wuchs in ihm der Wunsch, Priester zu werden. Der Pallottiner-Orden war ihm vertraut, weil die Brüder eine Niederlassung in Frankenstein besessen hatten. 1950 nahm ihn das Missionshaus der Pallottiner in Limburg/Lahn auf. 1956 schloss er das Kolleg mit dem Abitur ab und studierte dann Theologie auf der Ordenshochschule in Schönstatt (bei Koblenz). 1962 wurde er zum Priester geweiht. Als Mitglied der Pallottiner-Gemeinschaft nahm er Ämter in Kanada, London, Indien, Australien und Rom an und „machte Karriere“, wie man so sagt. Auch nach der offiziellen Verabschiedung als Generalrat holte der Generalobere ihn wieder in den aktiven Dienst zurück, weil man auf den Rat und die Fremdsprachenkenntnisse – Weiß beherrscht Englisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch – nicht verzichten konnte.

Hollager Besuch in der Ewigen Stadt

Bei aller Weltläufigkeit hat Weiß den Kontakt zu seiner zweiten Heimat Hollage und zu „seiner Familie“ Niehaus nie verloren. Jedes Jahr besucht er den Hof in der Barlage. Und andersherum empfängt „Hollages Botschafter in Rom“ auch öfters Hollager Besuch in der Ewigen Stadt, seien es Mitglieder der Familie Niehaus, Kolpingbrüder oder ehemalige Mitschüler.

Schnelle Assimilation

Für die heutigen Bürgerkriegsflüchtlinge bringt Weiss ein besonderes Verständnis auf, weil er vor 70 Jahren das Gleiche durchgemacht hat. Das Gleiche? „Die Grundsituation, der Verlust der Heimat, ist identisch, aber sonst ist vieles anders. 1946 lag Osnabrück am Boden. Die Leistung der aufnehmenden Gesellschaft war größer als heute, wo überall Wohlstand herrscht. Andererseits: Wir waren Deutsche, wir kamen aus demselben Kulturkreis und wir saßen in der Kirchenbank Schulter an Schulter mit den Einheimischen – das machte die Integration leicht.“ Schon in der zweiten Generation hätte die Frankensteiner sich nach Weiss‘ Beobachtung eher als Wallenhorster denn als Frankensteiner gefühlt. Indiz für die schnelle Assimilation seien auch die jährlichen Treffen der Frankensteiner in Rulle: 1954 kamen 1500, heute sind es vielleicht noch 50 (Weiterlesen: Weiterere Berichte aus Wallenhorst in Ihrem Ortsportal ).

Gebirtsort Frankenstein

Die Horrorfigur Frankenstein hat Pater Weiß zeit seines Lebens nicht sonderlich interessiert. Konfrontiert wurde er mit ihr erstmals während seiner Zeit in Kanada. Wenn er auf Ämtern seinen Geburtsort angeben musste und er wahrheitsgemäß „Frankenstein“ antwortete, kam regelmäßig die Rückfrage „Are you kidding me?“ („Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“).