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Bewährungsstrafe gegen Wallenhorster Amtsgericht verurteilt Geschwister für Selbstjustiz

Von Heiko Kluge | 08.06.2016, 18:00 Uhr

Das Amtsgericht verurteilte einen 42-jährigen Mann aus Wallenhorst und seine 32 Jahre alte Schwester wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit versuchter Nötigung zu Bewährungsstrafen von elf und neun Monaten.

Nach Überzeugung des Gerichts hatten die beiden mit drei unbekannt gebliebenen Mittäterinnen eine Frau in ihrer Wohnung in Hasbergen überfallen, bedroht und geschlagen, um angeblich von ihr gestohlenes Geld zurückzubekommen.

Lügendetektor eingesetzt

Der 42-Jährige hatte einem Bekannten 13.000 Euro zur Verwahrung gegeben. Aus dessen Wohnung war der Geldbetrag dann gestohlen worden. Neben zwei anderen Frauen hatte der 42-Jährige auch eine Frau aus Hasbergen als Diebin in Verdacht. Um den Diebstahl aufzuklären sei sein Mandant auf die ungewöhnliche Idee gekommen, einen Lügendetektor einzusetzen, erklärte der Verteidiger des Mannes. Über eine Internetrecherche fand er einen Mann im Sauerland, der über ein entsprechendes Gerät verfügte und sich bereit erklärte, die Befragung durchzuführen. Wie man es aus Filmen kenne, seien die drei verdächtigten Frauen verkabelt und Fragen ausgesetzt worden, berichtete der Verteidiger. Das Ergebnis der Lügendetektorbefragung sei klar gewesen: Nur die 32-jährige Frau aus Hasbergen konnte demzufolge die Diebin sein – die beiden anderen Frauen schieden aus. „Das war für ihn Sicherheit genug“, sagte der Anwalt über den 42-Jährigen.

Geld zurückgefordert

Nachdem sein Mandant die Sache im Familien- und Bekanntenkreis besprochen habe und die Frauen emotional hoch aufgeladen reagiert hätten, habe der 42-Jährige die Beschuldigte in ihrer Wohnung in Hasbergen aufgesucht. Ohne zu drohen habe er die Frau mit dem Ergebnis der Lügendetektorbefragung konfrontiert und ihr erklärt, er wolle sein Geld zurück. Doch die beharrte darauf, nichts mit der Sache zu tun zu haben.

Mit Schlägen und Tritten traktiert

Laut Anklage ließ der Angeklagte daraufhin seine Schwester und drei weitere Frauen in die Wohnung, die die Frau festhielten, sie mit Schlägen und Tritten traktierten und schließlich auch unter Vorhalt eines Messers drohten, sie abzustechen, falls sie nicht sage, wo das Geld sei. Schließlich wurde der Frau, die zahlreiche Prellungen, eine Gehirnerschütterung sowie eine angebrochene Rippe und einen schweren Schock davontrug, eine einwöchige Frist eingeräumt, um die 13.000 Euro zu beschaffen.

Tonaufnahmen vom Geschehen

Die 32-jährige Geschädigte macht vor dem Gericht von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Laut ihrem Anwalt begebe sich die Frau selber in die Nähe eines Ermittlungsverfahrens, wenn sie eine Aussage mache: „Sie hat eine Dummheit begangen, die mittel- oder unmittelbar im Zusammenhang mit dem Geschehen steht.“ Allerdings hatte die 32-Jährige das Geschehen in ihrer Wohnung als Tonaufnahme mit dem Handy mitgeschnitten, die das Gericht in der Verhandlung anhörte. Die 16-minütige Aufnahme ergab tatsächlich, dass der 42-Jährige ohne Drohung mit der 32-Jährigen sprach, belegte aber auch mit beklemmender Drastik die gewaltgeladene Atmosphäre und unglaubliche Aggressivität der anschließenden Behandlung durch die Frauen. (Weiterlesen: 27 Straftaten gegen das Leben in der Region Osnabrück )

Hat der Angeklagte die Wohnungstür geöffnet?

„Die Körperverletzungen und Drohungen waren weder mit ihm abgesprochen noch in seinem Sinne“, betonte der Verteidiger des 42-Jährigen. Er habe den Frauen die Wohnungstür auch nicht geöffnet. Der Angeklagte sei von Natur aus besonnen, sei aus der Wohnung rausgegangen und weggefahren. „Es ist in Sinti-Kreisen durchaus üblich, dass Frauen so etwas unter sich regeln“, so der Anwalt, der einen Freispruch für seinen Mandanten forderte. Juristisch treffe den Mann keine Schuld. Da er sich aber dennoch verantwortlich fühle, habe er der Frau bereits ein Schmerzensgeld von 3500 Euro gezahlt.

Frauen stürmen in die Wohnung

Seine Mandantin räume ein, mit drei weiteren Frauen an dem betreffenden 22. September 2014 in die Wohnung der Frau gestürmt zu sein, erklärte der Verteidiger der ebenfalls angeklagten Schwester des 42-Jährigen. Es sei zu körperlichen Übergriffen gekommen, auch sei die Wohnung durchsucht worden. „Es ist ihr schon bewusst, dass das eine üble Nummer war.“ Er sprach sich für eine Geldstrafe für seine Mandantin aus. (Weiterlesen: Weitere Berichte und Analysen zu den Themen Verkehr und Kriminalität finden sie im NOZ-Portal „Sicher leben“ )

Schmerzensgeld als Indiz

Mit den Bewährungsstrafen blieb das Gericht etwas unterhalb der Strafanträge des Staatsanwalts. Sie hätten keinen Zweifel, dass der 42-Jährige in der Sache ein Mittäter sei. „Wir sind der Auffassung, dass hier eine Absprache vorlag.“ Nach Überzeugung des Gerichts war es auch der 42-jährige, der die Frauen in die Wohnung ließ. Mit deren Hereinstürmen habe er gewissermaßen „die Stufe zwei gezündet“, damit die Frauen die Sache, wie es der Verteidiger ausgedrückt habe, „auf Sinti Art und Weise“ regeln. Auch das freiwillig gezahlte Schmerzensgeld wertete das Gericht als Indiz gegen den 42-Jährigen. Warum zahle der Mann einen solchen Betrag, wenn er gar nichts gemacht habe?

„Selbstjustiz geübt“

„Hier hat man Selbstjustiz geübt. Das geht gar nicht“, betonte der Vorsitzende. Über 16 Minuten habe das Opfer Todesangst gehabt, „dafür gibt es eine deutliche Freiheitsstrafe und fertig.“ Wird das Urteil rechtskräftig, muss der Mann zudem eine Geldauflage von 3600 Euro an das Osnabrücker Mädchenhaus zahlen, seine Schwester soll 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit ableisten. (Weiterlesen: Weitere Berichte aus den Gerichtssälen der Region)