Prozess am Landgericht Osnabrück War Wallenhorster bei Messerangriff nur eingeschränkt schuldfähig?

Von Heiko Kluge

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Der Wallenhorster, der seinen Nachbarn mit Messerstichen verletzt haben soll, ist laut eines Gutachters nur vermindert schuldfähig. Symbolfoto: Michael GründelDer Wallenhorster, der seinen Nachbarn mit Messerstichen verletzt haben soll, ist laut eines Gutachters nur vermindert schuldfähig. Symbolfoto: Michael Gründel

Wallenhorst/Osnabrück. Im Prozess am Landgericht Osnabrück gegen den Mann aus Wallenhorst, der seinen Hausnachbarn mit Messerstichen lebensgefährlich verletzt haben soll, hält der psychiatrische Gutachter die Voraussetzungen für eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit für erfüllt. Ihm zufolge leidet der Mann aufgrund mehrerer Infarkte im Hirn an einer organischen Wesensänderung.

Der heute 61-Jährige soll am Abend des zurückliegenden 1. Juni vor der Wohnungstür eines seiner Nachbarn aufgetaucht sein und dem Mann plötzlich mit einem Messer mehrere Stiche in den Brustbereich versetzt haben, so die Anklage. Ärzte stuften die Verletzungen des Mannes, die eine sofortige Notoperation erforderten, als potenziell lebensbedrohlich ein. Die im selben Mehrparteienhaus lebenden Männer sollen bereits im Vorfeld Streitereien gehabt haben. Der 61-Jährige Angeklagte machte vor Gericht bislang keine Angaben zu dem Vorwurf.

Organisch bedingte Wesensänderung

Für die Begutachtung hatte der Sachverständige auch eine Magnetresonanztomographie (MRT) vom Schädel des 61-Jährigen veranlasst. Auf den entstandenen Bildern lasse sich erkennen, dass der Mann neben einem großen auch zahlreichen kleine Infarkte im Hirn habe. Derartige Infarkte führten zu Beeinträchtigungen, die Auswirkung auf die Betroffenen habe. Unter anderem könne dies zu Lärmempfindlichkeit, Reizbarkeit und aggressivem Verhalten führen. Bei dem Angeklagten liege eine organisch bedingte Wesensänderung vor, resümierte der Gutachter. „Seine intellektuelle Leistungsfähigkeit ist nicht beeinträchtigt, wohl aber seine Affektivität und Emotionalität.“

Lärmempfindlich

Die Veränderungen im Gehirn führten dazu, dass emotionale Zwischenstufen nicht mehr vorhanden seien – so seien Betroffene entweder ganz traurig, ganz euphorisch oder ganz wütend. Die kognitive Störung könne sich auch in der rigiden Beurteilung des Verhaltens andere Personen in richtig und falsch äußern. Bei dem 61-Jährigen sei festzustellen, dass er besonders empfindlich auf Lärm reagiere. Anhaltende Regelverstöße, wie etwa laute Musik nach 22 Uhr, könnten dann bei dem Mann dazu führen, „dass überschießende aggressive Verhaltensmuster auftreten“.

Mit Gehhilfe geschlagen

Zeugen hatten berichtet, dass es bereits zwei Tage vor dem Geschehen ein Streitgespräch zwischen dem Angeklagten und dem Geschädigten wegen zu lauter Musik gegeben habe. Im Zuge dieses Streits soll der 61-Jährige den Mann auch mit seiner Gehhilfe geschlagen und am Finger verletzt haben. Was den Vorfall am 1. Juni anbelangt, „so kann man den wohl unter der Überschrift fassen: Jetzt reicht´s aber!“, sagte der Gutachter.

Wut und Angst

Wieder sei der 61-Jährige mit dem Geschädigten wegen lauter Musik in Streit und schließlich eine körperliche Auseinandersetzung geraten. Das Messer sei von dem Geschädigten ins Spiel gebracht worden, sagte der Gutachter, der sich dabei auf Angaben des 61-Jährigen während der Untersuchung bezog. Während der Auseinandersetzung sei es auch zu einem doppelten Bruch des linken Arms des 61-Jährigen gekommen. Es sei zu Wut und Angst gekommen, in deren Folge er dann zugestochen habe.

Klare Regeln

Der 61-Jährige habe kein Messer mitgenommen, als er sich auf den Weg zu seinem Hausnachbarn gemacht habe. Auch habe der Angeklagte nicht ursprünglich beabsichtigt, den anderen zu stechen, meinte der Gutachter. Die Voraussetzungen einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit hielt er aufgrund der organischen Wesensänderung des Mannes für erfüllt. Eine etwaige Unterbringung des strafrechtlich bislang nicht in Erscheinung getretenen 61-Jährigen hielt der Sachverständige nicht für erforderlich. „Es reicht ein psychiatrisch betreutes Wohnheim aus, wo es klare Regeln gibt und ab 22 Uhr Nachtruhe herrscht.“

Der Prozess wird fortgesetzt.


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