Berührendes Bewerbungsschreiben Wie ein Suchtkranker versucht, einen Job zu finden

So selbstbewusst wie auf diesem Bild konnte sich Malte B. nicht immer zeigen. In der Holzwerkstatt der Fachklinik Nettetal hat er zu sich selbst gefunden. Foto: Gert WestdörpSo selbstbewusst wie auf diesem Bild konnte sich Malte B. nicht immer zeigen. In der Holzwerkstatt der Fachklinik Nettetal hat er zu sich selbst gefunden. Foto: Gert Westdörp

Wallenhorst/Osnabrück. Jobsuche ist schon für einen normalen Menschen schwierig. Aber Jobsuche für einen Suchtkranken ist fast unmöglich. Ein Patient aus der Fachklinik Nettetal in Wallenhorst hat deshalb einen ungewöhnlichen Weg gewählt, um wieder ins Berufsleben einzusteigen.

Ehrlich und gleichzeitig überzeugend – so soll ein Bewerbungsschreiben normalerweise sein. Dieser Spagat fällt sogar Jobsuchenden schwer, die Ausbildung oder Studium hinter sich haben. Wie geht es da erst Menschen, deren Lebensweg nicht so gradlinig verlaufen ist?

Ein Beispiel ist Malte B. Der 28-Jährige, der seinen vollen Namen lieber für sich behält, lebt seit sechs Monaten in der Fachklinik Nettetal in Wallenhorst. Teil seiner Therapie ist es, sich auf das Berufsleben vorzubereiten. In einer sehr persönlichen Bewerbung um eine Ausbildung als Tischler hat er ungewöhnliche Worte gewählt.

Ich bin ehrlich gesagt kein Freund von Bewerbungsschreiben. Die Art, wie man dabei sich selbst in Szene setzen und seine Vergangenheit ausschmücken muss, hat mich schon immer gestört. Ich bin nicht perfekt und werde nicht versuchen, Sie davon zu überzeugen.

Wer so schreibt, der hat nichts zu verlieren und viel zu gewinnen: Die Fachklinik Nettetal ist ein Rehabilitationszentrum für Männer, die abhängig sind von illegalen Drogen. Viele der 37 Patienten haben zusätzlich psychische Erkrankungen. Bei der bis zu sechsmonatigen Behandlung in der Einrichtung steht vor allem die soziale Integration im Vordergrund. „Arbeit und Beruf sind dabei immer wieder Thema“, sagt Chefärztin Elke Sylvester, „sie spielen eine wichtige Rolle für das spätere Leben unserer Rehabilitanden.“

In den letzten Jahren war ich damit beschäftigt, meine sozialen Ängste in den Griff zu bekommen. Die Wahl eines Berufes und das Absolvieren einer Ausbildung waren in dieser Zeit erstmal auf Eis gelegt. Ich war mir in der Vergangenheit nie sicher, welchen Beruf ich später einmal ausüben möchte.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Abhängigkeit und Arbeitslosigkeit. Das zeigen die Daten des Fachverbandes Sucht. Der Verein erfasst in seiner Basisdokumentation jährlich die Daten von 95 Mitgliedseinrichtungen deutschlandweit. In die aktuelle Ausgabe von 2015 sind Informationen von über 20.000 Patienten eingeflossen. Demnach sind rund 73 Prozent in der Altersgruppe von 25 bis 40 Jahren vor Beginn der Behandlung in einer Fachklinik arbeitslos. Am Ende des Aufenthalts sind es sogar 81 Prozent. Neben einer Kündigung während der Reha-Maßnahme können laut Studie auch auslaufende Arbeitsverträge oder therapeutisch notwendige Wohnortwechsel Gründe für einen Arbeitsplatzverlust sein.

Gleichzeitig geht der Verband davon aus, dass „die Erwerbsarbeit für die Überwindung einer Suchtproblematik von zentraler Bedeutung ist“. Davon ist auch Malte B. überzeugt: „Arbeit schafft Struktur, Identität und Erfolgserlebnisse.“ Er selbst hat in der Fachklinik wieder festgestellt, dass sich Freizeit erst richtig genießen lässt, wenn sie in Abgrenzung zur Arbeitszeit steht.

Vor der Behandlung hat der 28-Jährige „recht erfolglos studiert“ und sich etwas Geld mit Gelegenheitsjobs dazu verdient. Zuletzt haben ihm das aber insbesondere seine sozialen Ängste erschwert. „In einem Raum mit anderen Menschen zu sein, sich zu unterhalten und Augenkontakt aufzubauen, das wäre vor der Behandlung nicht möglich gewesen“, beschreibt seine Therapeutin Nina Rieskamp.

Praktische, körperliche Arbeit sagt mir besonders zu. Seit Februar dieses Jahres nehme ich an einer arbeitsorientierten Therapie teil, in deren Rahmen ich die Möglichkeit hatte, den Beruf des Tischlers näher kennenzulernen. Durch diese Erfahrung bin ich nun zu dem Entschluss gekommen, dass ich diesen Beruf gerne erlernen möchte.

Malte B. musste in der Fachklinik hart an sich arbeiten, um seine Ängste zu überwinden und abstinent von Drogen zu leben. Geholfen haben ihm die Gesellschaft der anderen Patienten und die Arbeit in der Holzwerkstatt der Fachklinik: Löcher bohren, schleifen und zuschneiden, all das konnte Malte unter Anleitung von Therapeuten und gelernten Handwerkern ausprobieren. Über mehrere Wochen nahmen so unter anderem ein hölzernes Treppengeländer und Bänke für den Außenbereich der Anlage Gestalt an.

Die Arbeit hat für B. auch eine emotionale Komponente: „Mein Vater ist auch gelernter Tischler. Ich trage viel von ihm in mir, da liegt es wohl nahe, dass wir ähnliche Interessen haben.“

Was mir am meisten Spaß gemacht hat, war das genaue Planen von Arbeitsschritten und das damit verbundene Erfolgserlebnis, wenn dadurch am Ende alles genau so passt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Auch, dass man als Tischler nie ausgelernt hat, spricht mich sehr an.

Gegen Ende der Rehazeit war es Therapeutin Nina Rieskamp, die Malte B. während einer Therapieeinheit bat, ein Bewerbungsschreiben für seinen Wunschberuf zu verfassen. Als er die erste Abgabefrist verstreichen ließ, riet sie ihrem Patienten: ‚Schreib erst mal einfach nur drauf los!‘ Das Ergebnis berührte und überraschte Rieskamp gleichermaßen.

„Das Schreiben entspricht überhaupt nicht den Formalien, aber es ist beeindruckend offen und macht neugierig auf den Menschen, der sich dahinter verbirgt“, so ihr Urteil. Sie entschied, Malte nicht in das strenge Korsett einer schulbuchmäßigen Bewerbung zu zwingen.

Natürlich weiß Rieskamp, dass ein solches Bewerbungsschreiben auch Risiken birgt: „Ich weiß nicht, wie Unternehmer aus dem Handwerk auf so ein Schreiben reagieren.“ Werden sie neugierig, so wie Rieskamp selbst? Oder lassen sie lieber die Finger von jemandem, der offensichtlich Probleme hat? Normalerweise rät sie ihren Patienten, „nicht mit der Tür ins Haus zu fallen“ und die eigene Geschichte erst nach und nach zu erzählen.

Menschen mit Suchterkrankungen werden gerade im Berufsleben häufig stigmatisiert, weiß die Arbeitstherapeutin: „Sie werden mit bestimmten Eigenschaften assoziiert: Sie klauen, sind unzuverlässig, werden häufig krank oder halten keine Belastungen aus.“

Was ich auf jeden Fall noch lernen muss, ist unter Zeitdruck zu arbeiten. Ich bin natürlich inzwischen nicht mehr der Jüngste, dafür aber sehr motiviert und fest entschlossen, mein Leben in die richtigen Bahnen zu lenken. Ich hoffe, dass Sie mir die Chance geben, Sie in einem persönlichen Gespräch von mir zu überzeugen.

Wie Malte B.s Bewerbungsschreiben ankommt, wird sich noch zeigen. Abgeschickt hat er es noch nicht. Nach seiner Reha im Nettetal will er sich ein weiteres Jahr Zeit nehmen, um stabiler zu werden: „In meiner Situation kann eine Vollzeitstelle genau das Richtige sein, oder es kann total nach hinten losgehen.“ Das bedeutet: Alte Verhaltenmuster können wiederkehren, die Angst ihn wieder heimsuchen, vielleicht würde er rückfällig. Um dieser Gefahr aus dem Weg zu gehen, wird Malte vorerst in das Carl-Sonnenschein-Haus am Osnabrücker Knappsbrink einziehen.

In der betreuten Wohneinrichtung ist er von Ansprechpartnern umgeben, die bei Problemen des Alltags weiterhelfen – zum Beispiel, wenn es negative Rückmeldungen auf Bewerbungsschreiben geben sollte. Außerdem kann Malte an Arbeitsmaßnahmen am Beruflichen Trainingszentrum des Handwerks teilnehmen, sich weiter ausprobieren, ein Praktikum machen.

Für den Moment ist Malte damit zufrieden. „Ich hatte meine Hoffnungen für die Zukunft eigentlich schon aufgegeben.“

Hier geht es weiter: Klinik im Emsland hilft bei Suchterkrankungen


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