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Ludger Hellermann rezitiert und stellt den Dichter vor Ringelnatz im Dulingshof

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Alte Verse zu neuem Leben erweckt: Ludger Hellermann las im Wallenhorster Dulingshof aus Werken von Joachim Ringelnatz. Foto: Egmont SeilerAlte Verse zu neuem Leben erweckt: Ludger Hellermann las im Wallenhorster Dulingshof aus Werken von Joachim Ringelnatz. Foto: Egmont Seiler

Wallenhorst. Der Mann in schwarzer Kleidung und mit grauem Bart spricht mit sonorer Stimme – und dem Publikum im Fachwerk des Dulingshofs kommt es vor, als würde Joachim Ringelnatz vor ihnen stehen. Doch es ist Ludger Hellermann. Der Osnabrücker schlüpft in die Rolle des Schriftstellers und Kabarettisten. Und manchmal tritt er heraus, um über das Leben des längst Verstorbenen zu berichten.

Wer nicht weiß, dass der echte Joachim Ringelnatz mit sächsischem Akzent gesprochen hätte und auch ganz anders aussah, nämlich eher kleinwüchsig und ohne Bart, könnte Ludger Hellermann für das Original halten, das 1883 bei Leipzig geboren wurde. Mit 17 Jahren wurde er Seemann, wohnte eine Zeit lang in Städten wie Hamburg und im englischen Hull, wo er obdachlos von Essensspenden lebte. Im Ersten Weltkrieg diente Ringelnatz einem Minenboot, arbeitete später in rund 30 Berufen, bevor er schließlich als Kabarettist auftrat und 1934 verarmt in Berlin starb. Die Nationalsozialisten hatten ihm die Auftritte verboten und seine Bücher verbrannt.

„In Hamburg lebten zwei Ameisen, die wollten nach Australien reisen.“ So beginnt ein Gedicht von Ringelnatz. Doch über Altona kommen sie nicht hinaus – „und da verzichteten sie weise, auf den letzten Teil der Reise“. Dieser Humor durchzieht ebenso viele Gedichte von Ringelnatz wie unvermittelte Sprünge: „Die Löcher sind die Hauptsache an einem Sieb. Ich habe dich so lieb.“ Oder so: „Ein männlicher Briefmark“, der die Prinzessin, die ihn beleckt hatte, nun küssen wollte: „Doch da hat er verreisen müssen.“ Nämlich mit dem Brief.

Ringelnatz stellte sich die Weltsicht von Dingen oder Pflanzen vor. Da ist das Staubkorn, das sich von einem Menschen ins Universum niesen lässt, und „der arme Sauerampfer, der nie einen Dampfer sah“. Aber auch melancholische Gedichte schrieb der Dichter über Menschen und ihre Schicksale oder Tiere, die unter Menschen leiden müssen.

Ludger Hellermanns stummer Nebendarsteller ist ein großer Koffer, den er einst vom Karikaturisten und Ringelnatz-Verehrer Fritz Wolf geschenkt bekam. Daraus holt er Utensilien hervor, die in den Gedichten vorkommen, und macht so die Rezitation zu einem mal spaßigen und mal ernsten Schauspiel.

Auf diese Weise ist Ludger Hellermann bereits vor Jahren in Cuxhaven aufgetreten, als dort das Ringelnatz-Museum eröffnet wurde. Doch das Repertoire des Osnabrücker Literaturfreundes umfasst auch Werke von Goethe, Rilke, Tucholsky und Hesse, die er auf zeitlose Weise in die Gegenwart holt.


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