Wallfahrtsgeschichte Vortrag über Betrug, Lügen und Wunderheilungen in Rulle

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Wunderwerk oder Mumpitz: Im Ruller Johanneshaus sprach Hermann Queckenstedt über die Pilger-Geschichte. Foto: Silke BickerWunderwerk oder Mumpitz: Im Ruller Johanneshaus sprach Hermann Queckenstedt über die Pilger-Geschichte. Foto: Silke Bicker

Wallenhorst. Alfantzerey – oder laut Duden auch Alfantzerei – das ist das altdeutsche Wort für Vorgaukelei, Lügen, Betrug und Possenreißerei. Im Ruller Johanneshaus hielt Hermann Queckenstedt als Direktor des Osnabrücker Diözesanmuseums jetzt einen Vortrag über „Alfantzerey oder seligmachendes Wunderwerck“ - ganz ohne Lügen, aber mit Stimmproblemen.

Immerhin: Die heisere Stimme versagte Queckenstedt auch nur wenige Male während er einen ruhigen Vortrag über Bücherverbrennung, Wunderheilung und der Wirtschaftlichkeit von Wallfahrten im Mittelalter hielt. Die Bücherverbrennung stand nicht im Zeichen des Dritten Reichs sondern eines Skandals in Rulle 1702. Damals gab es eine polemische Attacke auf das Wallfahrtsgeschehen der Zisterzienserinnen Rulle zu einer Zeit als Osnabrück größtenteils lutherisch war. Die „Rullischen Fratzen“ wurden mutmaßlich von einem Prediger der evangelischen Katharinenkirche verfasst und auf Intervention des damaligen Weihbischofs noch im gleichen Jahr verboten und verbrannt.

Reformatoren gegen Wallfahrten

Den evangelischen Christen war die Kommerzialisierung der Prozessionen ein Graus. Auch Wallfahrten, die mit der Anhimmelung von vermeintlich wundertätigen heiligen Gebeinen zusammenhingen, passten nicht zu ihrem Verständnis der Bibel. Denn darin stehe nichts von Heiligenverehrung. Das außerdem recht einträgliche Wallfahrtsgeschäft zog zudem nicht nur ehrenhafte Pilger sondern auch Kriminelle an.

Wirtschaftliche Wallfahrt für Katholischen Kirchen

Wallfahrten und Prozessionen hätten sich im Mittelalter entwickelt, so Queckenstedt: An den Wallfahrtstagen durften Händler Stände rund um die Wallfahrtsorte errichten. Einen Teil ihrer Einnahmen mussten sie der Kirche vor Ort spenden. Oft wurden regelrechte Jahrmärkte errichtet, Kollekten gesammelt und Ablässe verkauft. Wie lukrativ das Geschäft sein konnte, zeigt sich an der Kapelle St. Annen in Melle-Schiplage. Diese wurde dank boomenden Wallfahrten und daraus resultierender Einnahmen bereits nach 20 Jahren erbaut.

Göttliche Fügung

An Wunderheilungen glaubten die Menschen des Mittelalters vielfach. Zum Beispiel sollten die Gebeine der Heiligen Regina im Osnabrücker Domschrein gegen Blindheit, Verletzung und schwere Geburten helfen, erläuterte Queckenstedt. Nach gut überstandenen Geburten pilgerten Mütter nach Osnabrück, um Regina im Dom zu danken.

Und gelegentlich mussten sich auf Wunder kommerziellen Sachzwängen beugen: So sei das Blutwunder Maria Friedens ursprünglich im November angesiedelt gewesen, wurde dann aber der besseren Pilgerbedingungen wegen einige Jahrhunderte später auf den ersten April datiert, so Queckenstedt.

Auch Evangelen pilgern

Queckenstedt fügte am Ende hinzu, dass das Pilgern an sich nicht auszurotten sei. Ob im Stile Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ der Weg das Ziel sei oder eine Fahrradsternfahrt unter Gleichgesinnten: Die Grenzen seien fließend. Und auch Evangelen pilgern, heute genauso wie im Mittelalter.


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