Gefragter Professor zu Gast Hollager Senioren befassen sich mit Fluchtursachen

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Wallenhorst. Worüber sprechen wir eigentlich nicht, wenn es um die Themen Migration und Flucht geht? Dieser Frage ging beim „60+ Frühstück“ der Hollager Kolpingsenioren Prof. Jochen Oltmer vom Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien (IMIS) in Osnabrück vor 65 Gästen im Philip-Neri-Haus nach.

Das verwundert nicht: Jochen Oltmer ist zurzeit ein überaus gefragter Gastredner: 300 Vorträge habe er im vergangenen Jahr zum Thema Flüchtlingskrise gehalten und 250 Interviews gegeben, berichtete Oltmer vom IMIS, das an der Universität Osnabrück angesiedelt ist. Das 1990 gegründete Institut ist nicht nur das erste, sondern ist laut Oltmer bislang auch das einzige Institut in Deutschland, das sich mit den Ursachen und Zusammenhängen von Flucht und Migration beschäftigt.

Gleich viele Menschen auf der Flucht

In einem kurzweiligen und aufschlussreichen Vortrag stellte der Migrationsforscher neben Ursachen und Strukturmerkmalen von Migration auch die weltweite Entwicklung der Flüchtlingszahlen seit 1960 dar: Konstant 0,6 Prozent der Weltbevölkerung seien bezogen auf Fünf-Jahres-Abschnitte auf der Flucht. „Es gab keine signifikante Veränderung“, betonte der Referent. Die Behauptung, dass es noch nie so viele Menschen auf der Flucht gegeben habe wie im Moment, sei daher „ausgemachter Quark“.

Fakt sei jedoch, dass Deutschland 2015 im besonderen Maß das Ziel von Fluchtbewegungen geworden ist. Warum? Dafür führte Oltmer ein ganzes Bündel von miteinander verknüpften Begründungen an: zum einen die räumliche Nähe wesentlicher Konfliktherde zu Deutschland. „Migration ist teuer“, stellte Oltmer heraus. Viele Menschen könnten das Geld für eine Flucht in entferntere Länder nicht aufbringen und hätten oft keinen Zugang zu Pässen. Dann griffen viele Flüchtlinge auf bereits bestehende Netzwerke zurück. „Migration produziert Migration“, bringt es der Forscher auf eine Kurzformel, wenn Verwandten oder Freunden gefolgt wird.

Deutschland ist ein Ersatzfluchtziel

Auch politische und wirtschaftliche Gründe spielten eine Rolle: „Die Vorfeldsicherung der EU ist zusammengebrochen.“ Staaten wie Albanien, Syrien oder die Ukraine hätten aufgrund eigener Probleme ihrer vertraglichen Verpflichtung, Flüchtlinge aufzunehmen, nicht mehr nachkommen können. Gleiches gelte für Länder wie Spanien, Italien und Griechenland, die gebeutelt durch die Wirtschaftskrise die Flüchtlinge durchgewinkt hätten. „Deutschland ist dadurch zum Ersatzfluchtziel geworden“, fasste Oltmer zusammen. Schließlich seien mit Deutschland eine günstige Situation am Arbeitsmarkt und eine relativ hohe Aufnahmebereitschaft verbunden gewesen.

„Die ist aber doch ins Negative umgeschlagen. Warum ist das so?“, will ein Frühstücksgast wissen. Darauf hatte Oltmer auch keine erschöpfende Antwort: „Wir sind noch mittendrin in der Debatte.“ Natürlich gehörten Sicherheitsgefahren zu den Ursachen, aber ein gesichertes Verständnis, warum sich eine Stimmung verändere, fehle noch.

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