Jugendfreizeitstätte fast voll Wie leben die Flüchtlinge in der Hollager Mühle?


Wallenhorst. Seit März ist die Hollager Mühle ein Zuhause auf Zeit für knapp 40 Männer aus dem Nahen Osten und Afrika. Die Herbergseltern Andreas und Anke Thünker haben umgestellt vom Betrieb einer Jugendfreizeitstätte auf Flüchtlingsbetreuung – und sind begeistert.

Würde das funktionieren? Statt Kinder- und Jugendgruppen Flüchtlinge zu betreuen, bei denen im Vorfeld schon klar war, dass die Gemeinde Wallenhorst vor allem alleinreisende Männer in der Hollager Mühle unterbringen würde? Sie stammen aus Syrien, Palästina, Afghanistan Erithrea, dem Irak, Iran und Libanon, die meisten sind um die 20 Jahre alt. Er habe durchaus Bauchschmerzen gehabt, gibt Andreas Thünker offen zu. Aber das Zusammenleben mit den Schutzsuchenden klappe hervorragend. „Es ist eine gute Truppe“, so Thünker. „Ich glaube, die merken auch, dass sie willkommen sind.“

„Moin“ passt immer

Das erste Wort, das er und seine Frau den neuen Gästen beibringen, lautet „Moin“. „Das passt halt immer“, sagt Andreas Thünker und grinst. Mittlerweile hat das Paar die Namen von fast allen 36 Männern und Jungen drauf und seine Englischkenntnisse wieder aufgefrischt. Die Verständigung klappt. „Wir sind eine große Familie, oder Angel?“, fragt Andreas Thünker. Flüchtlingssozialarbeiter Angel San Roman Fiol nickt. Die Gemeinde Wallenhorst hat Fiol über den Malteser Hilfsdienst eingestellt. Er ist neben dem Ehepaar Thünker Hauptansprechpartner für die überwiegend jungen Männer in allen Angelegenheiten – von Behördenangelegenheiten bis hin zu Busfahrplänen und Supermarktsuche.

„Papierkram ohne Ende“

„Es ist wichtig, dass sie einen Ansprechpartner haben“, sagt Fiol. Der Rechtsanwalt hat über viele Jahre Flüchtlinge in seiner Heimat Mallorca betreut. Im Aufenthaltsbereich der Mühle hängen an einer großen Pinnwand diverse Listen: Wann welche Männer Termine bei der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Bramsche haben, wann im Kreishaus am Schölerberg. „Papierkram ohne Ende“, kommentiert Fiol. Aber neben den Listen hängen auch die Zeiten und detaillierte Wegbeschreibungen für einen Sprachkurs und für das Fußballtraining von Blau-Weiß Hollage.

Jeden Tag Deutschkurs

Den Sprachkurs hat Fiol vermittelt. Als er seine Arbeit in Hollage vor wenigen Wochen aufnahm, telefonierte er einfach diverse Vereine und Verbände ab und fragte, wer sich für die Flüchtlinge engagieren will. Ergebnis: Die katholische Erwachsenenbildung Osnabrück bietet in Zusammenarbeit mit der evangelischen Andreasgemeinde Hollage einen Deutschkurs an – und zwar täglich von 13 bis 17 Uhr. „Und der Deutschunterricht geht hier weiter“, sagt Anke Thünker schmunzelnd. „Im Gegenzug müssen wir etwas Arabisch lernen.“ Religionskonflikte zwischen den Bewohnern gebe übrigens es überhaupt nicht, sagt Fiol. Wenn es doch mal zu kleineren Streitigkeiten komme, dann wegen Alltagsangelegenheiten.

Kochen für mehr als 30 Männer

Vormittags nach dem Frühstück geht es ruhig zu. Die drei Kinder sind in der Schule, die Erwachsenen überwiegend auf ihren Zimmern, verteilt auf Mühlenturm, Blockhaus und Kolping-Pavillon, ein paar gießen sich im Aufenthaltsbereich einen Tee auf. Anke Thünker, verantwortlich für die Verköstigung, steht schon seit Stunden in der Küche und bereitet das Mittag- und Abendessen vor. „Es ist halt ein Unterschied, ob man für 30 Drittklässler kocht oder für 30 Männer“, sagt sie. „Aber auch das klappt sehr gut.“ Manche helfen zudem bei den Pflasterarbeiten, die die Kolpingsfamilie auf dem Gelände aktuell durchführt. Auch von außen ist unübersehbar, dass sich etwas geändert hat in der Hollager Mühle. Auf dem Parkplatz steht ein Büro-Container des Malteser-Hilfsdienstes. Die Pforte ist 24 Stunden am Tag besetzt, erläutert Rüdiger Mittmann, Fachbereichsleiter Bürgerservice und Soziales im Wallenhorster Rathaus.

„Nette Leute“

„Andreas und Anke sind sehr nette Leute“, sagt Tambi Khzrouka aus Syrien auf Englisch. Seinen neunjährigen Sohn bringt er jeden Morgen mit einem der vielen gespendeten Fahrräder zur Schule. Mittags, wenn Tambi Khzrouka beim Sprachkurs in der Andreasgemeinde ist, holt Andreas Thünker den Jungen von der Schule ab. „Der Ort ist wunderschön“, sagt Khzrouka über die Mühle – obwohl er davon ausgegangen war, dass er und sein Sohn eine Wohnung zugewiesen bekommen. Frau und Tochter sind noch in Syrien, die Familie auseinandergerissen.

Familien in Wohnungen, Männer in die Mühle

Die Gemeinde Wallenhorst versucht, Familien in Wohnungen einzuquartieren und alleinreisende Männer in der Mühle, erläutert Mittman. Für diesen Dienstag erwartet er die Ankunft von neun weiteren Schutzsuchenden – drei Männer und zwei Kleinfamilien sind angekündigt. Aber darauf verlassen können sich die Wallenhorster Verwaltungsmitarbeiter nicht, das hat die Erfahrung gezeigt. Aktuell leben 158 Flüchtlinge in der Gemeinde, die meisten in Wohnungen, die übrigen in der Hollager Mühle. 57 werden noch erwartet. Davon, dass die Zahl der Schutzsuchenden sinkt, merken die Wallenhorster derzeit nichts – im Gegenteil. „Die Lage ist völlig unübersichtlich“, sagt Mittmann. Vier gemietete Häuser stehen noch frei, im Juli soll zudem der Umbau der Obdachslosenunterkunft am Dreskamp abgeschlossen sein und Platz für bis zu 28 weitere Schutzsuchende bieten.


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