Auf der sicheren Seite Warum der halbjährliche Reifenwechsel sinnvoll ist

Die Montage der gekennzeichneten, eingelagerten Sommerreifen ist schnell erledigt, ein Auswuchten nur bei neuen Felgen nötig. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte allerdings nach 50 Kilometern noch einmal die Radmuttern nachziehen lassen, empfiehlt zum Beispiel die Werkstatt des Autohauses Lienesch in Wallenhorst-Lechtingen. Foto: Angelika HitzkeDie Montage der gekennzeichneten, eingelagerten Sommerreifen ist schnell erledigt, ein Auswuchten nur bei neuen Felgen nötig. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte allerdings nach 50 Kilometern noch einmal die Radmuttern nachziehen lassen, empfiehlt zum Beispiel die Werkstatt des Autohauses Lienesch in Wallenhorst-Lechtingen. Foto: Angelika Hitzke

Wallenhorst. Saisonaler Hochbetrieb in den Autowerkstätten: Über 80 Prozent der Pkw-Besitzer fahren keine Ganzjahresreifen und lassen jetzt kurz nach Ostern die Sommerreifen aufziehen und die Winterreifen einlagern. Ist der halbjährliche Wechsel noch sinnvoll, und was muss man dabei beachten?

Winterreifen hier im schneearmen Flachland, macht das überhaupt noch Sinn? Und wenn die ohnehin in der nächsten Saison erneuert werden müssen, weil das Profil grenzwertig ist, kann man damit nicht einfach noch den Sommer über weiterfahren? Bloß nicht, warnen nicht nur Thomas Schulze, Werkstattmeister im Lechtinger Autohaus Lienesch, und Andreas Baron vom Georgsmarienhütter Autohaus Viere. Denn weil bei Winterreifen die Gummimischung weicher ist, hat der Pneu bei Temperaturen im zweistelligen Plusbereich viel zu wenig Grip. „Der Bremsweg verlängert sich um bis zu zwei, drei Wagenlängen“, so Thomas Schulze.

Er hat auch eine klare Antwort auf die erste Frage: „Die sichere Alternative ist Wechseln.“ In Deutschland gibt es im Gegensatz zu Österreich und der Schweiz keine Winterreifenpflicht für einen bestimmten Zeitraum. Aber die Straßenverkehrsordnung schreibt seit 2010 vor, dass man bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte nur mit Winterreifen fahren darf. Als grobe Orientierungshilfe gilt immer noch die Faustregel „Von O bis O“, also von Oktober bis Ostern.

Reifen einlagern

Andreas Baron aus dem Ersatzteillager bei Viere beichtet, dass die meisten Kunden die Reifen saisonal wechseln. Auch bei der Bissendorfer Kfz-Werkstatt Heddergott wechseln „fast 90 Prozent“ der Kunden von Sommer- auf Winterreifen und umgekehrt. 80 Prozent von ihnen lassen den nicht benötigten Satz einlagern, berichtet Andreas Baron: „Wir haben etwa 700 Sätze eingelagert“, sagt er. Bei Lienesch können zurzeit etwa 100 Reifensätze eingelagert werden; ein weiteres Lager wird noch gebaut. „Wir haben etwa 1500 Reifenwechsel pro Saison. 1800 Sätze können wir lagern“, so Uwe von Busch, Serviceleiter beim Autohaus Starke im Lotter Ortsteil Wersen.

Wer die Pneus lieber bei sich zu Hause lagert, sollte dies nicht im feuchten Keller tun: Trocken, vor Tageslicht geschützt und am besten hängend oder stehend – so lassen sie sich den Experten zufolge am besten aufbewahren.

Vorausschauend fahren, Bordsteine meiden

Wie lange hält so ein Reifensatz, wenn er jeweils nur etwa ein halbes Jahr gefahren wird, und was kann man tun, um die Lebensdauer zu verlängern? „Das hängt von der Fahrweise ab“, sagt Thomas Schulze, nennt als ungefähren Richtwert eine Fahrleistung zwischen 30000 und 50000 Kilometern und empfiehlt: „Vorausschauend fahren, keine Kavalierstarts, keine abrupten Bremsmanöver, keine hohen Bordsteine überfahren, nie auf dem Bordstein direkt parken.“ Wenn es sich nicht vermeiden lässt, über ein Hochbord zu fahren –und das ist in der Praxis ja vor allem in der Stadt häufig der Fall – sollte man sich den Bordstein „ganz langsam und behutsam hochtasten“, so Andreas Baron.

Mindestens vier Millimeter Profil

Gesetzlich vorgeschrieben ist nur eine Mindestprofiltiefe von 1,6 Millimetern – viel zu wenig selbst im Sommer, vor allem auf nasser Straße. Die Profis sind sich da mit dem ADAC, dem größten deutschen Automobilclub, einig: „Vier Millimeter sollten es mindestens sein.“

Keine runderneuerten Reifen

So ein Satz neuer Reifen kostet je nach Größe und Modell schnell ein paar hundert Euro. Kann man da nicht auf runderneuerte Pneus zurückgreifen? „Davon raten wir generell ab“, sagen Andreas Baron und Thomas Schulze übereinstimmend, „wie verkaufen sie auch gar nicht mehr, selbst wenn der Kunde darauf besteht.“ Grund: Schlechte Erfahrungen haben die Werkstätten dazu gebracht, für runderneuerte Reifen keine Haftung mehr zu übernehmen. „Die ließen sich schwer auswuchten, sind nicht rund gelaufen und da hat sich schon mal die Lauffläche abgelöst“, erläutert Andreas Baron.

Er beobachtet aber in jüngster Zeit einen Trend zum Ganzjahresreifen. Derzeit seien zwar nur etwa zwölf Prozent der Viere-Kunden das ganze Jahr über mit dem gleichen Reifensatz unterwegs, aber da die Pneus immer größer und teurer werden, nehme die Zahl der Autofahrer zu, die sich die Kosten für einen zweiten Satz sparen wollen. Er rechnet damit, dass ihr Anteil in den nächsten Jahren auf 20 Prozent wächst.

Nötig für Berufspendler und Vielfahrer

Uwe von Busch sieht die Ganzjahresreifenfahrer aber eher bei den Wenigfahrern, zum Beispiel bei Rentnern, die ausschließlich Privatfahrten mit dem Auto erledigen und sich bei extremen Wetterverhältnissen gar nicht erst hinters Steuer setzen. „Wir haben viele gewerbliche Kunden“, berichtet er und betont: „Wer bei jedem Wetter fahren muss, für den ist der Wechsel sinnvoll.“ Wenn nicht sogar notwendig, denn bei einem Unfall mit nicht für die Wetterverhältnisse geeigneten Reifen droht Ärger – für Berufspendler und Vielfahrer also ein großes, aber vermeidbares Risiko.

Weniger Verschleiß

Und noch etwas spricht für den Wechsel, nämlich weniger Verschleiß: Reifen, die jeweils nur ein halbes Jahr lang gefahren werden, halten auch doppelt so lange. Die vermeintliche Ersparnis durch den Verzicht auf einen zweiten Satz ist also im Grunde eine Milchmädchenrechnung.


Geeignete Reifen für den Winter

Wer gegen die Straßenverkehrsordnung verstößt, muss mit einem Bußgeld in Höhe von 60 Euro sowie einem Punkt in Flensburg rechnen. „Bei einer Behinderung des Verkehrs infolge falscher Bereifung bei winterlichem Wetter oder Straßenverhältnissen erhöht sich das Bußgeld auf 80 Euro. Zusätzlich gibt es natürlich auch einen Punkt im Fahreignungsregister“, informiert der ADAC. Und erläutert auch, was unter geeigneter Bereifung bei winterlichem Wetter zu verstehen ist: „Solche Reifen, bei denen das Profil der Lauffläche und die Struktur so konzipiert sind, dass sie vor allem auf Matsch und frischem oder schmelzendem Schnee bessere Fahreigenschaften gewährleisten als normale Reifen, sprich Sommerreifen.“

Winterreifen, Allwetter- oder Ganzjahresreifen, die typischerweise eine M+S-Kennzeichnung und/oder eine entsprechende Kennzeichnung mit dem „Three-Peak-Mountain-Snowflake“-Zeichen tragen, erfüllen diese Anforderung. Alle anderen gelten im Zweifelsfall als Sommerreifen.

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