Mia verdoppelt Sprachwortschatz Autistin aus Rulle macht Fortschritte dank Delfintherapie


Wallenhorst. Dass Mia endlich „Ja“ und „Nein“ versteht, ist für ihre Eltern aus Wallenhorst-Rulle ein kleines Wunder. Mia ist gerade vier geworden und Autistin. Dank Delfintherapie in der Karibik hat sie einen merkbaren Entwicklungssprung gemacht.

Mia liegt auf dem Boden, vor sich ein iPad, und singt, völlig vertieft in das ABC-Kinderlied, das sie sich auf Youtube ansieht. Mia liebt die Online-Plattform. Wie die Vierjährige ihre Lieblingsvideos findet, ohne schreiben zu können – und zwar auch auf Handys und Tablets von völlig Fremden –, ist für ihre Eltern immer noch ein Rätsel. Was in ihrer Tochter steckt, wissen sie nicht, das Kind spricht ja nur wenige Wörter.

Riesenerfolg

Mia hat sich merklich verändert in den letzten Monaten. Als sie nach zehn Minuten bemerkt, dass Besuch da ist, umarmt sie den Gast und schaut ihm in die Augen. Vor einem Jahr noch hat sie jeden Blickkontakt vermieden. Als ihre Betreuerin Nora Mia fragt, ob sie einen Keks möchte und ihr zwei Karten hinhält – auf einer roten steht groß „NEIN“, auf einer grünen „JA“ – zeigt Mia auf die grüne Karte und sagt „Nein“. Na gut, ein bisschen üben müssen sie noch. Aber dass sie überhaupt auf die Frage reagiert und sogar antwortet, ist für Mias Eltern ein Riesenerfolg. Früher weigerte sie sich, „Nein“ zu sagen. Gelernt hat Mia das Ja- und Nein-Sagen bei der delfingestützten Sprachtherapie auf der niederländischen Karibikinsel Curaçao.

Wortschatz verdoppelt

„Mia hat ihren Sprachwortschatz verdoppelt“, sagt Dagmar Eiken-Lüchau. Erst machte ihre Tochter einen deutlichen Entwicklungssprung durch eine vierwöchige Intensivtherapie in Lindlar bei Köln und auch der tägliche Besuch im integrativen Ruller Marienkindergarten tue ihr sehr gut, sagt Mias Mutter. Dort bekomme sie eine intensive Förderung durch den angestellten Heilpädagogen, außerdem besucht sie regelmäßig einen Logopäden im Ort. Auf ihrem Blog ( www.lockenkopf-mia.de ) teilt Dagmar Eiken-Lüchau ihren Alltag mit der Öffentlichkeit – und zwar ganz bewusst, um über das Thema Autismus aufzuklären.

Ein Jahr lang gespart

Ein Jahr lang hatten die Eikens für die kostspielige Delfintherapie auf Curaçao gespart und Spenden gesammelt. Ob die Reise etwas bringt, wussten Dagmar Eiken-Lüchau und Holger Eiken vorher nicht – doch versuchen wollten sie es. Schließlich liebt Mia Wasser. Vor zwei Jahren, bevor Mia in den Kindergarten kam, hatte Dagmar Eiken-Lüchau ein Bilderbuch über den Autismus ihrer Tochter geschrieben. Eigentlich nur, damit die anderen Kinder verstehen, was mit Mia los ist, denn niemand sieht Mia ihren Autismus an. Sie ist ein fröhliches, aktives Mädchen mit blonden Locken. Die Erstauflage von 30 Exemplaren war rasch vergriffen – immer wieder musste Eiken-Lüchau nachdrucken lassen. Die Bücher verschenkt sie, bittet aber um Spenden für diejenigen Therapien, die die Krankenkasse nicht bezahlt. An Curaçao dachten sie ursprünglich gar nicht, als sie das Spendenkonto einrichteten, sagt Eiken-Lüchau.

„Mia ist jetzt ausgeglichener“

Die Karibikinsel haben sie und ihr Mann ausgewählt, weil die Delfine dort nicht in Becken gezwängt werden, sondern verhältnismäßig frei in einer Bucht leben und die Kinder bei der delfingestützten Therapie nicht nur schwimmen mit den Tieren, sondern auch intensive Logopädie-Einheiten auf Deutsch bekommen. „Mia ist jetzt ausgeglichener“, sagt Dagmar Eiken-Lüchau, die noch vier weitere Kinder hat. Der jüngste, Max, durfte mitfliegen. Überall im Haus liegen jetzt die roten und grünen Ja- und Nein-Karten. Mia und ihre Betreuerin ziehen ihre Jacken an und machen sich fertig für einen Spaziergang. „Tschuuuss!“, ruft die Vierjährige und Dagmar Eiken lächelt. Alles, was bei anderen Kindern selbstverständlich ist, ist bei Mia ein besonderer Erfolg. Andererseits überrascht Mia auch mit Fähigkeiten, die Gleichaltrige noch nicht haben. An einer Tafel im Wohnzimmer hängen Magnetbuchstaben und Zahlen, die Mia immer sortiert, wenn sie in der falschen Reihenfolge stehen. Von eins bis zehn zählen, ist kein Problem für sie – allerdings auf Englisch. Erst seit Kurzem tut sie es auch auf Deutsch.

Therapie als „Dosenöffner“

„Autismus ist nicht heilbar“, sagt Mias Vater Holger Eiken, „aber förderbar.“ Curaçao sei wie ein „Dosenöffner“, gewesen, „um an sie heranzukommen.“ Mia lernte im Wasser, ihrer Delfindame Bonnie genaue Anweisungen zu geben, damit das Tier ihr seine Tricks zeigte. An Land lernte sie, ihre Aufmerksamkeit auf einzelne Aufgaben zu fokussieren – und ihre Eltern erfuhren, dass das mit der Konzentration aufrecht im Schneidersitz viel besser geht, als wenn Mia sich herumfläzt. Ihren Eltern geht es darum, Mia aufs Leben vorzubereiten, sagt Holger Eiken – und alles, was dabei hilft, ist willkommen. Die Reise nach Curaçao wollen sie im nächsten Jahr wiederholen.


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