Zwei Jahre nach Revitalisierung Toter Arm der Hase in Wallenhorst lebt wieder

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Wallenhorst. Udo Stangiers Spielwiese ist 13000 Quadratmeter groß und liegt auf der Grenze zwischen Hollage und Halen. Vor zwei Jahren ließ Wallenhorsts Umweltbeauftragter zusammen mit seinen Kollegen aus Lotte und dem Unterhaltungsverband Mittlere Hase einem toten Arm der Hase in Hollage neues Leben einhauchen. Ziemlich trist sah die frisch ausgebaggerte Fläche auf westfälischer Seite zu Beginn aus. Mittlerweile ist sie die grüne neue Heimat von Teichrohrsängern, Libellen, Fröschen und vielem anderem Getier. Im August ist die Hollager Seite an der Reihe.

„Das Beste im Naturschutz ist Nichtstun“, sagt Stangier . „Die Natur kommt immer wieder.“ Zumindest, wenn man ihr die Möglichkeit dazu gibt. In der Luft liegt der Duft frisch gemähten Heus von der Nachbarwiese und der permanente Gesang der Goldammern. Das Schilf rauscht leise im Wind, Grillen zirpen und ein Libellenmännchen fliegt auf dem Gewässer Patrouille, während sein Weibchen Eier ablegt.

Früherer Stichkanal

Auf westfälischer Seite waren 2013 die Bagger angerollt, um den Hase-Altarm auszubaggern und zu verbreitern. „Altarm“ sagt Stangier immer. „Dabei ist es in Wahrheit ein Totarm.“ Heißt? Der Umweltbeauftragte hat alte topografische Karten mitgebracht. 1895 hieß Hollage noch Fiestel und einen Stichkanal gab es nicht. Stattdessen schlängelte sich ausschließlich die Hase durch die Landschaft – und bildete die Grenze zwischen den Königreichen Preußen und Hannover. Stangier blättert eine Seite weiter ins Jahr 1925: Rechts der Hase schneidet nun der neue Kanal durch die Landschaft, eingezeichnet ist

Abfluss beschnleunigen

sogar die mittlerweile abgebaute Maschwegbrücke . Auf ihrer Höhe, einige Meter westlich, macht die Hase einen hübschen Bogen, doch der ist auf der Karte von 1951 weg. „Man wollte den Abfluss der Hase beschleunigen“, erläutert Stangier. An zwei Enden wurde der Bogen abgetrennt vom Fließgewässer und außerdem zugeschüttet – so wurde daraus der heutige Altarm.

Wasser kehrt zurück

Auch nach der Revitalisierung bleibt er abgeschnitten und ist nun ein Stillgewässer, weshalb „Totarm“ der richtige Begriff sei, erläutert Udo Stangier. Dass der Arm trotzdem nicht trocken ist, liegt am Grundwasser. Doch selbst davon war vor dem Eingriff 2013 keine Spur mehr. „Das war komplett verlandet“, sagt Stangier. Röhricht, Schlamm und auch einiges an illegal entsorgtem Müll buddelte das Team damals aus: Fahrräder, verrottete Autos, Hausrat.

Wenn Stangier heute durch das hohe Gras am westlichen Ufer schreitet, runzelt er bei aller Begeisterung über die neue Vielfalt in Flora und Fauna häufig die Stirn. Zwar hat sich die Natur die Fläche zurückerobert – doch es gibt vereinzelte Flecken, wo einfach nichts wächst. „Hier: abgestorben“, sagt er und knickt einen braunen Halm ab. Eine junge Birke, die dort aus Stangiers Sicht eh nichts zu suchen hat, zupft er mitsamt Wurzeln aus dem kahlen, wenn auch saftig braunen Boden und schnuppert vorsichtig daran. „Das riecht nicht, wie Boden zu riechen hat“, sagt er skeptisch und wirft den Zweig wieder weg.

Probleme an der Grenze

Am Rande der Fläche sind in einigen Metern Entfernung Holzpfähle in den Boden gerammt – sie markieren weithin sichtbar die Grenze zu den landwirtschaftlich genutzten Flächen ringsum. Doch wieder runzelt Stangier die Stirn. Ein Pfahl ist weg. Und etliche andere wackeln. Die hätten vermutlich Landwirte zum Mähen beiseitegelegt – und nicht immer würden die Grenzen dabei eingehalten. „Das geht so nicht“, sagt er kopfschüttelnd.

Die gesamten 13000 Quadratmeter – das Areal umfasst das Gewässer sowie fünf bis zehn Meter Land links und rechts davon – gehören der Gemeinde Wallenhorst. Die Revitalisierung ist nämlich nicht nur ein Naturschutzprojekt, sondern dient auch der Kompensation – dem Ausgleich für Eingriffe in die Natur andernorts.

Die bereits revitalisierte westfälische Seite ist Kompensationsfläche für die vor 15 Jahren begonnene Flurbereinigung, die Neuordnung von Flurstücken. Die Hollager Seite hingegen soll Kompensationsfläche für die Bauleitverfahren der Gemeinde Wallenhorst werden und damit als ökologischer Ersatz für neue Bau- oder Gewerbeflächen dienen. Noch stehen dort nur Schilf und Brennesseln – von einer Gräservielfalt wie auf der westlichen Seite keine Spur.

Stangiers Ziel ist die Ansiedlung vieler Amphibien im Wasser. Doch das ist trüb – ein Indiz für Fische. „Wir hatten bislang nur Erdkröten und Wasserfrösche.“ Drei Käscher voll Fische habe er daher im Frühjahr aus dem Gewässer geholt. „Die fressen nun mal meine Amphibien“, erklärt der Umweltbeauftragte. Wie die Fische dort hinkamen? „Wahrscheinlich durch Hochwasser im Winter.“ Damit Mäuse bei solch einem Hochwasser nicht ertrinken, wurden 2013 übrigens auch einige Erdhaufen liegen gelassen. „Graureiher und Turmfalken schieben sonst Kohldampf“, so Stangier.

Kompensation

Seine „Spielwiese“ nennt der Umweltbeauftragte die Fläche, weil er dort herumexperimentiert, wie er das Areal ökologisch so hochwertig gestalten kann, dass er von der Unteren Naturschutzbehörde möglichst viele Wertpunkte dafür erhält. In ihnen wird bei der Kompensation nach dem sogenannten Osnabrücker Modell gerechnet. Eine versiegelte Fläche ist gar nichts wert, Ackerland ein wenig, ein Biotop sehr viel.

Im August werden die Bagger zur Hollager Seite rollen. Der Bodenaushub soll an Landwirte abgegeben werden. Zwar werde dadurch zunächst wieder viel zerstört, räumt Stangier ein. „Aber wir müssen ja auch die letzten 40 Jahre zurückdrehen.“


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