Mias Welt Wallenhorsterin veröffentlicht Buch über Autismus ihrer Tochter


Wallenhorst. Der Pulsschlag von Mias Eltern steigt, als die Dreijährige im Garten einem Schmetterling hinterherläuft. „Das hat sie vor ein paar Wochen noch nicht gemacht“, sagt Dagmar Eiken-Lüchau und beobachtet stolz ihre Tochter. Mia ist Autistin. Man sieht es ihr nicht an, aber sie lebt in einer Welt, in der selbst ihre Eltern nur schwer an sie herankommen. Wie soll das bloß im Kindergarten werden?, fragte sich Mias Mutter vor einem Jahr – und schrieb ein Bilderbuch, damit die anderen Kinder verstehen können, was mit Mia los ist.

Mia ist ein fröhliches Mädchen und sieht mit ihren blonden Locken aus wie ein kleiner Engel. Wenn Fremde bei der Familie in Wallenhorst-Rulle zu Besuch kommen, begrüßt sie sie überschwänglich mit einer Umarmung. Doch während andere Kinder in Mias Alter dann etwa ihr Spielzeug vorführen, zieht Mia sich zurück. Sie hüpft alleine durch den Garten, legt sich auf den Boden, befühlt das Gras und läuft barfuß über spitze Steinchen. Wenn ihre Eltern sie rufen, reagiert sie nicht.

Erstes Wort: „Katze“

Ihr erstes Wort war „Katze“, erzählt Dagmar Eiken-Lüchau. Doch kurz nachdem sie gesprochen hatte, verstummte sie wieder. Mia lernte Laufen, reagierte aber nicht auf Ansprache, obwohl ihre Ohren kerngesund sind. Als Mia eineinviertel Jahr alt war, war ihren Eltern klar, dass etwas nicht stimmt. Es folgte eine Odyssee durch diverse Arztpraxen und Therapiezentren, die noch lange nicht beendet ist.

„Wir wissen nicht, was in Mia steckt“, sagt Dagmar Eiken-Lüchau. Bekommt Mia ein Smartphone oder einen Tablet-Computer zwischen die Finger, wählt sie zielstrebig die Video-App „Youtube“ aus. Selbst auf einem fremden Gerät findet sie im Nu die Kinderlieder, die sie am liebsten mag – momentan sind es russische – und schon ist sie in die Videos vertieft. Ihre Eltern kennen das schon, Besucher schweigen und staunen. „Es kann passieren, dass sie mit sechs Jahren anfängt zu sprechen“, sagt Mias Mutter. Aber es kann auch sein, dass sie immer so bleibt wie heute. Von Rulle fahren Mias Eltern zweimal die Woche zur Autismustherapie nach Bersenbrück. Nächstes Jahr wird die Familie zurück nach Meppen ziehen, da es dort vor Ort ein Pädiatriezentrum gibt.

Kommunikation schwierig

„Bitte hoch, bitte auf, fertig“ sind die einzigen Worte, die Mia zurzeit spricht. Ihre Eltern kommunizieren mit ihr über ein kleines Fotoalbum, in dem die Dinge des alltäglichen Lebens abgebildet sind. „Mia, was möchtest Du?“, fragt Dagmar Eiken-Lüchau, als Mia quengelnd zu ihr kommt und ihre Ohren berührt – das macht sie immer, wenn sie Nähe sucht. Die Mutter versucht, Mias Aufmerksamkeit auf die Bilder zu lenken. Die Dreijährige zeigt auf ein Bild vom Kühlschrank. Als Mutter und Tochter aus der Küche zurückkommen, hat Mia eine Packung Eiersalat in der Hand, dazu einen Löffel. Aus der Packung zu essen, das hätte Dagmar Eiken-Lüchau ihren drei anderen Kindern nie durchgehen lassen, erzählt sie. Aber Mia hat in ihrer eigenen Welt ihre eigenen Regeln – und ihre Eltern haben nicht immer die Kraft, es mit der klassischen Erziehung zu versuchen. „Normalerweise will man, dass das Kind einen versteht“, erzählt ihre Mutter. „Hier will man das Kind verstehen.“ In ihrem Internet-Blog (www.lockenkopf-mia.de ) erlaubt Dagmar Eiken-Lüchau den Lesern einen Einblick in den kräftezehrenden Alltag.

Autismus ist vielfältig

Welche Art von Autismus Mia hat, wissen ihre Eltern nicht. Etliche Tests haben sie bereits gemacht und oft wochenlang sorgenvoll auf das Ergebnis gewartet. Autismus ist vielfältig. Die meisten Menschen haben durch den oscarprämierten Film „Rain Man“ das Bild von Hochbegabten im Kopf, die keine Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen können. Oder von Menschen mit Asperger-Syndrom, die einen Blick auf die Skyline von New York werfen und dann aus der Erinnerung eins zu eins nachzeichnen. Mia ist anders, so wie jeder Autist anders ist.

Erwartungen relativiert

Auch die Erwartungshaltung für Mias Zukunft sei eine völlig andere als bei den anderen Kindern zwischen elf und 18 Jahren, sagen ihre Eltern. Alle vier – seit kurzem lebt noch ein Pflegesohn bei den Eikens – gehen aufs Gymnasium. Bei Mia leben sie von Tag zu Tag und von Therapie zu Therapie. „Ich habe als Schwimmlehrer 1200 Kindern das Schwimmen beigebracht und habe bei meinem eigenen Kind keine Ahnung, wie das geht“, sagt Holger Eiken und lacht. Aber Mia liebt Wasser. Es ist oft das Einzige, das sie wieder zur Ruhe bringt.

Verlag für Vorlesebuch gesucht

Vor dem ersten Tag im Kindergarten hatten Mias Eltern großen Respekt. „Aber Mia ist gleich los und hatte keine Angst“, sagt Holger Eiken. „Sie hat mit den anderen Kindern aber auch nicht gespielt.“ Es ist abgelaufen wie in dem Vorlesebuch, das Dagmar Eiken-Lüchau schrieb, als Mia zwei Jahre alt war. Illustriert hat es Lucie Vyhnálková. Erzählt wird die Geschichte „Mia – meine ganz besondere Freundin“ aus Sicht der fiktiven Lotte. „Mia kann wohl hören, aber sie versteht mich trotzdem nicht“, sagt Lotte darin. Die Szenen sind typisch: Mia darf herumtoben, während die anderen Kinder im Stuhlkreis sitzen müssen. Als Mia schreit, lenkt ein Junge sie mit Seifenblasen ab. Schon lacht sie wieder – und die anderen lachen mit. 30 Exemplare hat Eiken-Lüchau zunächst drucken lassen und dann noch einmal Nachschub geordert. Die Bücher verschenkt sie, bittet aber um eine Spende für Mias Therapie. Unbedingt wollen ihre Eltern ihr eine Delfintherapie in Curacao ermöglichen. Und Dagmar Eiken-Lüchau sucht derzeit einen Verlag, der das Buch herausgibt.

Inklusion ist ein Gewinn für Mia

Durch den Besuch im Marien-Kindergarten in Rulle hat die echte Mia einen großen Entwicklungssprung gemacht, sagen ihre Eltern. „Das Thema Inklusion ist für sie ein Gewinn“, sagt Holger Eiken. Durch die Normalität und die Gemeinschaft mit anderen Kindern hätte sich ihr ganzes Wesen verändert – zum Positiven. „Sie hat drei, vier Freundinnen wie Lotte“, sagt ihre Mutter lächelnd.

Spießrutenlauf

Aktivitäten in der Öffentlichkeit aber sind ein Spießrutenlauf für Mias Eltern. Missachtende Blicke nach dem Motto: „Wieder so eine, die ihr Kind nicht im Griff hat“, wenn Mia schreit, betrachtet Dagmar Eiken-Lüchau immer noch als Affront gegen sich selbst. An einer Supermarktkasse sei sie einmal von einer älteren Frau zurechtgewiesen worden, als Mia immer wieder nach den Alkoholflaschen auf Kopfhöhe greifen wollte. „Jetzt erklären Sie ihr doch, dass sie das nicht darf“, habe die Frau gesagt. Eiken-Lüchau forderte sie auf, es selbst zu versuchen. Nach mehreren erfolglosen Erklär-Versuchen blickte die Seniorin Eiken-Lüchau ratlos an und Mias Mutter erklärte, dass Mia Autistin ist. Auf das Mitleidige: „Das muss aber schwer für Sie sein“, sagte Dagmar Eiken-Lüchau: „Meine Tochter macht mir nicht das Leben schwer, sondern Leute wie Sie.“

Zu Mias Blog geht es hier.


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