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Syrer leben im Pfarrheim Aus dem Kriegsgebiet ins friedliche Wallenhorst


Wallenhorst. Wenn Ammar durch Wallenhorsts beschauliche Straßen spaziert, hat er dauernd das Gefühl, im nächsten Augenblick könne eine Detonation die Häuser erschüttern. Immer noch. Seit Ende Februar lebt der Syrer zusammen mit seiner achtköpfigen Familie in der Hausmeisterwohnung des Pfarrheims neben der katholischen St.-Alexander-Kirche.

In seiner Heimat herrscht Krieg. Ammars erster Eindruck, als sie in Wallenhorst ankamen? „Peaceful“, sagt er auf Englisch. Friedlich. „Das, wonach wir gesucht haben.“

Dass Ammars Familie überhaupt nach Deutschland kommen konnte, sei pures Glück gewesen. „Wie ein Lottogewinn“, sagt seine Schwester, die seit 25 Jahren in Deutschland lebt. Bis 2011 flog sie regelmäßig in die Heimat, um ihre Verwandten zu besuchen. Dann brach der Krieg aus. Als die Lage in Syrien sich zuspitzte, stellte sie den Aufnahmeantrag für ihre drei Brüder und deren Familien.

13 Monate lang hieß es warten und bangen, dann durften ihre Geschwister als sogenannte Kontingentflüchtlinge legal einreisen – mit dem Flugzeug von Beirut im Libanon nach Hamburg. So blieb ihnen die lebensgefährliche Odyssee von Land zu Land mittels Schlepper erspart, die allein in den vergangenen Wochen Hunderte Menschen auf dem Mittelmeer das Leben kostete.

Die Entscheidung, die Heimat zu verlassen und alles zurückzulassen, war schwer, erzählt Ammar, doch die Situation daheim war katastrophal. Vor zweieinhalb Jahren sei neben ihrem Haus in Salaymiah im Zentrum des Landes eine Autobombe explodiert, zwei Wochen vor ihrer Ausreise wurde im Nachbardorf ein Massaker verübt. Viele Unschuldige kamen dabei ums Leben – Verwandte und Freunde von Ammar und seiner Familie. „Wir haben uns nie irgendeiner Partei angeschlossen, aber sogar wenn man sagt, man ist neutral, gilt man als Verräter“, sagt Ammar und schüttelt den Kopf. „Wir verstehen einfach nicht, was da in Syrien geschieht.“ Bomben, Schüsse, Entführungen – so sah zuletzt der Alltag aus. „Wir waren nicht sicher.“

Auf dem runden Wohnzimmertisch liegen zwei Wörterbücher: Englisch – Arabisch und Arabisch – Deutsch. Ammar hat in seiner Heimat englische Literatur studiert und will nun auch so schnell wie möglich Deutsch lernen. Denn zurückgezogen lebt die Familie nicht. Ammar ist ein fröhlicher und herzlicher Mensch, sein Gesicht voller Lach-, aber auch Sorgenfalten. Als großzügig habe er die Wallenhorster bislang empfunden, sagt er. „Leider gibt es in Deutschland oft Fremdenfeindlichkeit“, sagt Pfarrer Dietmar Schöneich, „aber hier herrscht eine ganz große Willkommenskultur.“

Ammar und seine Familie sind zwar Moslems, aber überaus offen gegenüber anderen Religionen. „Jesus ist das Licht“, sagt Ammar. Schöneich schmunzelt. „Das höre ich natürlich gerne.“ In der Osternacht habe Ammar in der Kirche das Evangelium auf Englisch vorgelesen, erzählt der Pfarrer. „Warum auch nicht?“, sagt Schöneich.

Schöneichs Kirchengemeinde St. Alexander hatte angeboten, die freie Hausmeisterwohnung zur Verfügung zu stellen, als die Gemeinde Wallenhorst dringend Mietwohnungen suchte, um die Flüchtlinge unterzubringen. Vier Erwachsene und fünf Kinder leben dort nun. Die Erwachsenen haben in Syrien allesamt studiert. Grundschullehramt, Jura, Landwirtschaft. Die drei Mädchen und zwei Jungen im Alter von sechs bis 17 Jahren gehen in Wallenhorst in den Kindergarten beziehungsweise zur Schule und finden recht leicht Anschluss. Ammars einer Bruder lebt schon seit einem knappen Jahr in Wallenhorst – und seine Tochter spricht längst fließend Deutsch. Im Sommer wird sie eingeschult.

Fröhlich toben die Kinder durch die Wohnung und machen Späße mit dem NOZ-Fotografen. Aber die Ausgelassenheit am Tage trügt. „Die Kinder sind geschockt und haben wegen allem Angst“, sagt Ammar. Was er sich für die Zukunft wünsche? „Ich will eine Zukunft für meine Kinder“, sagt Ammar. „Meine eigene Zukunft ist nicht wichtig.“

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