Piroschka und schiefe Absätze Wallenhorster Schuhmacher gibt Traditionsbetrieb auf

Schuhmacher Joseph Hörnschemeyer in seiner Werkstatt. Zum Jahresende meldet der 74-Jährige seinen Handwerksbetrieb ab, den sein Vater Franz vor 93 Jahren gegründet hat. Foto: Silke BrickweddeSchuhmacher Joseph Hörnschemeyer in seiner Werkstatt. Zum Jahresende meldet der 74-Jährige seinen Handwerksbetrieb ab, den sein Vater Franz vor 93 Jahren gegründet hat. Foto: Silke Brickwedde

Wallenhorst. Schuhmacher Joseph Hörnschemeyer gibt seinen Familienbetrieb nach 93 Jahren auf. Seit 1921 bestand die Werkstatt in der Großen Straße, seit 1929 der Laden.

Als der Schuhmacher Joseph Hörnschemeyer ein kleiner Junge war, fertigte sein Vater Franz viele Maßschuhe an. Bis in die 50er-Jahre war das kein Luxus. Die meisten Menschen hatten ein gutes paar Schuhe für die Kirche und Holzschuhe für den Alltag. Ab 1929 konnten die Wallenhorster auch industriell gefertigte Schuhe im Laden von Franz Hörnschemeyer in der Großen Straßen kaufen, die Werkstatt gab es seit 1921. Joseph Hörnschemeyer hat das Handwerk seines Vaters fortgeführt. Heute ist er 74 Jahre alt, 93 Jahre war das Schuhmacherhandwerk in der Familie, zum Ende des Jahres gibt Joseph Hörnschemeyer den Betrieb auf.

„Für meinen Vater war es Alltag, Maßschuhe für die Wallenhorster zu machen“, sagt Joseph Hörnschemeyer, „seit es normal ist, Schuhe aus industrieller Produktion zu tragen, geben meist nur sehr reiche Leute Maßschuhe in Auftrag“. Dafür besitzen viele mehr als 20 Paar: Pumps, Sandalen, Wanderstiefel, Budapester, jede Saison etwas Neues. Das heißt aber nicht, dass es zu Franz Hörnschemeyers Zeiten nichts außergewöhnlich Schickes gab: Einmal, im Jahr 1949, nähte er etwas ganz Besonderes aus rotem Leder, weil ein Bauer seinen Töchtern ein besonderes Geschenk machen wollte: rote Piroschkastiefel. So etwas hatte niemand im Dorf.

Die Moden mögen sich vielleicht geändert haben, doch manches, was vor Jahrzehnten gut aussah, ist heute noch schön: Für seine Meisterprüfung fertigte Joseph Hörnschemeyer ein Paar hochhackige Pumps in Größe 37 aus dunkelgrünem Leder mit einer kleinen Rose an der Spitze. Zeitlos und sehr elegant. Für seine Frau hat er allerdings nie ein paar Schuhe gemacht. „Ich hatte einfach keine Zeit.“

Vielen ist der Wallenhorster nämlich nicht nur als Schuhmacher bekannt, sondern auch als verdienter Feuerwehrmann. „Ich war 27 Jahre Gemeindebrandmeister und im Anschluss seit 1990 für zwölf Jahre stellvertretender Kreisbrandmeister sowie Brandschutzabschnittsleiter Süd.“ Dafür habe er meist abends gearbeitet, zusätzlich zu den Stunden, die er ohnehin bei der Feuerwehr verbracht hat. „Ich habe mal nachgerechnet: Ich war bei etwa 2500 Einsätzen in meiner Dienstzeit.“ Nach seiner aktiven Zeit, die vor neun Jahren endete, wurde er zum Ehrengemeindebrandmeister ernannt.

Bis 2006 hatten die Hörnschemeyers ein Schuhgeschäft in der Großen Straße. „Meine Frau führte den Laden, ich die Werkstatt.“ Absätze richten, Schuhspitzen ausbessern, das sind die häufigsten Reparaturen. „Manche kamen erst mit den Schuhen zu mir, wenn es eigentlich schon zu spät war.“ Was ein Schuhmacher dann besonders braucht: „Gute Ideen und Fingerspitzengefühl.“ Ob auch die jungen Schuhmacher darüber verfügten, kontrollierte er im Meisterprüfungsausschuss der Handwerkskammer Osnabrück – Emsland – Bad Bentheim, dem er von 1992 bis 2013 angehörte.

„Seit wir den Laden nicht mehr haben, haben weniger Kunden ihre Schuhe bei mir abgegeben, das war schon deutlich zu merken“, erzählt der 74-Jährige. „Ich fand die Arbeit immer interessant, auch nachdem das Schuhgeschäft geschlossen war, aber jetzt habe ich den Betrieb abgemeldet.“ Sein Sohn Frank hat einen anderen Berufsweg eingeschlagen, ist seinem Vater aber als Ortsbrandmeister in der Feuerwehr gefolgt. Und sein Enkel? Der startet bald in der Jugendfeuerwehr. Wenn sie auch nicht den Familienbetrieb fortführen, Feuerwehrstiefel ziehen alle Männer in der Familie Hörnschemeyer an.


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