Tasten und riechen Andreas Rotthoff organisiert Wildpflanzenführungen für Sehbehinderte und Blinde

Von Kerstin Pentermann


Wallenhorst/Fürstenau. „Achten Sie darauf, wenn Sie die Dolde fühlen, wie gleichmäßig sie abschließt, wenn sie die Hand darauf legen.“ Andreas Rotthoff – zertifizierter Wildpflanzenkundiger – sorgte dafür, dass jeder Teilnehmer das handliche Holzmodell, das er einem Doldengewächs nachgebaut hatte, einmal ertasten konnte. Denn die Wildkräuterführung, die er im Caritasheim an der Bahnhofstraße und im nahe gelegenen Stadtpark in Fürstenau angeboten hatte, war für Menschen mit einer starken Sehbehinderung und Blinde gedacht.

Die Teilnehmer konnten die Wildkräuter, die Andreas Rotthoff ihnen nahebrachte, lediglich fühlen und riechen – und durften sie am Ende auch schmecken.

Die ungewöhnliche Idee, blinde Menschen und Menschen mit einer starken Sehbehinderung an Wildkräuter heranzuführen, kam Andreas Rotthoff im Gespräch mit seinem Freund Jürgen Mattern, der nach einer Netzhautablösung fast nicht mehr sehen kann. „Ich habe ihm erklärt, dass Waldmeisterbowle nicht grün ist, aber nach Grün schmeckt“, so Andreas Rotthoff. An kulinarischen Abenden servierte er Jürgen Mattern Kräuter, die er in einem Wildkräuterseminar der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB) in Wallenhorst kennengelernt hatte. Daraus resultierend, bietet er Wildkräuterwanderungen für Gruppen an (Information unter: www.wilde-wiese.info ). Einen Infotag zu einheimischen Wildpflanzen mit Andreas Rotthoff veranstaltet die LEB aktuell am 20. September von 9 bis 16.30 Uhr.

Unter Mitwirkung von Jürgen Mattern entstand schließlich die ungewöhnliche Idee, auch Wildkräuterseminare für Menschen anzubieten, die nicht sehen können. Mattern führte Rotthoff in die Welt der Nicht-Sehenden ein und wies ihn auf verschiedene Möglichkeiten hin, Wildkräuter anders zu erleben. So entwickelte Andreas Rotthoff eine den Bedürfnissen von Blinden und Sehbehinderten angepasste Herangehensweise, die es für sie möglich macht, die einheimischen Wildpflanzen eigenständig kennenzulernen. Für ein erstes Seminar konnte er jetzt die Selbsthilfegruppe der Sehbehinderten in Fürstenau gewinnen.

Andreas Rotthoff ist inzwischen davon fasziniert, die Welt der Wildkräuter auch in Zukunft aus den Perspektiven unterschiedlicher Teilnehmer zu betrachten und sie für sie zugänglich zu machen. „Ich habe eine Veranstaltung mit Gehörlosen geplant“, so Rotthoff. „Allerdings mit einem Begleiter, der meine Anmerkungen in die Gebärdensprache übersetzen kann.“

Sehbehinderte Menschen müssen Wildkräuter mit den Sinnen erfassen, auf die sie sich sonst auch verlassen. „Sie können besser riechen und tasten“, so Andreas Rotthoff. Überhaupt habe man vom Umgang mit Kräutern oftmals falsche Vorstellungen. Auch für Menschen, die sehen können, gilt: Man gehe nicht einfach los, um zu pflücken, sondern nimmt einen fachkundigen Begleiter mit oder kauft die Kräuter bei entsprechenden Händlern. Alles andere sei gefährlich, wie bei den Pilzen gebe es auch viele giftige Kräuter, die den essbaren ähneln. Vieles findet sich auch im eigenen Garten, wie beispielsweise Giersch, aus dem man einen leckeren Salat machen kann.

Für die sehbehinderten Menschen hatte Rotthoff neben seinen Holzmodellen auch echte Kräuter mitgebracht. Die Taubnessel erkennt man an ihren winzigen Härchen auf den Blättern. Spitzwegerich lässt sich durch die parallelen Blattnerven erkennen. Die strahlenlose Kamille, die aussieht wie ihre verwandte Artgenossin, nur ohne Blätterstrahlen, hat einen starken Duft nach Ananas. Aus ihr lässt sich aromatischer Zucker oder auch ein aromatisches Salz herstellen, wenn man sie mit den Zutaten mörsert und das Ganze ziehen lässt.

Gewöhnungsbedürftig ist der Waldziest, dessen starker Duft vor allem Nichtsehende mit einem guten Geruchssinn erst einmal abschreckt. In Essig und Öl eingelegt, kann man aus den Blättern allerdings ein Steinpilzaroma gewinnen, erfuhren die Männer und Frauen in der Kräuterrunde. „Für Menschen mit einer Sehbehinderung kann eine Wildkräuterführung durchaus die Lebensqualität steigern, denn sie nehmen einen Teil ihrer Umwelt ganz neu mit ihren Sinnen wahr“, so Andreas Rotthoff. Und sie fühlen sich so ermutigt, ihre Umwelt neu zu entdecken. Denn bis zur nächsten Grünfläche oder in den Garten seien es oft nur ein paar Schritte.

Interessant waren die Vergleiche, die die sehbehinderten Teilnehmer des Seminars beim Vergleich der Wildpflanzen anstellten. „Die Dolden fühlen sich wie ein Federball an“, erklärte eine ältere Dame.

Im Nachhinein ließen sich dann alle Teilnehmer einen Wildpflanzensalat aus Gundermann, Taubnessel, Spitzwegerich, Löwenzahn, Giersch und Gänseblümchen auf Eichenblattsalatgrundlage mit einem Feigensenfdressing schmecken. Zum Nachtisch gab es Wraps mit einer Füllung aus hochwertiger Haselnusscreme mit Gundermannblättern auf einem Himbeersoßenspiegel.

Jürgen Mattern hat das Interesse seiner Selbsthilfegruppe aus Fürstenau Mut gemacht, die Wildkräuterthematik für Menschen mit einer Sehbehinderung wieder einmal in den Mittelpunkt eines Treffens zu stellen.

Interessenten können sich unter Telefon 05901/7865 über die Selbsthilfegruppe informieren.


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