Kinder in Zeit und Raum Kunststudenten erarbeiten im Ruller Haus mit Grundschülern Performance


Wallenhorst. Kinder machen Kunst. Am Freitag führen Schüler der St.-Bernhard-Schule Rulle Performances im und am Ruller Haus auf. Das Projekt heißt „Kinder(T)Räume“. Eine Woche haben die Schüler der 3b und der 4a die Gelegenheit einen Ort für sich zu entdecken, Räume, Fundstücke oder Legenden rund um das Ruller Haus auf ihre Weise zu interpretieren und für Außenstehende sichtbar zu machen.

Anna Stern ist selbst Performance-Künstlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin, sie leitet das Projekt, bei dem Studentinnen der Universität Osnabrück die Kinder mit der Kunstform vertraut machen. „Performance zu definieren ist schwierig“, sagt sie. „Im Zentrum steht der Körper des Künstlers in Zeit und Raum.“ Anders als bei Bildern, die an der Wand hängen oder Skulpturen, die auf einem Sockel stehen, ist Performance vergänglich, setzt auf den Moment. Es bleibt nichts übrig, außer vielleicht Fotos.“

25 Kinder der dritten Klasse und 18 aus der vierten Klasse durften sich mit dem Ruller Haus auseinandersetzen. „Also nicht einfach reingehen und zum Beispiel eine Lesung konsumieren, sondern sich selber die Räume erobern – innen wie auch im draußen in Hof und Garten. Die Kinder sollen Geschichten erzählen, aus der Sicht des Ortes „Ich bin der alte Brunnen, die wilde Hecke, der dunkle Keller“. Möglichkeiten gibt es viele: Ein alter, dunkler Keller mit grüner Holztür wird zum Platz für eine Prinzessin oder zu einem Spielplatz. „Jedes Kind darf das machen, was es möchte. Wir sagen ihnen nicht, was sie tun sollen, sondern wir unterstützen sie, geben Impulse und versuchen sie ein Stück weiterzubringen.“ Der tiefe, grün bewachsene Brunnen regt die Fantasie an, erst recht aber auch die vielen alten Instrumente und Werkzeuge auf dem Dachboden, die Klänge jeder Höhe und Tiefe erzeugen.

Weil sich die Jungen und Mädchen mit dem Raum, der Pflanze oder dem Werkzeug, dessen Geschichte sie erzählen wollen, eng vertraut machen, haben sie nicht nur Kunstunterricht. „Sie lernen gleichzeitig für Deutsch, für Bio oder auch Geschichte“, erläutert Anna Stern. „Allein schon wie sie gestaunt haben, als sie erfuhren, dass 200 Kinder in dem einen großen Raum unterrichtet wurden, wo heute höchstens 30 eine Klasse bilden würden.“

Theo Wöstmann und Bennet Mundt haben sich eine Skulptur im Garten ausgesucht. Sie ist etwa so groß wie die beiden Zehnjährigen, wie ein Blitz geformt und der obere Teil liegt wie bei einem Kreuz auf und ist beweglich. Theo und Bennet bewegen sich ganz ruhig. Sie sammeln Gräser und mahlen sie wortlos zwischen den schweren Steinen der Skulptur. „Riech mal“, sagt Bennet, als er die gemahlenen Ähren übergibt. Es duftet köstlich nach Sommerwiese. Dann benutzen sie das Werk wie ein Fernrohr, schließlich drehen ihre Arme und Hände wie die Form der Skulptur. Dabei sieht der eine im anderen sein Spiegelbild. Am Ende fixieren sie das Kunstwerk mit dünnen Schnüren und nehmen ihm seine Beweglichkeit. „Die Ideen hatten die beiden selbst“, sagt Anna Stern, „die Anregung, etwas zu spiegeln, haben sie aus der Vorbereitung mitgenommen, vorgeschrieben ist es nicht.“

15 Studentinnen, die Kunstlehrerin werden wollen, begleiten die Kinder und nehmen eine Woche lang eine Auszeit vom Vorlesungssaal. „Wir lernen viel über Motivation und Respekt und auch darüber, wie viel man Kindern zumuten kann“, sagt Anika Kraus. Es sei erstaunlich – und das hätten auch die Lehrerinnen Maria Wegmann und Annika Fiening bestätigt – was das Projekt mit den Kindern mache. „Schüchterne gehen aus sich heraus und lebhafte Schüler beschäftigen sich konzentriert mit einer einzigen Sache“, erzählt Karin Monteiro Kisslinger. „Vielleicht ist das die Gelegenheit, die eine oder andere Schublade im Kopf, in der die Kinder stecken, zu leeren“, regt Aline Mohrmann an. „Ganz wichtig ist die Aufführung am Freitag“, betont Pia Tabea Visse, „die Jungen und Mädchen wissen, das ist der Ernstfall. Und es gibt Anerkennung und Applaus.“ Anna Stern hofft sehr, dass die Besucher die Leistung der Schüler anerkennen und sich auf die bisweilen ungewöhnlichen Ideen einlassen.

Die Klasse 3b stellt am Freitag, 27. Juni, um 15 Uhr vor, was sie erarbeitet hat, im Anschluss, ab 16.30 Uhr zeigen die Schüler der 4a ihre Performances.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN