38 Hektar Kompensationsflächen Wallenhorster Rückzugsorte für Tiere und Pflanzen

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Wallenhorst. Wenn eine Gemeinde wie Wallenhorst aus Feldern und Wäldchen Gewerbe- und Baugebiete macht, zerstört sie Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Dafür muss sie Ausgleich schaffen. So sind seit Beginn der 1990er-Jahre 38 Hektar an öffentlichen Kompensationsflächen zusammengekommen. Der Wallenhorster Umweltbeauftragte Udo Stangier hat sie alle im Blick.

Die mit 13 Hektar größte zusammenhängende Wallenhorster Kompensationsfläche befindet sich in Lechtingen. Wiesen, Tümpel und ein breiter Buschstreifen – auf den ersten Blick ist das Areal „Harenburgs Wiesen“ südöstlich der Mühlenstraße wenig spektakulär, doch das täuscht, betont der Biologe. „Ein Schneckenforscher würde hier seine Freude haben“, sagt Stangier und deutet auf eine nasse Wiese mit hohem Gras. „Hier, der Boden ist ganz hell“, sagt er ein paar Meter weiter und stößt demonstrativ mit seinem schlammgrünen Gummistiefel am Fuß gegen einen Maulwurfshügel. „Der taugt überhaupt nicht als Ackerboden.“ Perfekt für den Naturschutz.

Unordnung ist gesund

Eigentlich ist es ganz simpel: Alles, was an Wiesen und Wäldern unordentlich und struppig aussieht, ist gut für die Natur. Wenn Stangier daher von einer „Aufwertung der Flächen“ spricht, redet er aus der Perspektive von Flora und Fauna und nicht etwa aus der eines ordnungsliebenden Menschen. „Gärten sind doch viel schöner“ – dieses Argument höre er häufig, außerdem böten diese doch auch viel Platz für Vögel und andere kleine Tierarten. Doch der Eingriff in die Natur sei groß, wenn auf einem brachliegenden Acker schmucke Vorgärtchen entstehen – und um sie herum ein großer Teil des Bodens durch Häuser und Straßen versiegelt wird. „Das geht runter bis in die wirbellosen Arten“, sagt Stangier. Und daher muss laut Naturschutzgesetz Ersatz geschaffen werden.

Die lange breite Hecke, die sich durch einen Teil der Fläche in Lechtingen zieht, habe er 1992 angepflanzt, erinnert sich Stangier. Der Zaun, der damals zum Schutz vor knabberwütigen Rehen diente, steht heute noch. „Das war meine erste Kompensationsmaßnahme.“ Sie diente als Ausgleich für die Bebauung des Wallenhorster Zentrums, die noch immer nicht ganz abgeschlossen ist. Nicht umsonst heißt die grüne Wiese neben dem Rathaus „Grüne Wiese“. Bis heute ist es nicht gelungen, dort ein Einkaufszentrum zu errichten. .

Das Wasser in dem Tümpel, den Stangier damals am Ende der Hecke anlegte, ist fast schwarz; die Erlen am Rand sind erst vor einigen Tagen zurückgeschnitten worden, damit genügend Licht an das Wasser dringt. Sonderlich vital sieht das nicht aus. „Aber wichtig ist die Funktion“, betont der Biologe. Grasfrosch, Erdkröte, Molch, Libellen, Blutegel, Fliegenlarven – all diese Arten können hier leben. Beim Besuch sind die Amphibien allerdings verschwunden. „Vielleicht war das Gewässer zu stark zugewachsen“, grübelt Stangier, oder die Amphibien seien in einen neu angelegten Hofteich in der Nähe übergesiedelt. Das Wasser ist klar, nur der durchschimmernde Boden ist in diesem Bereich moorig-schwarz. Kein Zufall also, dass eine „Moorbachstraße“ durch Lechtingen führt und an die alte Flurbezeichnung „Schwarzes Moor“ erinnert.

Kulturlandschaft

Der Rasen ringsum ist struppig und kurz. Die Wiesen würden an Landwirte verpachtet, die dort ihr Vieh weiden lassen können, erläutert der Umweltbeauftragte. Würde man sie ganz sich selbst überlassen, würde hier bald ein Wald entstehen – Ziel der Kompensation sei aber auch, die Kulturlandschaft, wie sie die Region prägt, zu erhalten. „Schafbeweidung wäre ideal“, sagt Stangier. „Der Kot würde Fliegen und Maden Nahrung bieten – und die wiederum wären Nahrung für die Fledermäuse im Wald.“

Viele Kommunen, auch Wallenhorst, erwerben für die Kompensation Punkte bei der Stiftung Hof Hasemann in Bramsche-Achmer – und zwar einzig und allein dafür, dass deren Flächen hergerichtet und gepflegt werden. 200000 Euro habe Wallenhorst in diese sogenannten Ablösungen aus dem Öko-Konto-Guthaben der Stiftung in den letzten 15 Jahren gesteckt. 470000 Euro flossen in eigene Kompensationsflächen. Das klingt viel. Doch im Verhältnis zu den Kosten für die neuen Bau- und Gewerbegebiete belaufen sich die Kompensationskosten auf weniger als fünf Prozent, betont Stangier.

Als Biologe ist er froh, Flächen wie Harenburgs Wiesen anlegen und pflegen zu können. Und doch kann er nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass es sich nie um einen hundertprozentigen Ersatz, sondern immer nur um einen Kompromiss handelt. Die Ausgleichsfläche soll etwa in einem „funktionalen Zusammenhang“ zur Ursprungsfläche stehen. „Aber für wen soll das gelten?“, fragt Stangier kritisch. „Für die Vögel? Für die Regenwürmer? Für die ist das so, als würden wir für uns Menschen eine Ausgleichsfläche auf dem Mond schaffen.“

Wie groß der Wert der Rückzugsflächen für die Natur ist, weiß Stangier nicht genau. „Seit 22 Jahren gab es hier weder Düngung noch Pestizideinsatz“, sagt er über „Harenburgs Wiesen“. Gerne würde er einmal untersuchen, wie sich das auf die Tier- und Pflanzenwelt ausgewirkt hat. Wie sehr lohnt sich der Aufwand überhaupt? An solchen Studien mangelt es aus seiner Sicht.

Flächenmangel

Ein weiteres Problem beschäftigt den Umweltbeauftragten: Um den Tieren und Pflanzen noch Raum zu geben, gerät er mehr und mehr ins Grübeln – denn die Zahl der Restflächen, die die Gemeinde sich selbst überlassen kann, geht gegen Null. Nicht nur, weil die Gemeinde in jüngster Zeit drei Baugebiete und ein Gewerbegebiet in Hollage ausgewiesen hat. Auch die Flächenpreise für Landwirte sind in die Höhe geschossen – verkaufen möchte kaum einer mehr. Und die Flächen mit unfruchtbaren Böden seien „alle schon weg“, so Stangier.

Er setzt seine Hoffnungen daher auf die verbliebenen Lücken – einige Meter breite Streifen entlang der renaturierten Hase etwa wie in der Haseniederung. „Wir versuchen, platzsparende Kompensation zu betreiben“, erläutert der Biologe. Sogar wild verwachsene Bereiche am Lärmschutzwall seien geeignet. Denn trotz aller Bemühungen sei eines klar, so Stangier: „Die Roten Listen sind länger geworden.“


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