Seminar im Ruller Haus Die Kunst des lebendigen Vorlesens

Zahlreiche praktische Übungen waren Teil des Lesecoaching-Seminars. Foto: Hermann PentermannZahlreiche praktische Übungen waren Teil des Lesecoaching-Seminars. Foto: Hermann Pentermann

Wallenhorst. Rund 20 Teilnehmer erfuhren im Ruller Haus in dem Lesecoaching-Seminar „Wie kommt der Wolf in die Stimme?“ in intensiven vier Stunden viel Wissenswertes über die Kunst des lebendigen, nachhaltigen Vorlesens. Stimm- und Sprachlehrer Rainer Rudloff überzeugte dabei durch viel Fachwissen und pädagogisches Geschick.

Das Teilnehmerfeld war breit gestreut: Ehrenamtliche Vorleserinnen, Lesementoren und Lehrer hatten genauso den Weg ins Ruller Haus gefunden wie eine leitende Ingenieurin aus der Automobilindustrie, die mehr über ihre stimmlichen Einsatzmöglichkeiten erfahren wollte. Eine Teilnehmerin beschrieb sich als die leidenschaftliche Hörerin der Detektivreihe „Die drei Fragezeichen“. Sie würde gerne einmal als Synchronsprecherin arbeiten, berichtete sie.

Andere Besucher waren einfach aus privatem Interesse da. Sie alle eint wohl die Liebe zum Buch, zum Wort und dem Vorlesen. Daher mochte die anfängliche Frage „Warum überhaupt vorlesen?“ als „Eulen nach Athen tragen“ angemutet haben, wie Rudloff einräumte. Seine Antwort half aber dabei, die Vorlesesituation noch einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten: „Unterschiedliche Menschen sitzen gleichberechtigt nebeneinander und sind einfach so da, wie sie sind.“ So säße in einer Kinderlesung auch mal der coole Typ neben der schüchternen Leseratte, beschrieb Rudloff seine Erfahrungen aus zahlreichen Lesungen in Schulen.

Bevor es um den Wolf in der Stimme ging, erklärte der ausgebildete Atem-, Sprech- und Stimmlehrer, wie Sprache überhaupt entsteht. Anhand von Schaubildern beschrieb er, wie Atmung funktioniert und sich auf die Organe im Körper auswirkt. Er hob die Phase nach dem Ein- und Ausatmen hervor, die auch beim Vorlesen ein Moment der Ruhe sein sollte: „Nutzen Sie diese zur Regeneration des gesamten Organismus“, forderte Rudloff seine Zuhörer auf. Teilnehmerin Gabriele Janz hat dieser Abschnitt nach eigener Aussage viel gebracht: „Ich verstehe jetzt besser, wie ich die Stimme durch die Muskulatur beeinflussen kann.“

Passend zum Thema des Seminars erweckte Rainer Rudloff schließlich die Hauptfiguren des „Rotkäppchen“-Märchens mit seiner Stimme zum Leben: das naive Mädchen mit dem Korb und der hinterlistige Wolf. „Was mache ich, damit sich das Rotkäppchen wie Rotkäppchen anhört und der Wolf wie der Wolf?“, fragt er seine Zuhörer. Gemeinsam wurde herausgearbeitet, dass die helle, hohe Stimme die Naivität des Mädchens betone, das schnelle Sprechtempo seine Unbekümmertheit. Die undeutliche Sprache des Wolfes vermittle dagegen, dass er etwas zu verbergen hat. Stimmlage, Sprechtempo oder Sprachmelodie - all dies seien die Handwerkszeuge eines guten Vorlesers: „Es sind Stellschrauben, an denen man drehen kann, um den Charakter der Figur zu zeigen“, erklärte Rudloff.

Zum Abschluss folgten noch praktische Übungen zur Atem- und Stimmbildung und zur allgemeinen Lockerung. Teilnehmerin Karin Comfere, Deutschlehrerin am Gymnasium Oesede und Leiterin eines Programms zur Leseförderung, glaubt, diese auch gemeinsam mit ihren Kollegen und Schülern umsetzen zu können. „Das Seminar hat einfach Spaß gemacht“, sagt sie abschließend. Im nächsten Jahr soll es unbedingt ein Nachfolgeseminar geben, war die einhellige Meinung der Kursteilnehmer.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN