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Integrationsklassen der Alexanderschule leben Inklusion vor – „Ein Mut machendes Beispiel“ Der Unterricht von morgen

In der Integrationsklasse der achten Jahrgangsstufe lernen Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam. Förderschullehrer Stephan Blume unterstützt dabei den Unterricht der Klassenlehrerin Wiebke Jungherz. Foto: Elvira PartonIn der Integrationsklasse der achten Jahrgangsstufe lernen Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam. Förderschullehrer Stephan Blume unterstützt dabei den Unterricht der Klassenlehrerin Wiebke Jungherz. Foto: Elvira Parton

Wallenhorst. Als an der Alexanderschule vor gut vier Jahren der Unterricht in der ersten Wallenhorster Integrationsklasse begann, betraten Lehrer, Eltern und Kinder Neuland. Es gab kaum Konzepte, auf die die Pädagogen Wiebke Jungherz und Stephan Blume zurückgreifen konnten. Heute sagen sie: „Wenn es so läuft wie jetzt, ist es eine gute Sache.“

Im Verwaltungstrakt der Hauptschule hängt eine Urkunde des Jakob-Muth-Preises der Bertelsmann-Stiftung. Die Wallenhorster sind zwar keiner der drei Preisträger geworden, aber ihnen wurde eine Anerkennung ausgesprochen, und zwar für ihr „vorbildliches Engagement auf dem Weg zur inklusiven Schule“. Als „Mut machendes Beispiel“ für gemeinsames Lernen behinderter und nicht behinderter Kinder bezeichnen die Stifter die Alexanderschule. Wer den Unterricht der Integrationsklasse des achten Jahrgangs verfolgt, merkt schnell, was gemeint ist.

Gruppenarbeit ist angesagt. Die Schüler tragen Informationen über ihr Bachprojekt zusammen, schreiben die Daten auf ein Blatt Papier, jeder in einer Ecke des Bogens. Für einen Jungen im Rollstuhl übernimmt der Zivildienstleistende die Arbeit.

19 Mädchen und Jungen besuchen die Klasse, sechs von ihnen sind Schüler, die einen Förderbedarf in den Schwerpunkten Lernen, Sprache oder körperlich-motorische Entwicklung haben. Wiebke Jungherz ist seit dem fünften Schuljahr ihre Klassenlehrerin. „Allein könnte ich den Unterricht nicht bewältigen“, sagt sie, „dafür habe ich gar nicht die Ausbildung.“ 18 Stunden in der Woche unterstützt sie Stephan Blume. Der Pädagoge ist Lehrer an der Förderschule Ickerbach in Belm. Auch er ist von Beginn an dabei. Das Team funktioniert, die Klasse profitiert davon. „Der Zusammenhalt ist toll, die Schüler sind selbstständig und selbstsicher“, bemerkt Wiebke Jungherz. Die Gemeinde Wallenhorst bezahlt zudem eine halbe Stelle für einen Heilpädagogen. „Wir sind fast jede Unterrichtsstunde doppelt besetzt“, sagt die Lehrerin. „So, wie es jetzt läuft, ist es optimal, dann hat das Konzept Zukunft“, meint Blume.

Vier Integrationsklassen gibt es inzwischen an der Alexanderschule, jeweils eine in den Jahrgängen 5 bis 8. „Für das kommende Schuljahr haben wir so viele Anfragen, dass wir überlegen, beide Eingangsklassen zu Integrationsklassen zu machen“, erklärt Schulleiter Thomas Behning. Aber das müsse die Niedersächsische Landesschulbehörde entscheiden.

Vor vier Jahren habe die Alexanderschule noch „sehr distanziert“ auf den Elternwunsch reagiert, eine Integrationsklasse an der Alexanderschule zu bilden. „Wir scheuten ein wenig die Belastungen, die auf uns zukommen würden“, bemerkt Behning. Denn ohne hohen finanziellen, personellen und persönlichen Aufwand wäre das Projekt für die Schule nicht zu stemmen gewesen.

Die Eltern blieben allerdings hartnäckig. Die Wallenhorster Grundschulen arbeiten nämlich schon seit einigen Jahren nach dem sogenannten Regionalen Integrationskonzept (RIK). Schüler mit Förderbedarf mussten zuvor je nach Schwerpunkt eine der Förderschulen besuchen. RIK ermöglicht den Unterricht in einer Grundschule am Wohnort. Stattdessen kommen die Förderschullehrer in die Regelschulen, zwei Stunden pro Woche und Klasse. Nun wünschten die Eltern eine wohnortnahe Betreuung über die Grundschule hinaus. Die Gemeinde als Schulträger, die Landesschulbehörde und die Alexanderschule zogen mit – und auch die Ickerbachschule. „In unserem Einzugsgebiet hat das Wallenhorster Konzept definitiv Modellcharakter“, sagt Schulleiterin Hilke Ackermann.

„Wenn wir heute Bilanz ziehen, gibt es durchweg nur positive Stimmen“, erzählt Behning. „Sowohl von Eltern mit Kindern mit Förderbedarf als auch von Eltern mit Regelkindern.“ Die Belastungen für das Team seien allerdings hoch. „Ich sage aber auch, dass sich der Einsatz lohnt“, sagt der Schulleiter. „Wir würden gerne auf diesem Niveau weiterfördern.“ Die Gesellschaft würde davon profitieren. „Hier werden Schüler ins Leben geschickt, die Handicaps als normal empfinden, die auch wissen, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat.“

Die Pause ist vorbei. Drei Jungen der Integrationsklasse kommen vom Pausenhof. Sie sind die Letzten. Einer sitzt im Rollstuhl, einer schiebt, einer hält die Tür auf. Alle drei lachen.


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