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Auf die Straße muss niemand Obdachlosenunterkunft in Wallenhorst: Trocken und warm, mehr aber nicht

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Wallenhorst. Wenn der Gerichtsvollzieher mit den Möbelpackern vor der Tür steht, ist es zu spät. Dann führt für die Betroffenen oft kein Weg an der Obdachlosenunterkunft vorbei. Zwangsräumungen, Brände oder Streitigkeiten – wer aus diesen Gründen plötzlich kein Dach mehr über dem Kopf hat, kann in dem Wallenhorster Anwesen am Dreskamp unterkommen. Die meisten bleiben ein paar Wochen, manche Jahre.

Wer unfreiwillig dort landet, ist ganz unten. Finanziell oder privat – oder beides. Der Blick in die derzeit nicht belegten Zimmer ist deprimierend: Flecken an den Wänden, auf dem Teppichboden, auf den spärlichen Möbeln. Wohl fühlen sollen sich die Bewohner hier nicht, wollen diese Zimmer sagen. Eine Übergangslösung soll es sein – mehr nicht. Aber: „Es ist trocken, warm und man hat ein Dach über den Kopf“, fasst Rüdiger Mittmann aus der Wallenhorster Gemeindeverwaltung zusammen.

Acht Zimmer gibt es, fünf Obdachlose leben dort derzeit: eine dreiköpfige Familie und zwei alleinstehende Männer. Auf den ersten Blick ist es ein hübsches altes Bauernhaus mitten auf dem Land nahe der B68. Ein verblichener Kunststoffblumenkranz hängt an der Haustür, daneben eine Klingelanlage mit abgefledderten Namensschildern. Durch den wohnlichen Hausflur mit seinen antiken Holztruhen geht es in die Küche – sie ist neben den beiden Badezimmern der einzige Gemeinschaftsraum. Sie ist spärlich eingerichtet: ein paar alte Schränke, ein Herd, eine Spüle, ein alter Tisch, einige Stühle. Man sieht, dass hier jahrelang nur oberflächlich geputzt wurde. Laut Hausordnung sind die Bewohner selbst für die Pflege der Räume verantwortlich.

Orangefarbene Rosen hat eine Bewohnerin aufgestellt. Die Blumenfrau sitzt rauchend am Küchentisch, vor sich ein aufgeschlagenes Buch. „Mein Mann sagt immer: Irgendwann gewinnen wir im Lotto, und dann kaufen wir das alles hier und machen es schön.“ Ihren Namen will sie lieber nicht in der Zeitung lesen. Nennen wir sie Margit.

Seit zwei Jahren bewohnt sie mit ihrem Mann und ihrer 17-jährigen Tochter zwei Zimmer der Wallenhorster Obdachlosenunterkunft. Ihr Mann ist Lkw-Fahrer – sie auf der Suche nach Arbeit. Ein großes Einkommen hat die Familie nicht. Dennoch stellt sich die Frage: Warum? Warum leben sie hier? Eine Wohnung müsste doch zu finden sein. „Wir suchen immer noch“, sagt Margit. „Wenn ich in den Anzeigen schon lese: Nebenkosten von 170 Euro – wie sollen wir das denn bezahlen?“ Bis vor zwei Jahren lebte die Familie im Elternhaus von Margits Mann. Dann starben dessen Eltern, der Streit um das Erbe begann. Die Geschwister wollten das Haus abreißen lassen, die dreiköpfige Familie musste raus.

In solchen Fällen informiert der Gerichtsvollzieher immer auch die Gemeindeverwaltung. „Wir haben ein Schreiben von der Gemeinde bekommen, dass wir uns melden sollen, wenn wir nichts finden“, erzählt Margit. Hendrik Lingemann ist in der Verwaltung seit 2009 Ansprechpartner für die Obdachlosen. „Wir versuchen in solchen Fällen auch, Wohnungen zu vermitteln“, erläutert er. Auf der Straße landet also niemand. Alleingelassen werden die Betroffenen nicht. Ein schwacher Trost.

Keine Wohnung in Sicht

Margit hat schon immer in Wallenhorst gelebt und wollte nicht weg, zumal die Tochter hier zur Schule ging. Da sie keine bezahlbare Wohnung in Wallenhorst fand, zog die Familie in das Haus am Dreskamp. Margit atmet tief aus. „Das fiel meinem Mann sehr schwer.“

Die Ankunft war niederschmetternd. Auch heute täuschen die Blumen in der Küche und der hübsche Eingangsbereich nicht darüber hinweg, dass die Räume abgelebt sind. In den Ecken liegt Staub, hängen Spinnenweben.

Das Bad teilt sich Margits Familie mit einem 72-Jährigen. „Der ist die gute Seele bei uns“, sagt Lingemann. Rüdiger Mittmann blickt zurück: „Als ich 1979 in der Gemeindeverwaltung angefangen habe, da lebte er noch in einer ganz anderen Obdachlosenunterkunft, die es schon längst nicht mehr gibt.“ Mittmann und seine Mitarbeiter haben schon viele Versuche unternommen, den Renter dazu zu bewegen, sich etwas Eigenes zu suchen – ohne Erfolg. Mittmann: „Wir wollen und dürfen niemanden auf die Straße setzen.“

Es ist ruhig geworden

Im April 2002 hatte die Gemeinde den Hof am Dreskamp erworben und nach und nach die untragbar gewordenen Obdachlosenunterkünfte am Lechtinger Kirchweg und auf der Heide in Rulle geschlossen. Seit Oktober 2003 wird das Bruchsteinhaus am Dreskamp genutzt. Der Rentner zog einfach mit um. „Meine Tochter sagt: Das ist mein Opa“, erzählt Margit.

In der Hausgemeinschaft kämen alle gut miteinander aus, sagt sie – viel mehr aber auch nicht. Bis auf den Kontakt mit dem Senior sei es doch eher anonym. Dass man mal gemeinsam in der Küche sitze, komme selten vor.

„Zurzeit ist es relativ ruhig“, sagt Lingemann. „Früher hatten wir mehrere alkoholabhängige Bewohner. Da gab es ab und zu Stress.“ „Wir sind keine Tagesunterkunft“, erläutert Mittmann. Wer von Ort zu Ort ziehe, müsse sich an gemeinnützige Einrichtungen wie die Caritas in Osnabrück wenden. Wer am Dreskamp landet, hat in der Regel vorher in Wallenhorst gewohnt und kann aus den unterschiedlichsten Gründen nicht zurück in seine Wohnung.

Kostenlos ist die Obdachlosenunterkunft übrigens nicht. In seiner jüngsten Sitzung hatte der Wallenhorster Gemeinderat eine neue Satzung verabschiedet. Ein Alleinstehender muss nun für ein Zimmer inklusive Heizkosten, Wasser und Strom 333 Euro pro Monat zahlen. In 90 Prozent der Fälle seien Räumungsklagen der Grund, warum Wallenhorster hier landeten. Selten seien es Brände und manchmal auch familiäre Probleme, erläutert Mittmann. Zuletzt hätten sie einer 19-Jährigen Obdach gewährt, deren Eltern die Schlösser ausgetauscht hätten. Für solche Notfälle stehen immer Betten mit noch eingeschweißten Matratzen bereit.

Eigene Möbel

Wer sich mit leeren Händen an die Gemeinde wendet, für den organisiert Lingemann das Nötigste – sprich: Bettzeug. Betroffene von Räumungsklagen bringen ihre eigenen Möbel mit, können aber nur einen kleinen Teil in den Zimmern unterbringen. Haustiere dürfen sie in der Regel behalten. „Das wollen wir keinem zumuten, auch noch seinen Hund wegzugeben“, sagt Mittmann.

Voll belegt sei das Haus noch nie gewesen, so Mittmann. In acht oder neun von zehn Fällen fänden die Betroffenen rasch eine neue Wohnung. Sieben bis zehn Fälle betreue die Gemeinde jährlich. Einer ist Mittmann noch stark in Erinnerung. „Am Tag der Räumung stand um 7.15 Uhr der Gerichtsvollzieher vor der Tür“, sagt er. Mutter, Sohn und Tochter saßen am Frühstückstisch. Die Kinder, 14 und 16 Jahre alt, besuchten das Gymnasium und wussten von nichts. „Die Mutter dachte wohl, sie könne das aussitzen“, erzählt Mittmann. „Die Kinder brachen in Tränen aus.“


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