"Verschwundene Orte" in Wallenhorst Die „Todeskreuzung“ und die verschwundenen Höfe

Von Joachim Dierks

Die Gaststätte Dorenkamp (vorne links) lag direkt an dem früheren kleinen Kreisverkehr. Sie musste dem raumgreifenden Ausbau der Auffahrt auf die B 68 weichen. Das Foto aus den 1990er-Jahren zeigt den Bau der Brücke über die B 68. Foto: Archiv Dorenkamp.Die Gaststätte Dorenkamp (vorne links) lag direkt an dem früheren kleinen Kreisverkehr. Sie musste dem raumgreifenden Ausbau der Auffahrt auf die B 68 weichen. Das Foto aus den 1990er-Jahren zeigt den Bau der Brücke über die B 68. Foto: Archiv Dorenkamp.

Wallenhorst. Wohl jeder Wallenhorster hat diesen verschwundenen Ort schon unter den Rädern gehabt. Der alte Hof Nettsträter und die Gaststätte Dorenkamp lagen dort, wo man heutzutage über die Auffahrt Wallenhorst-Nord auf die Bundesstraße 68 gelangt.

Diese Auffahrt bei den Verbrauchermärkten ist aus polizeilicher Sicht jetzt unauffällig. Das war vor 1995 noch anders. „Unfallschwerpunkt fordert neue Opfer“ – so oder ähnlich lauteten die Schlagzeilen, wenn es wieder einmal gekracht hatte. Das tat es in unschöner Regelmäßigkeit. Die Polizei registrierte Jahr für Jahr im Durchschnitt 15 Unfälle mit Toten und Schwerverletzten. Die Ausgangslage war dadurch gekennzeichnet, dass der Verkehr auf der weitgehend kreuzungsfrei geführten Bundesstraße 68 immer schneller und dichter geworden war und die Auffahrt von den untergeordneten Straßen Züge von Russischem Roulette angenommen hatte. Erheblicher LKW-Verkehr aus den Wallenhorster Gewerbegebieten auf dem Weg zur B 68 kreuzte sich mit starkem innerörtlichen Verkehr zu den Verbrauchermärkten, und das alles auf relativ eng bebautem Raum, der großzügige Lösungen erschwerte. 

Die B 68-Auffahrt „Wallenhorst-Nord“ und der Porta-Kreisverkehr. Innerhalb des gelben Ovals lagen die Gaststätte Dorenkamp und die Markkötterei Nettsträter. Foto: IPW Wallenhorst

Seit 1985 war den Verantwortlichen klar, dass die Unfallserie nicht abreißen würde, solange insbesondere die Linksabbieger aus Wallenhorst in Richtung Bramsche niveaugleich einfädeln mussten. Was wurde nicht alles erwogen und ausprobiert. Eine Ampelsteuerung auf der vierspurigen Bundesstraße. Provisorische Verkehrsinseln. Eine mittige Einfädelungs- und Beschleunigungsspur. Ein Tunnel. Eine Brücke. Ein kleiner Kreisel. Zwei kleine Kreisel. Die Gemeinde hätte am liebsten einen Tunnel gesehen, der sich dem Ortsbild besser unterordnen würde als ein riesiges Brückenbauwerk. Doch aus Kostengründen schied der Tunnel aus, eine große Kleeblatt-Lösung wegen der vorhandenen Bebauung ebenfalls.

Die Serie

Verschwundene Orte
Diese Serie führt uns zu verschwundenen Orten in der Großgemeinde Wallenhorst, die einst bedeutend waren, über die die Zeit aber hinweggegangen ist. Teils sind trotz Verfalls oder Abbruchs noch Spuren aufzufinden, teils hat eine Neubebauung nichts als die Erinnerung bei älteren Mitbürgern übrig gelassen.  

„Den Knoten durchgehauen“ hatte schließlich die vom Büro Ingenieurplanung Wallenhorst 1995 vorgestellte Kombinationslösung. Sie bestand aus einem „Viertel-Kleeblatt“ mit normalen Schleifenrampen als B-68-Anschluss im Nordosten, dann aus Parallelrampen an der Westseite und schließlich aus einem großen „fünfarmigen“ Kreisverkehr mit einem Außendurchmesser von 70 Metern, dem Porta-Kreisel, der die L 109 und vier Ortsstraßen anbindet.

Platz schaffen für den Super-Kreisel

Dieser Super-Kreisel brauchte Platz und forderte dann aber doch einige Opfer. In erster Linie war das die frühere Gaststätte Dorenkamp. Der stattliche Bau entstand nach 1900 als Teil der alten Markkötterei Nettsträter. Schon im Vorgängerbau wurde dort über zwei Generationen von der Familie Müller ausgeschenkt. Um 1900 übernahm Gerhard Dorenkamp die Pacht. Dessen Sohn Aloys hat später Erinnerungen aus der Zeit, in der seine Eltern die Gaststätte führten, niedergeschrieben (siehe Infobox). Der Standort war attraktiv, denn die Kutscher, die auf dem alten Heerweg (später Reichsstraße 68) unterwegs waren, kehrten gerne ein. Die Kohlenfuhrleute vom Piesberg hatten sowieso immer staubige Kehlen. Als „Querverkehr“ kamen Bewohner aus Hollage und der Barlage hinzu, wenn sie über den alten Barlager Kirchweg (heute Hansastraße) die Alte Alexanderkirche aufsuchten.

Gastwirt Gerhard Dorenkamp und Ehefrau Theresia vor ihrem Gasthaus. Foto: Archiv Dorenkamp

Eine Besonderheit der Gaststätte Dorenkamp war, dass hier häufig wandernde Gesellen auf der Durchreise übernachteten. Die Wallenhorster Kolpingsfamilie hatte mit Dorenkamp eine Vereinbarung über bevorzugte und kostengünstige Unterbringung getroffen. Ein Protokollbüchlein im Besitz der Kolpinger weist für das Jahr 1930 insgesamt 60 Gesellen nach, 1931 waren es 49 und 1932/33 zusammen 57 Gesellen, die ihr Haupt im Bereich der heutigen B 68-Auffahrt niederbetteten, bevor sie am nächsten Tag wieder auf die Walz gingen. Besonders viele Gesellen kamen aus Bayern und Württemberg, viele auch aus Thüringen und Schlesien.

Zur Person

Erinnerungen von Aloys Dorenkamp
„Es war eine flotte Kneipe, kamen doch die Barlager (Bollger) alle dort vorbei, wenn sie sonntags zur Kirche mussten. Weil der Weg dahin so schlecht war, gingen sie bei uns quer durchs Haus, in die Gaststätte rein, durch die Waschküche wieder raus, durch den Garten, über die Birke (Graben), wo ein Brett lag, zur alten Kirche. Nach der Kirchzeit ging es dann umgekehrt, nur dass sie dann erst in der Gaststätte eine Pause machten. Zum Teil kamen sie dann mit Pferd und Wagen bis uns, da wurde dann ausgespannt und nachher ging es mit dem Wagen nach Hause. Später, als die neue Kirche genutzt wurde, spannten sie bei Bockholt (später Kreienbaum, jetzt Bitter) aus, kamen dann aber trotzdem noch zu uns rein. 
Auch die Piesbergarbeiter aus Pente und Bramsche waren es gewohnt, einzukehren, ein paar zu trinken, anschreiben zu lassen und dann wieder nach Hause zu fahren. Wenn dann Lohntag gewesen war, wurde meistens der eine oder andere mehr getrunken. Die Zeche vom letzten Monat wurde gezahlt, als Quittung gab es vom Wirt einen Schluck.
Am Weg zur alten Kirche stand noch so ein kleines Häuschen, da konnte man von der Straße oder von der Gaststube reingehen. Das war das Kegelhäuschen und von dort lief die Kegelbahn entlang des Weges ins Alte Dorf. Die Bahn war wohl so 30 m lang und dann stand dort das kleine Häuschen, wo ich später noch Kegel aufsetzen durfte. Diese Kegelbahn wurde dann an Allerheiligen 1923 durch einen Wirbelsturm vernichtet. Unser Vater stand in der Waschküche und sah, wie der Wind unter das Dach packte, es hochnahm und mit der Mauer in sich zusammensacken ließ. Der Ausspruch von unserem Vater war bloß: „Ich baue sie nicht wieder auf“ und seitdem gab es keine Kegelbahn mehr in Wallenhorst.“

Ende der 1950er Jahre wurde die Gastwirtschaft aufgegeben. Sie war der letzte Überrest der alten Markkötterei Nettsträter gewesen. Markkötter bezogen ihren Namen meist aus der Örtlichkeit, hier also der „nassen Straße“. Unsere Vorfahren bezeichneten die Straße, die heute „Im Alten Dorf“ heißt und auf den früheren Kotten Nettsträter zuläuft, als „Nettstrauden“, denn diese Wegeverbindung hatte in der Tat mit dem Feuchtgebiet des Strothbachs zu kämpfen. Im Übrigen gibt es noch heute die Straße Nettkamp im Alten Dorf.

Ein Regenrückhaltebecken und Verkehrsanlagen nehmen heute die Standorte der früheren Höfe Dorenkamp und Nettsträter ein. Foto: Joachim Dierks

Markköttereien nannte man die vor allem im 16. und 17. Jahrhundert entstandenen Ansiedlungen kleiner landwirtschaftlicher Betriebe in der freien Mark. Markkötter waren zumeist abgehende Söhne von den örtlichen Höfen. Der Ortshistoriker Franz-Joseph Hawighorst hat herausgefunden, dass ein früher Markkötter Nettsträter eine durchaus schillernde Persönlichkeit war: Pastor Friedrich Rötger. Der war Geistlicher an der Alexanderkirche zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Die Nachwehen der Reformation hatten ihre Spuren hinterlassen. Bei Rötger war nie so ganz klar, ob er nun den alten oder den neuen Glauben praktizierte. Er richtete sich danach, was von der jeweiligen Obrigkeit gerade gewünscht war und ihm so ein bestmögliches Durchkommen ermöglichte. Er hatte nämlich nicht nur für sich selbst zu sorgen. Er lebte mit einer Frau zusammen und hatte sechs Kinder. Die pastorale Landwirtschaft war überlebenswichtig. Er konnte es sich nicht leisten, durch eine „falsche“ Predigt sein Amt zu verlieren. Als Vorsorgemaßnahme hatte er 1625 den Markkotten Nettsträter erworben.

Die Frage der Konfession

Nach dem Westfälischen Friedensvertrag war nun für das Fürstbistum Osnabrück zu klären, welche Konfession künftig in den jeweiligen Kirchspielen gelten solle. Abgestellt wurde auf das „Normaljahr 1624“. Für das Kirchspiel Wallenhorst griff man auf das Visitationsprotokoll des Kölner Domherren Albert Lucenius zurück, der am 16. Dezember 1624 Wallenhorst visitiert hatte. Rötger wird in dem Protokoll als „bäurischer und schmutziger Mensch“ bezeichnet, der mit einer Konkubine zusammenlebe und mitunter an seiner Loyalität zur katholischen Kirche zweifeln lasse. Das Gesamturteil lautete aber „noch katholisch“. Dadurch war die konfessionelle Prägung Wallenhorsts für die nächsten Jahrhunderte festgelegt. 

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