Däumchen drehen Kabarettist Rainer Schmidt bringt Wallenhorst zum Lachen

Mit Geschichten und Begegnungen aus seinem Leben brachte Kabarettist Rainer Schmidt das Publikum zum Lachen. Foto: Dominik LappMit Geschichten und Begegnungen aus seinem Leben brachte Kabarettist Rainer Schmidt das Publikum zum Lachen. Foto: Dominik Lapp

Wallenhorst. Darf man über Behinderungen lachen? Man darf. Zumindest, wenn es nach Rainer Schmidt, geboren ohne Unterarme und mit einem verkürzten rechten Oberschenkel, ginge. Der Theologe, Tischtennisprofi, Referent und Kabarettist war jetzt bereits zum dritten Mal in Wallenhorst zu Gast und hat mit seinem Programm "Däumchen drehen" das Publikum in der Sporthalle in der Fröbelstraße zum Lachen und Nachdenken gebracht.

Sein zweieinhalbstündiges Stand-up-Comedy-Programm gestaltete Rainer Schmidt so kurzweilig, dass die Zeit wie im Flug verging. In erster Linie ging es dabei um ihn. Um Geschichten und Begegnungen aus seinem Leben, die sich wirklich so zugetragen haben sollen. "Alles, was ich erzähle, ist die Wahrheit. Ich bin schließlich evangelischer Pfarrer. Ich muss immer die Wahrheit sagen. Alles andere ist poetische Freiheit." Und selbst wenn mal eine besonnene Stille im Auditorium eintrat, zum Beispiel als Schmidt von den familiären Reaktionen auf seine Behinderung nach der Geburt berichtete, holte er die Zuschauer ganz schnell wieder ab: "Hey, ich bin ausgebildeter Notfallseelsorger, ich hole Sie aus dem emotionalen Tief wieder raus." 

Weder Betroffener noch Leidtragender

Was Rainer Schmidt den ganzen Abend lang unmissverständlich klarmachte: Er ist weder ein "Betroffener" noch "Leidtragender". Er ist mit seiner Behinderung zur Welt gekommen und kommt damit sehr gut durch den Alltag. Wie er trotz Behinderung mit Messer und Gabel isst, sich wäscht oder anzieht, erklärte er anschaulich und präsentierte dazu einige Hilfsmittel. "Wenn du etwas willst, nimm es selbst in die Hand", sagte er und präsentierte sich als Optimist, wenn er wiederholte, was er sich selbst immer wieder sagt: "Du kannst so viel Spaß haben. Du musst dich nur trauen."

Mehr als einen Stuhl brauchte Rainer Schmidt für seinen zweieinhalbstündigen Auftritt nicht. Foto: Dominik Lapp


Familie bekommt ihr Fett weg

"Hey, warum hast du keine Hände", hat ihn mal ein Mann auf der Straße gefragt. "Missglückter Suizidversuch. Ich hab' mich falschherum auf die Gleise gelegt", entgegnete Rainer Schmidt. Der Saal tobte, wenn Schmidt von solchen Begegnungen berichtete. Aber auch seine Familie bekam ihr Fett weg. "Meine viereinhalb Jahre ältere Schwester Elke ist nicht behindert", sagte er. "Aber manchmal bin ich mir da nicht so sicher." Gelächter. "Ja, sie lachen. Aber sie haben meine Schwester noch nicht ‚Alle meine Entchen' summen hören, da erkennt man nichts!"

Verunsicherung im Alltag

Er berichtete auch über die Verunsicherung, mit der ihm Menschen im Alltag begegnen. Da war der Rezeptionist eines Hotels, der zunächst darauf verzichten wollte, dass Rainer Schmidt beim Check-in den Meldeschein ausfüllt. "Sie können ja Kringel machen", soll der Rezeptionist gesagt haben. Schmidt wundert sich bis heute, warum er mit Rainer Kringel unterschreiben sollte. "Inklusion heißt, dass ich nicht immer und überall behindert bin", versicherte der Kabarettist. "Wenn ich Tischtennis spiele oder als Pfarrer auf der Kanzel stehe, bin ich in erste Linie Sportler oder Pfarrer, aber nicht der Behinderte."

Jeder Mensch hat einen zweiten Blick verdient

"Sollte einer von Ihnen gegen mich Tischtennis spielen wollen, weiß ich jetzt schon, wer von uns behinderter aussieht", spielte der Kabarettist auf seine Laufbahn als Tischtennisprofi an. "Inklusion ist letztendlich die Kunst, dass wir alle zusammenleben und Bewusstsein dafür geschaffen wird, dass Behinderung nicht immer etwas mit Leid zu tun hat. Jeder Mensch hat einen zweiten Blick verdient. Vielleicht auch einen dritten."


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