Internationaler Kaffeeklatsch in Wallenhorst "Hier sitzen Moslems, Jesiden und Christen an einem Tisch"

Cornelia Stöcker (links) und Gesa Mietzner organisieren den „Internationalen Kaffeeklatsch“ und betreuen zwei Gruppen alleinstehender geflüchteter Männer, die am Dreskamp und der Hollager Straße untergebracht sind. Ihr Büro haben die Mitarbeiterinnen des Malteser Hilfsdienstes Osnabrück in der Andreaskirche in Hollage. Foto: Christina HalbachCornelia Stöcker (links) und Gesa Mietzner organisieren den „Internationalen Kaffeeklatsch“ und betreuen zwei Gruppen alleinstehender geflüchteter Männer, die am Dreskamp und der Hollager Straße untergebracht sind. Ihr Büro haben die Mitarbeiterinnen des Malteser Hilfsdienstes Osnabrück in der Andreaskirche in Hollage. Foto: Christina Halbach

Wallenhorst. Seit August 2017 bieten der Malteser Hilfsdienst und die Katholische Erwachsenbildung Osnabrück den „Internationalen Kaffeeklatsch“ als Begegnungsstätte für Geflüchtete und Einheimische an. Mit den Organisatoren, den Malteser-Mitarbeitern Gesa Mietzner und Cornelia Stöcker, sprach die Redaktion über das, was in puncto Integration in Wallenhorst bereits erreicht ist – und was noch passieren muss.

Welche Ziele haben Sie beim Start des Kaffeeklatsches vor rund eineinhalb Jahren verfolgt?

Stöcker: Ziel war es, in der Gemeinde einen Begegnungsraum für Wallenhorster Bürger und Neubürger zu schaffen, aus dem sich alles entwickeln durfte, was sich an Projekten, Begegnungen und Freundschaften entwickeln wollte.

Mit welchen Angeboten haben Sie versucht, diese Ziele zu erreichen?

Mietzner: Das war zunächst ein niedrigschwelliges Kontaktangebot ohne zusätzliche Angebote. Im Weiteren haben sich zum Beispiel Vereine und interessierte Privatpersonen vorgestellt.

Sie haben den Kaffeeklatsch immer mit bestimmten Themen verknüpft. Welche waren das?

Mietzner: Das Anfangsproblem waren ja die mangelnden Sprachkenntnisse auf beiden Seiten. Es ging im Wesentlichen darum Angebote zu schaffen, die Sprache umgehen. Daher gab es zum Beispiel Singnachmittage mit Maria Hartelt.

Stöcker: Wir haben es auch jahreszeitlich angepasst und zum Beispiel ein Fastenbrechen nach dem Ramadan gefeiert. Beim letzten Mal haben wir eine kleine Umfrage gemacht, woran die Menschen noch interessiert sind – an Personen oder Gebäuden in Wallenhorst – und da haben wir ganz nette Rückmeldungen bekommen. Weiter Kontakt zu Wallenhorstern zu bekommen, hat sich dabei als großes Ziel der Neubürger herausgestellt

Auch gemeinsames Basteln gehört zu den Angeboten des "Internationalen Kaffeeklatsches": v.l. Zaheda Safi, Lulu Almoustafa, Sigrid Möller, Rim Almoustafa, Noor Almoustafa Foto: Cornelia Stöcker



Welche Früchte hat diese Begegnung bereits getragen?

Stöcker: Ich denke, die einzelnen Begegnungen untereinander haben auf jeden Fall schon Früchte getragen. Es sind Freundschaften und Bekanntschaften zwischen Geflüchteten sowie Geflüchteten und Einheimischen entstanden.

Mietzner: Was wir auf jeden Fall als Gewinn empfinden ist, dass wir die verschiedenen Ethnien an einem Tisch haben. Wir kommen aus der Nothilfe und haben da festgestellt, dass unter anderem Syrer und Afghanen nicht in einem Raum sein wollten.

Stöcker: … geschweige denn an einem Tisch sitzen.

Mietzner: Das haben wir hier nicht.

Stöcker: Hier sitzen Moslems, Jesiden, Christen aus allen möglichen Ländern und Sprachen an einem Tisch.

Das ist das, was innerhalb der Begegnung entstanden ist. Was hat sich außerhalb entwickelt?

Stöcker: Wir wissen von einigen, die beim Judo und Volleyball aktiv sind. Einer spielt auch Tischtennis. Firmen, die auf den Kaffeeklatsch aufmerksam geworden sind, haben wegen eines offenen Ausbildungs- oder Praktikumsplatzes angerufen und gefragt: Könnt ihr euch vorstellen, dass das für jemanden passt?

Anfang Januar sind die Ergebnisse einer Studie zur Integration von Flüchtlingen veröffentlicht worden. Danach ist mittlerweile jede dritte erwerbsfähige Geflüchtete erwerbstätig. Spiegelt sich das bei den Geflüchteten in Wallenhorst wieder?

Stöcker: Bei den Männer, die wir betreuen, ja. Ich würde sogar sagen, eher die Hälfte ist in Ausbildung oder erwerbtätig.

In welchen Berufen haben sie einen Ausbildungsplatz oder Anstellung gefunden?

Stöcker: Meistens Hilfstätigkeiten, die vorwiegend von Zeitarbeitsfirmen vermittelt wurden.

Mietzner: im Ausbildungsbereich sind es Lageristen, Landmaschinenmechatroniker, landwirtschaftlicher Helfer, aber auch Maler und Lackierer. Das Ding ist, dass die meisten in ihrem Heimatland nicht rechnen gelernt haben. Das heißt, wenn die Menschen in eine Ausbildung kommen, müssen sie richtige Sprünge machen. Und dazu kommt: Wie kann ich mich organisieren? Wo gibt es Nachhilfe? Wie stelle ich einen Haushaltsplan auf?

Die Studie hat auch festgestellt, dass zu den Problemfällen die Frauen gehören, weil sie weniger an Integrations- und Sprachkursen teilnehmen. Können Sie das bestätigen?

Stöcker: Ja, wir stellen das auch so fest, dass oft der Vater zu den Deutschkursen geht und die Mutter sich um die Kinder kümmert.

Mietzner: Da hat die Katholische Erwachsenbildung jetzt mit einem Sprachkurs für Frauen mit Kinderbetreuung angesetzt. Unser Plan ist außerdem, einen Frauentreff anzubieten, wo wir über aktuelle Themen reden. Beispiel: Wenn das jüngste Kind drei Jahre alt ist, müssen sich auch die Frauen beruflich orientieren. Zu diesem Treff wollen wir auch gezielt Wallenhorster Frauen einladen.

Als Schlüssel zur Integration gilt der Spracherwerb. Wie hat sich das bei den Geflüchteten in Wallenhorst entwickelt?

Stöcker: Ganz unterschiedlich. Von jungen Leuten, die Ironie verstehen, uns Sprichwörter um die Ohren hauen können, bis zu ganz schlecht.

Was ist ganz schlecht?

Stöcker: Ich komme im Alltag nicht zurecht. Ich brauche immer einen Freund bei mir, der mir hilft.

Mietzner: Ganz schlecht, ist keinen Fahrplan zu verstehen zum Beispiel.

Stöcker: Wir haben etwa zehn Prozent, die nicht gut sprechen und verstehen und dann zehn Prozent die sprachlich richtig super drauf sind. Der Rest bewegt sich dazwischen.

Gibt es auch welche, die sich entziehen?

Stöcker: Ja, die gibt es. Wenn man überhaupt Zahlen nennen will, sind das allenfalls drei.

Wie hat sich die anfänglich enorme Hilfsbereitschaft in Wallenhorst entwickelt? Sind Flüchtlinge, die nicht von Anfang dabei waren, überhaupt noch ein Thema?

Stöcker: Ja, das denke ich schon. Vor allem, weil jetzt nicht mehr reine Nothilfe gefragt ist.

Was ist gefragt?

Mietzner: Einzelne Projekte, die einfacher für die Leute zu gestalten sind. Menschen, die sagen, ich würde gerne was machen, aber ich kann nur zwei Stunden die Woche. Ich habe diese Fähigkeiten oder Interessen. Wir schauen dann, dass wir Bedarf und Bedürfnisse zusammenbringen.

Was könnten das für Projekte sein?

Stöcker: Wir haben zum Beispiel ein Hilfeangebot beim Ausfüllen von Formularen aufgelegt. Denkbar ist auch eine Patenschaft für einen Berufsanfänger. Dass da jemand ist, der einem sagt: Junge, die Halle auszufegen, ist total normal und gehört dazu.

Noch einmal zurück zum Kaffeeklatsch. Wir wollen Sie die Begegnung zukünftig aufstellen, dass Sie neue Impulse für die Teilnehmer setzen können?

Mietzner: Wir wollen gerne bei den nächsten Terminen einen Geflüchteten und einen Wallenhorster, der vielleicht auch Person of Interest ist, etwa den Bürgermeister oder den Leiter der Polizeidienststelle, vorstellen. Der Wunsch ist, dass man sich auf der Straße grüßt und sich die Geflüchteten in Wallenhorst heimischer fühlen. Wir wollen, dass die Keimzelle Kaffeeklatsch nach außen geht und irgendwann überflüssig ist.

Wann ist er denn überflüssig?

Mietzner: Wenn es genügend Möglichkeiten für die Leute gibt, sich privat zu treffen, sie vernetzt sind und sich nicht mehr alleine fühlen.

Stöcker: Wenn einfach keiner mehr kommt, weil sie diesen Begegnungsraum nicht mehr brauchen, weil sie sich andere Begegnungsräume erschlossen haben.


Flüchtlingszahlen und Kaffeeklatsch-Termine

Wie viele Flüchtlinge leben in Wallenhorst?

Aktuell leben in Wallenhorst 177 Flüchtlinge, darunter unter anderem aus Syrien (75) Afghanistan (35), dem Irak (25) sowie aus diversen afrikanischen Ländern, Bosnien und der Türkei. Gemäß aktueller Verteilungsquote des Landkreises Osnabrück muss die Gemeinde Wallenhorst bis zum 31.12.2019 weitere 17 Menschen aufnehmen.

Weitere Kaffeeklatsch-Termine:

Der nächste Internationale Kaffeeklatsch findet am Samstag, am 16. Februar 2019 statt.

Weitere Termine: 16. März, 13. April, 15. Juni, 13. Juli, 10. August , 01. September, Stand beim Pfarrfest, 28. September, 19. Oktober, 16. November, 14. Dezember. Jeweils ab 15.00 Uhr im Pfarrheim St. Alexander.

Wer das Team bei der Organisation des Internationalen Kaffeeklatsches oder Geflüchtete bei der Integration unterstützen will, kann sich an Birgit Lemper, Katholische Erwachsenenbildung Osnabrück, Telefon 0541 35868-70 oder Gesa Mietzner oder Cornelia Stöcker, Malteser Hilfsdienst, 0151 20 58 39 03 oder 0151 61 5520 88 wenden .

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