Fachkräftemangel in der Intensivpflege Kein Pflegedienst für Lena-Marie aus Hollage – Familie bangt um Existenz

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Melanie Böckenholt  aus Hollage mit ihrer Tochter Lena-Marie. Foto: David EbenerMelanie Böckenholt aus Hollage mit ihrer Tochter Lena-Marie. Foto: David Ebener

Wallenhorst. Die elfjährige Lena-Marie aus Hollage hat das seltene Wolf-Hirschhorn-Syndrom und ist Tag und Nacht auf intensive Pflege angewiesen. Doch die kann der Dienstleister derzeit nicht sicher stellen – aus Personalmangel. Die Folgen für die Familie sind fatal.

Eigentlich geht Lena-Marie gerne zur Schule. Morgens bringt sie ein Fahrdienst des Landkreises zur Horst-Koesling-Schule, einer Tagesbildungsstätte in Osnabrück, und bringt sie nachmittags wieder in das Neubaugebiet am Dörnter Weg in Wallenhorst-Hollage, wo die Familie ein Haus gebaut hat. Auch wenn sich Lena-Marie nicht mit Worten äußern kann, merkt ihre Mutter, wie gut ihr diese Tagesstruktur tut: "Lena-Marie ist viel aufmerksamer und viel zufriedener, wenn sie zur Schule geht", sagt Melanie Böckenholt. 

Kein Schulbesuch ohne Pflegedienst

Doch derzeit geht Lena-Marie nicht zur Schule. Da die Elfjährige tracheotomiert wurde, also einen Luftröhrenschnitt hat, muss täglich Sekret aus der Kanüle abgesaugt werden; hinzu kommt, dass das Mädchen immer wieder epileptische Anfälle hat und auf eine medizinische Versorgung angewiesen ist. Die Lehrer können dies nicht gewährleisten, dafür braucht es eine Pflegefachkraft – doch wenn die fehlt, fällt für Lena-Marie der Unterricht aus, und mit ihm die Krankengymnastik und Ergotherapie, die an der Horst-Koesling-Schule angeboten werden. 

Foto: David Ebener

Wenn Lena-Marie nicht zur Schule geht, bedeutet das, dass auch Melanie Böckenholt zu Hause bleiben muss. Seit über einem Jahr ist die gelernte Kauffrau im Groß- und Außenhandel nicht mehr berufstätig. Dabei hat die Familie drei Kinder und muss den Kredit für ihr Haus abbezahlen. "Da hängen ganze Existenzen dran", sagt Melanie Böckenholt. 

Dabei hat die Familie einen festen Pflegedienst: die Kids Pneuma Care GmbH aus Essen. Doch aufgrund von akuten Personalnöten erhält die Familie jeden Monat den Dienstplan für die nächsten vier Wochen. "Die nächsten vierzehn Tage fällt die ambulante Pflege tagsüber schon mal aus", sagt die Hollagerin. Sie seien zuvor bei einem anderen Anbieter gewesen, der Camelot Heimbeatmung GmbH, doch hier war die Situation die gleiche. Einige Jahre lang hätte alles gut funktioniert, dann hätten auf einmal drei Vollzeitarbeitende gekündigt – in einem Team von fünf Pflegefachkräften.

"Das System kollabiert"

"Es ist wirklich eine Katastrophe, unser ganzes System kollabiert", sagt Dennis Alexander Lauer. Er ist Geschäftsführer der Kids Pneuma Care und er kennt die Sorgen der Familie Böckenholt. "Als ich 2008 noch bei der Diakonie in Dortmund tätig war, da konnten wir uns unter den Bewerbern noch die besten Leute raussuchen. Das ist heute gar nicht mehr möglich", sagt Lauer. 

Heute suche er händeringend nach Fachkräften. An einer unattraktiven Bezahlung könne die geringe Bewerberzahl nicht liegen, sagt der Geschäftsführer: "Die liegt bei uns im Schnitt bei 2500 bis 3000 Euro – netto. Hinzu kommen Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Jahresendprämien." 

Wolf-Hirschhorn-Syndrom

Das Wolf-Hirschhorn-Syndrom ist eine seltene angeborene Erbkrankheit. Zu den Symptomen gehören Minderwuchs und eine extreme Verzögerung der geistigen und körperlichen Entwicklung. Kinder mit dem Wolf-Hirschhorn-Syndrom haben häufig bestimmte Gesichtsfehlbildungen, zum Beispiel einen vergrößerten Augenabstand oder Lippen- und Gaumenspalten. Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen.

Allerdings seien die Arbeitszeiten nicht gerade familienfreundlich, hinzu komme, dass viele Pflegekräfte Frauen und selbst Mütter seien – "Einige haben Angst, dass ein Kind, dass sie betreuen, stirbt. Und dass sie das nachhaltig traumatisiere", sagt Lauer. Diese Sorge gebe es in diesem Maße in der Erwachsenenintensivpflege nicht, meint er. Auch ausländische Fachkräfte anzuwerben sei nicht einfach, da deren Ausbildung nicht den hiesigen Standards entspreche. Dass die Pflegekraft für die Familie aus Hollage nun ausfalle, hänge mit zwei Schwangerschaften im Team zusammen, sagt Lauer. Dazu kommen Krankheitsausfälle, Urlaube – und Kündigungen. Immer wieder erlebe er es, dass sich "gute Leute" lieber selbstständig machten und dort noch besser verdienten. 

Foto: David Ebener

Die nächsten Tage wird Melanie Böckenholt in ihrem Haus in Hollage verbringen. Ausflüge mit dem Auto kann die Familie nicht mehr machen. Seit 2013 hat Lena-Marie eine Wirbelsäulenversteifung und kann nur noch halb liegend transportiert werden. In einem normalen Auto kann sie nicht mehr sitzen. 

Wie sie die nächsten zwei Wochen überstehen soll, weiß Melanie Böckenholt noch nicht. "Ich habe einmal eine Woche lang Tag und Nacht die Pflege übernommen", sagt die Hollagerin. Danach sei sie am Ende gewesen. Um die Zeit ohne Kinderintensivpflege zu überbrücken, habe die Familie Lena-Marie zwischenzeitlich in eine Intensivpflege-Wohngruppe in Uelsen untergebracht – ein Angebot für Familien, die sich nicht mehr in der Lage sehen, ihr Kind zu Hause zu pflegen. "Ich möchte niemanden verurteilen, der von sich sagt, dass er mit der Pflege seines Kindes überfordert ist und daher auf so ein Angebot zurückgreift", sagt Melanie Böckenholt. "Ich kann das absolut nachvollziehen. Aber ich habe Rotz und Wasser geheult, als ich Lena-Marie dort abgegeben habe." 

Mittlerweile sucht die Familie über soziale Netzwerke auf eigene Faust nach einer Kinderkrankenschwester oder einer Pflegefachkraft. Ein schwieriges Unterfangen – denn für die Kostenübernahme durch die Krankenkasse müssen sich die Interessenten direkt an den Pflegedienstleister wenden, also im Grunde von diesem eingestellt werden. Also bleibt für Melanie Böckenholt wieder nur das Warten auf den nächsten Einsatzplan der Kids Pneuma Care – und die Hoffnung, dass es in den nächsten Wochen ausreichend Personal gibt. 




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