Zahnspangendiskussion Sind Zahnspangen sinnvoll oder nur nervig?

So verschieden wie die Indikationen sind auch die Modelle der eingesetzten Zahnspangen. Foto: Stephanie Pilick/dpaSo verschieden wie die Indikationen sind auch die Modelle der eingesetzten Zahnspangen. Foto: Stephanie Pilick/dpa

Osnabrück. Abzocke mit Zahnspangen? Ein Gutachten des Gesundheitsministeriums stellt den medizinischen Nutzen von Zahnspangen in Frage. Bemängelt wird, dass es keine Langzeitstudien gibt. Wir haben mit Ärzten, Krankenkassen und Patienten darüber gesprochen.

Immer mehr Kinder werden in Deutschland kieferorthopädisch behandelt, teilt die Landesvertretung Niedersachsen des Verbands der Ersatzkassen auf Anfrage unserer Redaktion mit. Auch die einzelnen Behandlungszeiten steigen. Mittlerweile träge jedes zweite Kind hierzulande im Laufe der Zeit eine Zahnspange. Das sind fast doppelt so viele, wie in Schweden und drei bis zu vier Mal so viele wie in Großbritannien. Die Krankenkassen tragen Behandlungskosten von rund einer Milliarde Euro im Jahr. Angesichts der Zahlen und der Entwicklung stellt sich die Frage, ob diese Behandlungen in jedem einzelnen Fall tatsächlich medizinisch begründet sind.

Unbefriedigende Studienlage

"Vor wenigen Tagen hat das Bundesgesundheitsministerium auf die unbefriedigende Studienlage zum Nutzen von Zahnspangen hingewiesen. Zuvor hatte auch der Bundesrechnungshof kritisiert, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zu Wirkung und Nutzen der Therapie fehlen", so der Verband. Diese Kritik sei ernst zu nehmen. Es sei der Bedarf deutlich geworden, belastbare Erkenntnisse zum Nutzen von Zahnspangen und anderen kieferorthopädischen Maßnahmen zu gewinnen.

Nutzen zeigt sich in der Praxis

Dr. Gundi Mindermann vom Bundesverband der Deutschen Kieferorthopäden ist vom Nutzen kieferorthopädischer Behandlungen überzeugt. "Er zeigt sich jeden Tag in der Praxis bei den Schlussbesprechungen." Sei es bei erfolgreich behandelten schweren Fehlstellungen wie Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, bei verlagerten oder nicht angelegten Zähnen, bei sogenannten Hasenzähnen oder den großen Stufen zwischen oberen und unteren Zähnen, die einen Lippenschluß unmöglich machen und das Abbeißen erschweren. Die Liste ließe sich beliebig verlängern, so die Medizinerin. "Unbestritten sei, dass kieferorthopädische Maßnahmen funktionellen Einfluss auf die Mundgesundheit haben. Aber natürlich soll am Ende der Behandlung auch ein bezauberndes Lachen stehen." Eine Verunsicherung ihrer Patienten durch die aktuelle Diskussion spüre sie nicht. Jeder entscheide ohnehin nach einer eingehenden Beratung selber, ob eine Zahnspange getragen werden soll oder nicht. Der Anspruch der Patienten gehe eindeutig in die Richtung der umfassenden Aufklärung aller Behandlungsalternativen und der individuellen Auswahl von Geräten.

Indikation eng geregelt

Auch für Zahnärztin Dr. Nicola Witte aus Wallenhorst stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Zahnspangen nicht. "Wir behandeln in unserer Praxis selbst kieferorthopädisch, mit großem Fokus auf der funktionellen Frühbehandlung, um schon im frühen Kindesalter muskuläre Dysfunktionen, die unbehandelt zu zahlreichen Folgeerkrankungen führen können, rechtzeitig in ein gesundes Wachstum zu lenken. Die Ergebnisse zeigen hier erstaunliche und schnelle Resultate."  Von Seiten der Krankenkassen sei die Indikation zur kieferorthopädischen Behandlung sehr eng geregelt und ergebe sich aus verschiedenen Parametern. "Zu betrachten sind dabei Funktion, muskuläre Entwicklung, Zahnstellung und Kieferlage, um nur einige zu nennen", so die Zahnärztin. 

Nervig und bescheuert

Und was sagen die Patienten? Zahnspangen sind nervig und sehen bescheuert aus,darüber sind sich alle Kinder und Jugendlichen einig. Auch wenn der aus alten Zeiten bekannte Schrottplatz im Mund schon lange Schnee von gestern ist, schreien Kinder und Jugendliche selten hurra. Schöne Zähne hingegen möchte heute fast Jeder haben. "Zahnspangen sind total blöd. Mich nervt, dass ich irgendwie in Nichts richtig reinbeißen kann", sagt der 14-jährige Fynn aus Wallenhorst. Er trägt seine Zahnspange seit gut einem Jahr und zählt die Tage, bis er sie endlich wieder los ist. Gemeinsam mit seinen Eltern entschied er sich für die festsitzende Variante. Auf die Frage, ob seine Spange notwendig sei, sagte er: "Keine Ahnung. Aber das was uns der Kieferorthopäde erklärt hat, war logisch. Außerdem finde ich schöne Zähne gut." 

Wie es nun in der Diskussion weiter geht, weiß Mindermann: "Das Bundesministeriums für Gesundheit hat eindeutig klar gestellt, dass es nicht an der Notwendigkeit kieferorthopädischer Leistungen zweifelt und mit den beteiligten Organisationen den weiteren Forschungsbedarf und Handlungsempfehlungen erörtern wird."



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