Haus mit verschlossen Türen Gefängnisseelsorger berichtet in Wallenhorst von seiner Tätigkeit

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Beim Seniorenfrühstück der Kolpingsfamilie Hollage berichtet Otto Rüter von seiner Zeit als Gefängnisseelsorger. Foto: Ullrich SchellhaasBeim Seniorenfrühstück der Kolpingsfamilie Hollage berichtet Otto Rüter von seiner Zeit als Gefängnisseelsorger. Foto: Ullrich Schellhaas

Wallenhorst. Vier bis fünf Mal im Jahr organisiert die Gruppe 60 plus der Kolpingsfamilie Hollage ein Frühstück für Senioren. Beim jüngsten Termin berichtete Otto Rüter, ehemaliger Gefängnisseelsorger in Osnabrück und im Emsland, den 80 Besuchern über seine 20 Jahre im Gefängnis.

Mikrokosmos, Bau, Spiegel der Gesellschaft, Knast, schwedische Gardinen – für Gefängnisse hat die deutsche Sprache zahlreiche Synonyme. Und kaum jemand, der nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, weiß, wie es hinter den meist hohen Mauern wirklich zugeht. Denn die Zeit dort hinterlässt Spuren. Nicht nur bei den straffällig gewordenen Menschen, sondern auch bei den Menschen, die dort arbeiten. „Oft glaubte ich, mein Kreuz wäre nicht breit und stark genug“, sagte Otto Rüter rückblickend, fast am Ende seines Vortrags.

„Wenn man in den Knast kommen will, muss man schon einiges dafür tun.“ Mit diesem markigen Spruch begann und beendete der ehemalige Gefängnisseelsorger sein über eine Stunde langes Referat. Dazwischen erzählte er vom „Haus mit mehr verschlossenen Türen, als jedes andere Haus“, vom Umgang mit Menschen, auf die viele nur noch mit dem Finger zeigen, von Menschlichkeit, Hoffnung, Tätern und den Unwägbarkeiten des Lebens, auf die jeder anders reagiert.

„Kann man sich denn vorstellen, welche Katastrophen im Vorfeld passiert sein müssen, damit ein junger Mensch seine Mutter wegmacht, wie sie im Knast-Jargon sagen?“, fragte der Pfarrer in die Runde seiner 80 Zuhörer, die ihm darauf – natürlich – auch keine Antwort geben können. Denn, so stellte der Kirchendiener klar, jede Straftat hat ihre Geschichte.

Und: er hob es gleich am Anfang seines Berichts hervor: „Die meisten Täter sind auch Opfer.“ Opfer von Gewalt, von Drogen, von Missbrauch oder unzureichender Ausbildung, die sie nicht erhalten haben. „Die meisten Insassen im Knast, großteils drogenabhängig, sind arme Schweine“, stellte Otto Rüter klar. Deswegen sind für den Seelsorger, der selbst aus Hollage kommt und dort auch noch Gottesdienste gestaltet, Forderungen nach einem härteren Strafvollzug keine Option. „Wasser und Brot ist eine schöne Perspektive“, sagte er, „für Enten, nicht aber für Menschen.“

Aber nicht nur auf Gefängnisse und Gefangene richtete Otto Rüter den Blick der Zuhörer, sondern auch auf Angehörige von Insassen. Oft seien es die Mütter, die teilweise jahrzehntelang Besuche tätigten und den Kontakt zu den Söhnen aufrecht erhielten. Dabei hätten diese dann selbst vielmals niemanden zum reden, denn die glänzende Fassade müsse ja gewahrt bleiben. „Das haben sie so gelernt. Auch von unserer Kirche, die es ja genau so macht“, sagte der Pfarrer.

Dabei weckte das aktuelle Seniorenfrühstück so viel Interesse, wie selten zuvor. Manche Besucher kamen, wie sie berichteten, nur wegen des Vortrags und ließen das Essen ausfallen. Andere, so sagte es Josef Thöle vom Seniorenkreis der Koplingsfamilie, musste schon vorab wieder weggeschickt werden, weil sie nicht angemeldet waren und dann das Buffet nicht mehr gereicht hätte.

Das nächste Seniorenfrühstück findet am Donnerstag, 26. Oktober, um 9 Uhr im Phillip-Neri-Haus in Hollage statt. Thema ist dann „Die Wärmestube in Osnabrück – was ist denn das?!“


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