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Schweizer für Hollage entflammt

350 Leute schunkeln und feiern im Saal der Hollager Gaststätte Barlag. Die Atmosphäre ist voll von Lachen. Fotos: Marie-Theres-Langsenkamp und Egmont Seiler (2)350 Leute schunkeln und feiern im Saal der Hollager Gaststätte Barlag. Die Atmosphäre ist voll von Lachen. Fotos: Marie-Theres-Langsenkamp und Egmont Seiler (2)

„Ich hab hier noch was für die Stimmung!“ Anja Weigang in rosa Fleece-Pulli und sportlichen Schuhen eilt mit mehreren Luftschlangenpackungen in der Hand in den Essraum der Hollager Mühle. Dort sitzen sie schon, die Reppischfäger aus der Schweiz, aber Luftschlangen sind gar nicht mehr nötig. Die gute Stimmung, die ist schon da.

Die Musiker aus Dietikon bei Zürich haben bereits zehn Stunden Busfahrt hinter sich. Kaum in der Jugendfreizeitstätte um 18 Uhr angekommen, tönt schon wieder Schlagermusik aus den Boxen, und das „Rote Pferd“ galoppiert mit den „Cowboys und Indianern“ davon. Man redet sich sofort mit „Du“ an, und eine herzliche Umarmung macht die erste Begegnung mit den Schweizern perfekt. Anja Weigang lacht nur. Sie kennt das schon. Schließlich ist es ihr zu verdanken, dass die lustige Truppe alle drei Jahre zum Fastnachtfeiern zum Kolping-Karnevals-Club (KKC) nach Hollage kommt. Die gebürtige Hollagerin, mit Mädchennamen Pyrek, hält einen familiären Kontakt zu der Gruppe und organisiert deren zehn Auftritte über drei Tage in der Osnabrücker Region und in Münster.

„Ewigi Liebi nume für üs zwei, ewigi Liebi fühl mich bi Dir die hei...“ tönt gerade ein Schweizer Evergreen aus dem Gruppenraum, und alle singen mit und schunkeln sich ein. Andreas Thünker, seit 2006 Hausleiter der Hollager Mühle, erlebt die Schweizer das erste Mal: „Wir haben häufig Gäste aus aller Welt“, sagt er nur. Bei 15000 Übernachtungen im Jahr kann ihn nichts erschüttern: „Das wird ein spannendes Wochenende, die Reppischfäger sind ja bekannt dafür, dass sie immer gute Stimmung verbreiten“, sagt er mit einem Lächeln und schüttelt Carlo Hecht die Hand. Der 45-Jährige ist der Präsident der Truppe.

Guggenmusik

Was bewegt die 22 Hobby-Musiker, alle drei Jahre mit Sack und Pack für drei Tage nach Hollage zu kommen? „Die Leut“, sagt der Präsident. Für ihn hat der norddeutsche Karneval seinen ganz eigenen Reiz: „In der Schweiz sind die Menschen wohl inzwischen gesättigt von der Guggenmusik. Hier jubeln die Leut noch richtig mit.“ Der Aufwand, den die Truppe dafür treibt, ist nicht unerheblich: Die aufwendigen Kostüme aus Samt, rotem Fluff und schwarzen Glitzerstoff werden alle zwei Jahre neu entworfen und selbst genäht. Ein Drache, der in einem schwedischen Möbelhaus sonst als Türvorleger verkauft wird, schmückt die Schultern der Musiker in diesem Jahr getreu dem KKC-Motto: Feuer und Flamme.

Für weitere Gespräche ist nach einem kurzen Abendbrot erst mal keine Zeit mehr. Es ist 20 Uhr, und die Musiker müssen sich auf ihren Auftritt beim KKC im Barlag’schen Saal vorbereiten. Wie auf einen Schlag ist es vorbei mit Singen und Scherzen, denn Bernadette und Prisca haben die „Schminkstraße“ vor dem Kiosk der Jugendherberge schon aufgebaut. Weiße Plane bedeckt jetzt Wände und Boden in dem Durchgang. Auf einem Tischchen liegen Küchenpapier und feuchte Tücher bereit. Brav stellen sich alle an, und dann übertönt der Kompressor mit seinem lauten Wubbern die Höhner mit „Viva Colonia“ aus der Musikbox. Die Schminke der Reppischfäger kommt nämlich mithilfe von Airbrushpistolen ins Gesicht: Erst Weiß, dann Gelb und Orange und zum Schluss etwas Rot über das Kinn. Die Farbe zischt angenehm kühl über die Haut: „Das geht ganz leicht wieder ab“, weiß Bernadette vom Schminkteam. „Ist aber kussecht und belastbar“, ruft Trompetenspieler Jüggi dazwischen.

„Dani“ Daniel Killer, der als Spielführer bei Umzügen immer vorweggeht, legt eine Schablone mit einem Drachen auf die Wange und spritzt Schwarz darauf. Fertig ist das kunstvolle Gebilde im Gesicht, getreu dem Karnevalsmotto „Feuer und Flamme“. Das ist die Truppe aus der Schweiz ganz bestimmt, vor allem für ihre Musik. Das T-Shirt beweist es: „Reppischfäger on Tour“ steht auf dem Rücken, und die Termindichte kann mit der von Popstar Madonna ohne Weiteres konkurrieren. Die Saison beginnt Ende Januar in Dietikon und endet nach der Prinzenbeerdigung beim KKC am Dienstag mit weiteren Auftritten bis zum 1. März in Zürich.

Mit einem Schuss Obstler

Wie machen die das bloß? Der 26-jährige Urs schmunzelt. Er ist das erste Mal dabei und trägt allerlei merkwürdige Gegenstände um den Hals: eine Trillerpfeife in Form von weiblichen Brüsten und einen Teelöffel mit Jojo-Effekt. „Der ist für Kaffee“, sagt er mit einem Augenzwinkern. In der Schweiz trinkt man Kaffee gern mit einem Schuss Obstler. Noch beliebter ist bei den Musikern in norddeutschen Landen allerdings der Kräuterschnaps.

Aber da mischt sich Stefan Berweger ein. Er ist der Tourenplaner der Truppe und macht klar: „Alkohol in Maßen. Das sind wir unserem Publikum schuldig.“ Er hat eine andere Erklärung für die gute Stimmung, den bedingungslosen körperlichen Einsatz und die tolle Musik: „Wir sind ‚ei Fämilia‘ und halten zusammen.“ Er muss dabei allerdings ab und zu nachhelfen, die Gruppe zur Pünktlichkeit animieren und kassiert dafür schon mal einen blöden Spruch: „Aber ohne Disziplin geht es nicht“, sagt Stefan und schaut auch jetzt als Erster wieder auf sein Handy. Es ist 22 Uhr. Gleich ist Abfahrt zum Hollager Gasthaus Barlag.

Während es in der Hollager Mühle hoch konzentriert in die letzten Vorbereitungen geht, kocht beim KKC schon der Saal. 350 Leute schunkeln und feiern. Die Atmosphäre ist voll von Lachen, Konfetti und den bunten Lichtreflexen der Scheinwerfer. „Jenny und die starken Männer“ bringen die Bühnenbretter und Frauenherzen zum Beben. Das Männerballett von Jenny Trame und Ansgar Speer zeigt Bein und Bauch, sehr zur Freude der Hexendamen in der ersten Reihe. Damit aber nicht genug: „Karneval beim KKC vergisst man nie“, heißt es, und so stimmt die Band „Three for Fun“ zum Heimatgesang: „Jeder Hollager hat Pfeffer im Blut.“ Gerade hat „der Weltenbummler“ alias Andreas Hille in der Bütt mit seiner bissigen Schwiegermutter für einige Lacher gesorgt, als auch schon die Vampire die Bühne stürmen. Die Tanzgruppe wirbelt ihre schwarzen Umhänge über die Köpfe, und das Publikum klatscht und pfeift. Schade, dass sie und die Dino-Showtanzgruppe im nächsten Jahr nicht mehr auftreten werden...

Dann, es geht auf 23 Uhr zu, kündigt Präsident Heinz Grünebaum in edler weißer Perücke den Höhepunkt des Abends an: „Die Reppischfäger!“ Ein tiefes Brummen tönt von hinten bis an die Bühne. Vorweg schreitet Spieler Roli, er gibt am dumpf klingenden Sousafon, das aussieht wie eine Tuba, alles. Die Musiker marschieren auf, die Augen funkeln unter den roten Samtkapuzen. Gut, dass es hier keine Wintergeister gibt, aber die wären spätestens jetzt geflüchtet, denn es ertönt „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“. Ein bisschen schräg, ein bisschen laut, aber fetzig. Ganz Guggenmusik eben. Und den Hollagern gefällt’s. Bis vier Uhr morgens.


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