Selbsthilfegruppe organisiert Diskussion 10. Wallenhorster Schmerztag beschäftigt sich mit Cannabis in der Schmerztherapie

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Sie stellten sich beim 10. Wallenhorster Schmerztag den Fragen rund um Cannabis: Prof. Winfried Hardingshaus, Dr. Jürgen Wilmsen-Neumann, Dr. Carsten Brau und Klaus Hachmeister (von links). Die Vorsitzende Brigitte Teepe (2. von links) hatte die zweitägige Veranstaltung organisiert. Neben ihr Kornelia Böert (Beauftragte für Familie, Frauen und Senioren). Foto: Christina HalbachSie stellten sich beim 10. Wallenhorster Schmerztag den Fragen rund um Cannabis: Prof. Winfried Hardingshaus, Dr. Jürgen Wilmsen-Neumann, Dr. Carsten Brau und Klaus Hachmeister (von links). Die Vorsitzende Brigitte Teepe (2. von links) hatte die zweitägige Veranstaltung organisiert. Neben ihr Kornelia Böert (Beauftragte für Familie, Frauen und Senioren). Foto: Christina Halbach

Wallenhorst. Ganz viel Hoffnung, aber auch viel Unsicherheit begleitet nach wie vor Patienten und Ärzte beim Einsatz von Cannabis in der Schmerztherapie. Für die Selbsthilfegruppe „Mit Schmerzen leben“ Anlass, auf ihrem 10. Schmerztag im Wallenhorster Rathaus nach Antworten auf das mit vielen Fragenzeichen behaftete Thema zu suchen.

Seit rund 18 Monaten gibt es Cannabis auf Rezept. Grundlage ist das Gesetz „Cannabis als Medizin“, das am 18. März 2017 in Kraft getreten ist und Cannabis als Therapiealternative ermöglicht. Aber: Nicht jeder Schmerzpatient ist ein Cannabispatient: „Einen Anspruch haben Patienten mit schweren Erkrankungen, andere Substanzen müssen erfolglos probiert worden sein und es muss eine große Wahrscheinlichkeit bestehen, dass die Behandlung zum Erfolg führt“, erläuterte Prof. Winfried Hardinghaus, Vorsitzender des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes Berlin, zum Einstieg in die Diskussion die Voraussetzungen, die an die Verschreibung von Cannabis geknüpft sind.

Über Alternativen informieren

Mit ihm stellten sich Schmerztherapeuten aus der Region und ein Vertreter der Krankenkasse den Fragen der rund 25 Zuhörer, viele davon Schmerzpatienten. Seit 2008 veranstaltet die Selbsthilfegruppe den Wallenhorster Schmerztag, um Mitglieder und Betroffene über Alternativen in der Schmerztherapie zu informieren und hält sich selbst mit Fachvorträgen regelmäßig auf dem Laufenden. Cannabis auf Rezept bedeutet jedoch auch für die Selbsthilfegruppe Neuland: „Wir haben leider noch keinen dabei, der Cannabis nimmt. Wir würden uns aber wünschen, dass unsere Mitglieder daran geführt werden“, sagt Brigitte Teepe, Vorsitzende der Selbsthilfegruppe.

Die Einnahme von Cannabis ermöglicht es Schmerzpatienten, sich zu entspannen. Experten warnen aber vor zu hohen Erwartungen. Foto: dpa


Bei welchen Erkrankungen, Schmerzen und Beschwerden kommt Cannabis überhaupt in Betracht und bei welchen nicht, war einer der Fragen, die aus dem Publikum an die Expertenrunde gerichtet wurden. Der Osnabrücker Schmerztherapeut Dr. Carsten Brau warnte hier vor zu hohen Erwartungen: „Die Cannabonoide haben in der Therapie ihren Platz. Man kommt jedoch von den Schmerzen nicht los.“ Cannabis ermögliche dem Patienten aber, sich zu entspannen und die Wirkung der Opiate zu lindern. Das bedeutet konkret: Cannabis kann helfen bei Begleitbeschwerden wie Muskelverkrampfungen, Übelkeit, Erbrechen oder Verstopfung, die durch Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Depression, Spastik oder Chemotherapie hervorgerufen werden. „Wenn Nervenschmerzen überwiegen, haben wir eine Chance, dass Cannabis hilft“, ist Brau überzeugt.

Wunderbare Entspannung

Ein an Parkinson erkrankter Diskussionsteilnehmer bestätigte diese Wirkung: Nach einer Cannabis-Dosis in Holland habe er sich wunderbar entspannt gefühlt. Dr. Jürgen Wilmsen-Neumann von der St. Raphael-Klinik Ostercappeln nahm diesen Erfahrungsbericht durchaus mit Verständnis, aber auch mit Stirnrunzeln zu Kenntnis und stellte klar: „Wir sprechen hier nicht über Cannabis als Droge und die Möglichkeit, einen Rausch zu verschaffen, sondern ernsthafte medizinische Probleme lösen zu können.“ Das Erlebnis solle nicht unbedingt im Antrag auftauchen, mit dem die Cannabis-Medikation bei der Krankenkasse beantragt wird, riet Wilmsen-Neumann.

Begleitet von ihrem Arzt müssen Patienten den Krankheitsverlauf und welche Therapien bereits erfolgt sind, darlegen. Beurteilt wird der Antrag vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK), der innerhalb von fünf Wochen entscheiden muss. „1644 Anträge sind bei der AOK Niedersachsen seit dem März 2018 eingegangen“, teilte Klaus Hachmeister, Regionalleiter AOK Osnabrück, mit. Bundesweit liege die Genehmigungsquote bei 60 Prozent. Zur Ablehnung habe in vielen Fällen geführt, dass der Antrag nicht richtig ausgefüllt worden ist. 

Positive Bilanz

Für viele Schmerzpatienten liegt das Problem offensichtlich beim MDK: Ein fremder Arzt könne das Beschwerdebild doch gar nicht beurteilen, hieß es. Schmerztherapeut Brau wies daraufhin, dass die Antragsstellung für beide Seiten neu sei und der Gesetzgeber vieles, auch bewusst, offen gelassen worden habe. Winfried Hardinghaus machte deutlich, dass mit einer Ablehnung noch nicht das letzte Wort gesprochen sei: „Warten Sie ab und stellen Sie den Antrag neu.“. 

Die Veranstaltung wurde am Samstag mit vertiefenden Vorträgen zum Thema Cannabis fortgesetzt. Organisatorin Brigitte Teepe zog zum Ende eine positive Bilanz: "Ich bin sehr zufrieden. Die Experten sind gut auf die Zuhörer eingegangen und einige Schmerzpatienten haben bestimmt viel Gutes für sich mitnehmen können." 


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