„Explosionsfeuer für Synapsen“ Professorin Zimmer hält Vortrag über kindliche Bewegung in Belm

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„Geben Sie den Kindern Zeit zu spielen“, forderte Erziehungswissenschaftlerin Renate Zimmer in ihrem Vortrag „Schafft die Stühle ab“ im Belmer Gasthaus Lecon. Foto: Christina Halbach„Geben Sie den Kindern Zeit zu spielen“, forderte Erziehungswissenschaftlerin Renate Zimmer in ihrem Vortrag „Schafft die Stühle ab“ im Belmer Gasthaus Lecon. Foto: Christina Halbach

Belm. Ein nachhaltiges Plädoyer für Bewegung von Kindesbeinen an hielt Professorin Renate Zimmer in dieser Woche im Gasthaus Lecon in Belm. Den Vortrag „Schafft die Stühle ab“ hielt die Erziehungswissenschaftlerin im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum Jahresthema „Belm bewegt sich“.

„Wenn Kinder das Ruhigsitzen nicht gelernt haben, scheitern sie am ersten Schultag“, hieße es häufig zum Schulstart der frisch der Kindergartenzeit entwachsenen Kleinen. Der ehemaligen Leiterin des in Osnabrück angesiedelten Nifbe (Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Bewegung) zufolge hat diese Aussage den angeborenen Bewegungsdrang des Kindes komplett aus dem Blick verloren: „Der kindliche Körper ist dafür nicht gemacht“, sagt Zimmer. Allein schon 20-minütiges Stillsitzen bedeute für Grundschulkinder eine hohe Herausforderung. Auch Studien belegten mittlerweile, dass die Methode Stillsitzen eher kontraproduktiv sei. So hätten Konzentrationstests nach Unterricht mit hohen Bewegungsanteilen ergeben, dass die Schüler nach Einheiten wie etwa Schleichdiktaten oder Dreieckenraten leistungsfähiger als die Kinder seien, die die Schulstunde überwiegend auf ihrem Stuhl verbracht haben. Renate Zimmer beschäftigt sich seit über drei Jahrzehnten mit der kindlichen Entwicklung: Sie ist Professorin für Sport- und Erziehungswissenschaften an der Universität Osnabrück mit dem Schwerpunkt „Frühe Kindheit“, hat mehr als 45 Bücher zu den Themen „Bewegtes Lernen“ und „Bewegung und Sprache“ geschrieben und ist Initiatorin des Osnabrücker Kongresses „Bewegte Kindheit“.

Ein auf Bewegung angelegtes Wesen

Vor rund 80 Zuhörern, darunter Erzieher, Lehrer, Sozialpädagogen und Eltern, erläuterte Zimmer humorvoll die Bedeutung von Bewegung für die kindliche Entwicklung, Gesundheit sowie den Aufbau von Selbstvertrauen. Dies ging nicht ohne einen kleinen Exkurs in die Entwicklungsphysiologie des Menschen, also jene Disziplin, die die Entwicklung eines Individuums untersucht. Danach sei der Mensch, so Zimmer, vor allein eines: ein auf Bewegung und Erfahrung angelegtes Wesen. „Wir suchen Herausforderungen, die uns voranbringen.“ Kinder betrieben diese Suche in noch viel stärkerem Maße: „Sie wollen ihre Grenzen testen und sich auf die Probe stellen.“ Die Effekte für die kindliche Entwicklung seien immens: So werde durch Bewegung nicht nur das Knochensystem aufgebaut, sondern auch die Gehirnentwicklung vorangebracht, Nervenzellen verknüpft, kurz Synapsen gebildet: „Jede Sinnesaktion macht das Gehirn zum Explosionsfeuer für Synapsen“, beschrieb Zimmer bildhaft, was passiert, wenn Kinder auf Mauern balancieren, die Spannkraft des Wassers in einer schmutzigen Pfütze testen oder zum 100. Mal die Rassel auf den Boden fallen lassen. „Denken Sie nicht, der tyrannisiert mich, sondern der trainiert gerade seine Synapsen“, forderte sie die Mütter und Väter unter den Zuhörern augenzwinkernd auf.

Kindliche Spiel das Wichtigste

Überhaupt sei das kindliche Spiel das Wichtigste überhaupt: „Geben Sie den Kindern Zeit zu spielen“, appellierte die Erziehungswissenschaftlerin: „Es lernt nie nichts.“ Dabei müsse auch immer eine Schramme, also ein Scheitern, erlaubt sein: „Spielen hinterlässt Spuren und je mehr Spuren ein Kind davonträgt, umso mehr können sie verkraften, dass es abends 20 Minuten vor dem Fernseher sitzt“, ist Zimmer überzeugt.


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