Körperkontrolle statt Kugelhagel Kalaschnikows und Weltkriegskarabiner: Besuch auf der Schießanlage in Wallenhorst

Meine Nachrichten

Um das Thema Wallenhorst Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Eine Waffe zu halten, will gelernt sein: Hans-Günter Winkeler demonstriert die korrekte Handhabung einer Pistole. Foto: Tobias SaalschmidtEine Waffe zu halten, will gelernt sein: Hans-Günter Winkeler demonstriert die korrekte Handhabung einer Pistole. Foto: Tobias Saalschmidt

Wallenhorst. Auf der Schießanlage Winkeler in Wallenhorst können Besucher mit Kalaschnikows und Weltkriegskarabinern hantieren. Wer jetzt von Ballerorgien träumt, ist allerdings fehl am Platz. Gutes Schießen ist eher Zen-Buddhismus als Actionfilm.

Da liegt sie also nun in der Hand. Eine Smith & Wesson vom Typ 686, gar nicht so schwer eigentlich, fast wie ein Spielzeug. Sie flößt Respekt ein. Wenn sie geladen ist, kann jede falsche Handbewegung schließlich fatale Folgen haben. Hans-Günter Winkeler achtet deswegen penibel darauf, dass der Lauf der Waffe stets nach vorne zeigt, zur Wand, wo niemand steht. Dass jeder Handgriff sich genau wie im Lehrbuch vollzieht. Immer wieder greift er ein, kritisiert und korrigiert. 

Im Übrigen versucht er, den Respekt vor der Waffe abzubauen. „Eigentlich ist Schießen eine rein physikalische Angelegenheit. Eine Waffe ist ein Präzisionswerkzeug“, sagt Winkeler. Dass eine Bewegung mit dem Zeigefinger genügen kann, um einem Körper damit tödliche Wunden zuzufügen, sagt er nicht. „Das spielt beim Schießen für mich eigentlich keine Rolle, sondern die Energie, die freigesetzt wird und die man in der Hand spürt.“

Schießbahnen hinter Sicherheitsglas 

Seit 2015 betreibt Hans-Günter Winkeler mit seiner Frau die Schießanlage in der Wallenhorster Zeppelinstraße. Die Fahrt dahin führt durch ein Industriegebiet und endet vor einer Panzertür. Dahinter liegt ein kleiner Barbereich, wo Bier nur für jene gezapft wird, die schon geschossen haben. Neben jeder Tür hängen elektrische Zahlenschlösser. Rechts, hinter Sicherheitsglas, liegen die Schießbahnen, links geht es in einen Besprechungsraum. Darin sind in einer Vitrine Devotionalien aus Winkelers Zeit bei der Bundeswehr angerichtet. Er hat vier Jahre als Feldjäger gedient, danach war er Busfahrer, Elektriker, beim Tiefbauamt und als Bühnenmeister am Theater. (Weiterlesen: Wildschweinjagd in Zeiten der ASP - auf Ansitz in Bissendorf) 

Gäste begrüßt er mit festem Handschlag und bietet dann direkt das „Du“ an. Überall an den Wänden prangt Werbung von Waffenherstellern, für Munition und Jagdausrüstung. Schießen war immer schon sein Hobby, sagt er. Mit der Entscheidung, die Schießanlage zu übernehmen, hat er es zum Beruf gemacht.

In der Schießanlage der Winkelers kann man sich an zahlreichen Lang- und Kurzwaffen versuchen. Foto: Tobias Saalschmidt

Revolver und Gewehre sind für Winkeler nichts Martialisches. Seit seiner Kindheit kennt er Waffen. Der Großvater war Jäger, brachte seinen Enkeln den Umgang damit bei. Gerade volljährig, kaufte Winkeler sein erstes Gewehr. Im Einweisungsraum, in dem er jetzt steht, hängen halbautomatische Ausführungen verschiedener Heereswaffen an den Wänden, eine AK 47 zum Beispiel, Langwaffen der US-Army und woanders das K 98, in zwei Weltkriegen das Standardgewehr der deutschen Infanterie – Kunden fragen solche Fabrikate immer wieder mal nach. „Es ist wichtig, den Leuten einen verantwortungsvollen Umgang mit Waffen beizubringen“, sagt Winkeler und sucht scharfe Munitionen für die Beretta aus seinen Beständen. „Eine Waffe zu benutzen, hat wenig mit rumballern zu tun. Das versteht eigentlich jeder, der mal hier war.“ (Weiterlesen: Warum eine 26-jährige in Wallenhorst eine Jagdschule eröffnet hat)

Einzige Voraussetzung: Volljährigkeit

Zu Winkelers Klientel zählen Sportschützen und Jäger. Beamte der Polizei und des Zoll kommen für Schießtrainings vorbei und grundsätzlich kann sich bei ihm jeder mal an einer Schusswaffe ausprobieren. Einzige Voraussetzung ist die Volljährigkeit. Damit Winkeler den Schießstand betreiben kann, muss er eine ganze Reihe Bedingungen erfüllen. Ein einwandfreies Führungszeugnis und eine im Waffengesetz definierte „Waffenrechtliche Zuverlässigkeit“ zum Beispiel. Die Gemeinde Wallenhorst als zuständige Waffenbehörde schickt auf Anfrage einen ganzen Katalog an Gesetzen und Auflagen, die Winkeler einhalten und erfüllen muss. Die Behörde prüft das regelmäßig.

Präzisionswerkzeuge: Wer einfach nur wild rumballern möchte, trifft höchstens zufällig mal ins Schwarze. Foto: Tobias Saalschmidt

Wer bei Winkeler schießen will, erhält zunächst eine ausführliche Einweisung in die Waffe, entweder vom Chef selbst oder von einem der anderen Schießlehrer. „Wir versuchen dabei auch, abzuklopfen, wie die Leute drauf sind, die hierherkommen. Irgendwelche windigen Gestalten würden wir im Zweifelsfall abweisen, es geht schließlich um unsere Seriosität.“ Seriosität ist ein Wort, das Winkeler immer wieder mal fallen lässt. Ihm ist wichtig, einen bürgerlichen Kundenkreis zu haben, einen seriösen eben. „Irgendwelche Pistoleros oder Leute, die Waffen mit Gangsterposen in Verbindung bringen, sind hier fehl am Platz. Das hat mit Schusswaffen nämlich wenig zu tun.“

Ziemlich unspektakulär: Zweckmäßigkeit dürfte das Design der Zielscheiben bestimmt haben. Foto: Tobias Saalschmidt

Der gesellschaftliche Blick auf Waffen ist kontrovers, schwankt zwischen Faszination und Vorbehalten. „Ich glaube schon, dass es im Menschen so ein ganz archaisches, tiefsitzendes Interesse an dem Thema gibt“, sagt Winkeler, das sei wohl in der Evolution begründet. „Man sollte Waffen weder verklären noch dämonisieren, letztlich sind das Werkzeuge und wie man sie einsetzt, entscheidet der Mensch.“  (Weiterlesen: Ein Förster aus dem Emsland über Wölfe, Pilzsammler und das Moor)

In jedem Raum zehn Dinge zum Töten

Ein Mensch, der die Waffe ganz gern einsetzt, ist Ralf Simmchen. Der Pensionär ist seit vergangenem Herbst regelmäßig bei den Winkelers. Er hat das Schießen bei der Post gelernt, wo er früher Werttransporte begleitete. Danach arbeitete er als Vollzugsbeamter in einer JVA, zwischendurch war er zwölf Jahre bei der Bundeswehr. „Natürlich wurde ein Waffe ursprünglich mal zum Töten konzipiert“, sagt er. „Ich finde in jedem Raum aber zehn Dinge, die den gleichen Zweck erfüllen können. Zudem wurden viele Technologien zum Töten konzipiert, die heute zivil genutzt werden.“ Es sei gut und richtig, dass es in Deutschland ein strenges Waffengesetz gibt. „Es ist aber auch gut und richtig, dass es in einem kontrollierten Rahmen die Möglichkeit gibt, Schießen zu können“, sagt der passionierte Sportschütze.


Wo geschossen wird, fallen Hülsen. Foto: Tobias Saalschmidt


In Simmchens Augen ist es stimmig, das Schießen mit der Feuerwaffe mit dem traditionellen japanischen Bogenschießen zu vergleichen, das etwa im Zen-Buddhismus praktiziert wird. Für einen guten Schuss brauche es Ruhe, Konzentration und Entspannung. Wer wild rumballere, lande höchstens mal einen Zufallstreffer, erklärt Simmchen. Wer eine Waffe effizient führen und bedienen wolle, müsse vor allem seinen Körper kontrollieren können, den Blutdruck und die Herzfrequenz nach unten regulieren. „Im Zielfernrohr sieht man, wie jeder Pulsschlag die Waffe aus dem Ziel bringt.“ Wenn der Körper kurz vorm Einschlafen sei, schieße es sich eigentlich am besten, sagt er. (Weiterlesen: Verfassungsschutz entwaffnet Hunderte "Reichsbürger")

Die Kugel reißt ein Loch in die Scheibe

Stimmen wie diese sind es, findet Hans-Günter Winkeler, die in den Debatten um Handfeuerwaffen zu selten Gehör fänden. „Schießen, so wie es bei uns stattfindet, ist zuallererst mal ein Präzisionssport. Mit dem, was in Actionfilmen und Krimis vermittelt wird, hat das schlicht nichts zu tun.“

Die Energie, die freigesetzt wird: Viele Schützen betrachten Waffen zuallererst als Sportgeräte. Foto: Tobias Saalschmidt


Entsprechend nüchtern wirkt die Schießbahn. Ein langer, schmuckloser Raum, den niemand ohne Sicherheitsbrille und Ohrenschützer betritt. Besucher können hier auf einer Videowand virtuelles Wild schießen, meist hängt am Ende vor dem Kugelfang aber lediglich eine Zielscheibe aus Papier. So wie auch jetzt. Sechs scharfe Patronen stecken in der Beretta, Kaliber .38. Winkeler prüft noch einmal den Griff der Hände, die die Waffe halten, den Stand und die Körperhaltung. „Ganz ruhig werden und das Ziel anvisieren, keine Hektik beim Schuss“, instruiert er. Kimme und Korn liegen auf einer Linie, deren Mitte genau ins Zentrum der Zielscheibe gerichtet ist. „Jetzt einfach langsam den Abzug betätigen, der Rest kommt dann ja von selbst“, ruft Winkeler. Der Zeigefinger drückt den Hebel langsam nach hinten. Irgendwann ein leichter Schlag, es knallt.

In der Luft liegt dieser Schwarzpulvergeruch, den jeder kennt, der als Kind mal mit Platzpatronen in Spielzeugpistolen durch den Garten gejagt ist. „Guter Schuss“, lobt Winkeler. Die Kugel hat ein Loch in die Zielscheibe gerissen, vielleicht zwei Zentimeter rechts von der Mitte. Schießen ist eine sehr genaue Angelegenheit, die Waffe in der Hand ein Präzisionswerkzeug. Worauf sie sich richtet, entscheidet der Mensch, der sie hält.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN