Todesangst im Urlaub Wie zwei Wallenhorster das Erdbeben auf Lombok überlebten

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Bei den Erdbeben auf der indonesischen Insel Lombok sind Anfang August 2018 460 Menschen gestorben. Der wirtschaftliche Schaden wird auf 440 Millionen Euro geschätzt.  Foto: imago/ZUMA PressBei den Erdbeben auf der indonesischen Insel Lombok sind Anfang August 2018 460 Menschen gestorben. Der wirtschaftliche Schaden wird auf 440 Millionen Euro geschätzt. Foto: imago/ZUMA Press

Wallenhorst. Ein Jahr lang sparten Carolin und Jim Behn aus Wallenhorst im Landkreis Osnabrück für ihre Flitterwochen. Am 31. Juli dieses Jahres ging für die beiden der Flieger. Ihr Ziel: Lombok. Doch nur wenige Tage später erschütterte ein starkes Erdbeben die Ferieninsel. Hunderte Menschen kamen dabei ums Leben. Die beiden Wallenhorster überlebten. Mit uns sprachen sie über das Erlebte, über die Verwüstung, ihre Todesangst, aber auch über die Hilfsbereitschaft und ihre Dankbarkeit, wieder zu Hause zu sein.

Frau Behn, bereits am 29. Juli, also gut eine Woche vor Ihrem gebuchten Flug, gab es auf Lombok ein erstes Erdbeben mit der Stärke 6,4 bei dem bereits Menschen starben. Warum hat Sie dies nicht von einer Reise in die Region abgehalten? Waren Sie sich der Gefahr nicht bewusst?

Wir haben uns im Vorfeld viel mit unserem Urlaubsziel beschäftigt und wussten natürlich, dass die Insel auf dem sogenannten „pazifischen Feuerring“ liegt. Das ist eine Zone entlang der Küsten des Pazifischen Ozeans, die häufig von Erdbeben heimgesucht wird. Nach dem ersten Beben waren wir sehr in Sorge. Wir wollten unsere Reise sofort absagen oder umbuchen. Das war nur leider nicht möglich.

Warum war das nicht möglich, Herr Behn?

Wir haben unseren Reiseveranstalter direkt nach dem ersten Beben kontaktiert. Wir wollten die Reise stornieren oder wenigstens umbuchen. Man sagte meiner Frau und mir, dass dieses nicht möglich sei. Wir hätten lediglich die Möglichkeit, die Reise komplett abzusagen. Zehn Prozent des Reisepreises würde man uns erstatten. Unsere Sorge bezüglich neuer Beben beschwichtigte der Mitarbeiter der Reisegesellschaft. Man sagte uns, es bestünde keine Gefahr. Das Beben sei weit genug von unserem Hotel entfernt gewesen. Auch gäbe es keine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Wir könnten also getrost fliegen.

Hatten Sie nicht trotzdem ein ungutes Gefühl?

Klar. Bis wir auf Lombok waren, haben wir uns immer wieder gefragt, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Aber, ganz ehrlich: Wir haben ein Jahr auf diese Reise gespart und in der Zeit auf Vieles verzichtet. Einen neuen Urlaub hätten wir uns in absehbarer Zukunft nicht leisten können. Und jeder kann jetzt denken was er will, am Ende haben wir dem Reiseveranstalter vertraut. Bis zum Abend des 5. Augusts war es auch wirklich wunderschön auf Lombok. Wir haben Zeit am Strand und beim Schnorcheln verbracht, die ursprüngliche Kultur von Indonesien kennengelernt, haben die umliegenden Wälder erkundet und waren fasziniert von der Vielfalt der Natur. Wir dachten noch: Gut, dass wir geflogen sind.

Was passierte dann, Frau Behn?

Am fünften Tag saßen wir beim Abendbrot im Hotelrestaurant, als plötzlich die Hölle losbrach. Die Erde bebte, Tische wackelten, Bilder fielen von der Wand. Ich sah mich um, alle Hotelangestellten rannten. Sie rannten zum Strand. Das Einzige was ich in dem Moment dachte: Lauf, Carolin. Lauf hinterher, lauf um dein Leben. Die Einheimischen wissen schon wohin. Ich rannte los – ohne meinen Mann, ohne mein Handy. Einfach nur weg. Mein Mann reagierte glücklicherweise ähnlich. Als ich mich nach etwa 50 Metern Fluchtweg umdrehte, war er zum Glück direkt hinter mir.

Herr Behn, Ihrem ersten Schock folgte eine lange Nacht. Was haben Sie erlebt?

Nachdem wir aus dem Hotel geflohen waren, versammelte sich eine Gruppe Menschen am Strand. Wir fühlten uns dort sicher. Einstürzende Häuser oder Bäume waren nicht in der Nähe. Woran wir in dem Moment noch nicht gedacht hatten, war ein Tsunami. Zum Glück jedoch die Sicherheitsleute des Hotels. Nur wenige Sekunden nach uns waren sie am Strand. Sie trieben uns an, auf den nebenliegenden Berg zu laufen. Sie schrien „Go, go“ und „Tsunami“. Wir hatten wieder nur einen Gedanken: Lauf, lauf, lauf!  

Kamen Sie denn auf diesem Berg zur Ruhe?

Nein. Das war nur ein kurzer Stopp, denn auch dort waren wir nicht sicher. Quer durch die Wälder der Insel stolperten wir mehr als wir liefen - immer getrieben vom Beben der Erde. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen wir auf dem Berg an. Dort verbrachten wir mehrere Stunden und meine Frau und ich waren in dieser Nacht noch gut dran.  

Wie meinen Sie das?

Wir waren komplett bekleidet. Andere Urlauber waren teilweise von dem Beben aus dem Schlaf gerissen worden und nur in Unterwäsche geflohen. Andere holte das Beben aus der Dusche. Sie standen nur im Bademantel da. Beeindruckt hat uns in dem Moment die Solidarität untereinander. Jeder, der etwas von seiner Kleidung abgeben konnte, tat es auch. Die Einheimischen, die auf dem Berg in ihren Häusern lebten, gaben uns Decken, Matratzen und Isomatten, damit wir uns vor der Kälte der Nacht schützen konnten.

Frau Behn, konnten Sie denn gar nicht in ihr Hotel zurück?

Nachdem die Lage sich entspannt hatte und die Tsunamiwarnung aufgehoben war, ging es zurück zum Hotel. Aber das Gebäude selbst war nicht mehr bewohnbar. Dort war nichts mehr sicher. Die Menschen lagen mit Decken, Kissen und Auflagen auf dem Boden vor dem Hotel. Die Hotelmitarbeiter gaben alles, um den Touristen zu helfen und sie zu beruhigen. Wir wollten allerdings nur noch nach Hause.  


Arbeiter räumen nach dem schweren Beben auf Lombok mit mehreren Hundert Toten die Trümmer beiseite. Foto: AFP


Haben Sie in der Nacht noch Kontakt zum Reiseveranstalter oder ihren Familien aufgenommen?

Als wir auf dem Berg ankamen und fürs Erste in Sicherheit waren, haben wir unsere Eltern angerufen. Wir wollten Bescheid geben, dass es uns den Umständen entsprechend gut ging. Auch haben wir versucht Kontakt mit dem Reiseveranstalter aufzunehmen. Leider ohne Erfolg. 

Wie sind Sie dann letztendlich von der Insel gekommen?

Das war eine echte Odyssee. Wir haben uns auf eigene Faust zum Flughafen Bandar Udara International Lombok durchgeschlagen. Von dort wollten wir den ersten freien Flug nehmen. Egal wohin. Hauptsache weg, Hauptsache sicher. Da diese Idee jedoch viele Touristen hatten, die nicht tagelang auf eine vom Reiseveranstalter organisierte Rückreise warten wollten, waren alle Flüge ausgebucht. Auf Grund der vielen Nachbeben flogen auch kaum noch Flugzeuge von der Insel weg. Gewundert hat uns jedoch, dass auch 24 Stunden nach dem schweren Erdbeben noch Touristen auf die Insel geflogen worden sind. Diese waren dann genau wie wir am Flughafen gestrandet. Auch sie kamen nicht zurück.  

Hatten Sie denn Hilfe aus der Heimat, Frau Behn?

Ja, ein guter Freund konnte für uns einen Flug ergattern. Er sollte am Dienstag um 11.45 Uhr Lombok verlassen. Leider wurde der Flug am Abend zuvor gestrichen. Wir saßen immer noch fest und hatten bis dahin fast 48 Stunden kein Auge zu gemacht.  

Und dann, Herr Behn?

Die TUI organisierte für uns eine Schifffahrt von Lombok nach Bali. Vier Stunden sollte die Überfahrt dauern. Doch wegen neuer Beben konnte das Schiff erst nach Stunden auf Bali anlegen. Dort verbrachten wir eine Nacht in einem Hotel. Als es für uns am folgenden Tag, 42 Stunden nach dem Beben, immer noch keinen organisierten Rückflug gab, hat meine Schwiegermutter kurzerhand den ersten freien Flug für uns auf privatem Weg gebucht. 

Frau Behn, die Situation muss für Ihre Eltern auch nicht einfach gewesen sein, oder?

Meine Mutter und auch meine Schwiegermutter haben vom Zeitpunkt des Erdbebens an versucht, über das Reiseunternehmen und parallel privat Flüge für uns zu organisieren. Wir konnten uns auch nicht wirklich selber helfen. In erster Linie waren wir damit beschäftigt uns in Sicherheit zu bringen. Wenn wir sicher waren, hatten wir auch nicht immer Handyempfang. Und am Ende fehlte uns auch einfach das Geld, einen Flug zu buchen. Meine Mutter hat für 2400 Euro zwei Plätze bei der Fluggesellschaft Emirates ergattern können. Sie hat sofort gebucht. Sie sagt, sie habe gar nicht überlegen müssen. Das Geld werde sie schon irgendwie auftreiben. Zur Not über einen Kleinkredit. Wir sind ihr dafür so dankbar. 

Wie ist es für Sie wieder hier zu sein, und wie gehen Sie mit dem Erlebten um?

Wir sind sehr dankbar, dass wir mit einem großen Schrecken davon gekommen sind. Wir hatten noch nie in unserem Leben solche Angst. Wenn hier zu Hause etwas knallt oder wackelt, zucken wir noch immer zusammen. Ich denke oft: Lauf, lauf, lauf! Mir hilft es, über das Erlebte zu sprechen und ich möchte unbedingt, wenn wir vielleicht etwas von unserem Reisepreis wiederbekommen, Geld an Familien auf Lombok spenden. Denn ich habe noch nie solch hilfsbereite Menschen erlebt. Meinem Mann sitzt der Schock noch tief in den Knochen. Er spricht auch nicht gern über das Erdbeben. Aber wir haben alle unsere Freunde und unsere Familie letzten Freitag zu einem Grillfest eingeladen, denn wir hatten wirklich Angst sie nie wieder zu sehen. Das war ein tolles Gefühl endlich wieder zu Hause angekommen zu sein.

Genießen ihre Flitterwochen auf Lombok: Jim und Carolin Behn. Nur wenige Stunden später bebt die Erde. Foto: Behn



Erdbeben auf Lombok

Nach dem schweren Erdbeben auf der indonesischen Ferieninsel Lombok vor eineinhalb Wochen ist die Zahl der Todesopfer auf 460 gestiegen. Der durch das Unglück entstandene wirtschaftliche Schaden werde auf mehr als 440 Millionen Euro geschätzt, teilte der Katastrophenschutz am Mittwoch mit. Knapp 7.800 Menschen seien verletzt worden, mehr als 417.000 hätten ihre Häuser und Wohnungen verloren.

Das Ausmaß der Schäden ist enorm Das Beben der Stärke 6,9 hatte die Insel Lombok am 5. August erschüttert. Indonesien liegt auf dem Pazifischen Feuerring, der geologisch aktivsten Zone der Erde. Immer wieder bebt dort die Erde, oder es brechen Vulkane aus. Lombok galt lange Zeit als Geheimtipp für Reisende, denen die bekanntere Nachbarinsel Bali zu touristisch geworden war. Inzwischen sind aber auch dort viele Urlauber unterwegs.

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