Festakt in Wallenhorst Zehn Jahre Inklusion: Kultusminister besucht Alexanderschule

Von Constantin Binder


Wallenhorst. Eine Schule, die die Inklusion eingeführt hat, lange bevor das Land die entsprechenden Gesetze auf den Weg brachte? Das war sogar Kultusminister Grant Hendrik Tonne einen Besuch wert. Die Alexanderschule Wallenhorst empfing den SPD-Politiker mit offenen Armen und kritischen Fragen.

Zunächst aber mussten die Schüler erdulden, was ihre Lehrer ihnen nie hätten durchgehen lassen: Der Minister kam eine Viertelstunde zu spät – und dann wurde er auch noch bis an den Schulhof gefahren. Trotzdem begrüßten sie Tonne mit einem „Feuerwerk“ der besonderen Art: neun zu Wasserraketen umfunktionierten Kunststoffflaschen, die per Luftdruck in die Höhe geschossen wurden und die Buchstaben I-N-K-L-U-S-I-O-N trugen. Vielleicht war es eine kleine Revanche für die Verspätung, dass der Minister beinahe von einer der herabstürzenden Flaschen getroffen wurde.

Auf Wunsch der Eltern inklusiv geworden

Dabei ist die Inklusion auch an der Alexanderschule natürlich nicht vom Himmel gefallen. Aber sie wurde hier eingeführt, lange bevor das Land Niedersachsen im März 2012 das Gesetz zur Einführung der inklusiven Schule verabschiedete. 2007 richtete die Hauptschule auf Bestreben der Eltern die erste Integrationsklasse ein, in der fünf Schüler mit Unterstützungsbedarf mit unterrichtet wurden, ein Jahr später kam die erste reguläre inklusive Lehrkraft an die Schule. Heute sind fünf Förderschullehrer, zwei Heilpädagoginnen und ein Pädagogischer Mitarbeiter an der Alexanderschule tätig, sieben von zwölf Hauptschulklassen sind inklusiv.

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„Längst ein Teil der Schulkultur“

„Inklusion ist bei uns Alltag geworden, und das ist wohl das Beste, was man sagen kann“, resümierte Schulleiter Arne Willms nicht ohne Stolz; er weiß, dass das in Niedersachsen nicht selbstverständlich ist. Auch an der Alexanderschule seien damals Skepsis und Unsicherheit zu spüren gewesen, doch dank der „großartigen Unterstützung“ der Gemeinde und zahlreicher Partnerunternehmen, die beispielsweise Schüler als Praktikanten aufnähmen, sei Inklusion längst Teil der Schulkultur.

Wallenhorsts Bürgermeister Otto Steinkamp befand: Es könne noch so viele Gesetze, Leitlinien und Erfahrungsberichte geben, entscheidend sei „auf dem Platz“, also in der Schule. „Der Einbau eines Fahrstuhls reicht bei Weitem nicht“, machte der Verwaltungschef deutlich, weitaus wichtiger seien etwa „Lehrer, die einen super-guten Job machen“.

„Inklusion hat Bevölkerung gespalten“

Tonne griff Steinkamps Anmerkung dankbar auf: „Ich habe mir vorgenommen, nicht aus Hannover irgendwas vorzugeben, sondern zu sehen, was es an guten Schulen gibt“, sagte der Jurist, der seit November Minister ist. Die Einführung der schulischen Inklusion habe die Bevölkerung gespalten, bilanzierte Tonne, bei vielen sei dabei der Eindruck entstanden, Inklusion als solche sei schlecht. „Das war fatal“, bemängelte Tonne; auch deshalb habe die neue rot-schwarze Landesregierung entschieden, „das Tempo zu drosseln, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren“.

Tempo drosseln? Eher nicht...

Dabei ist „das Tempo zu drosseln“ gerade nicht die Art der Alexanderschule. Jens Bockdrawe, der als ehemaliger Schüler der ersten inklusiven Klasse ebenfalls zum Festakt gekommen war, monierte im Anschluss, dass die Umsetzung der Inklusion so spät angegangen wurde: „Der Stein hätte schon viel früher ins Rollen kommen können.“ In Wallenhorst selbst habe er als Rollstuhlfahrer jedoch nie Probleme gehabt: „Ich bin ganz normal aufgewachsen, in einem normalen Kindergarten und einer normalen Grundschule gewesen.“ Inzwischen macht er eine Ausbildung bei einem der Partnerunternehmen, das er als Schülerpraktikant kennengelernt hatte.

Verständnis und Zeit für die Lehrer

Nach dem Festakt, den die Schüler mit Musik und kunstvollen Diabolo-Kunststücken aufgelockert hatten, traf sich Tonne dann noch mit Lehrern der Alexanderschule, die durchaus kritische Fragen hatten. Er wolle sich nicht für alle Entscheidungen der Vorgängerregierung haftbar machen lassen, stellte Tonne klar, zudem wollte er nichts versprechen, was er nicht halten könne. Gleichwohl zeigte er durchaus Verständnis für die Anliegen der Lehrer – und Zeit nahm er sich auch.

Am Ende verabschiedete sich der Minister eine Dreiviertelstunde später als geplant, nicht ohne nochmals zu bekräftigen, dass die Alexanderschule ein „wunderschönes Beispiel“ dafür sei, wie Inklusion gelingen könne. Als er zurück zum Dienstwagen eilte, hatte er seine ganz persönliche Wasserrakete dabei, ein Andenken daran, welche Höhenflüge in Sachen Inklusion möglich sind.


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