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Götz Werner beim ersten Wallenhorster Sozialgespräch der katholischen Sozialverbände „Hartz IV ist offener Strafvollzug“

Vor rekordverdächtiger Kulisse warb der Unternehmer Götz Werner im Rathaus für das bedingungslose Grundeinkommen. Foto: Elvira PartonVor rekordverdächtiger Kulisse warb der Unternehmer Götz Werner im Rathaus für das bedingungslose Grundeinkommen. Foto: Elvira Parton

WALLENHORST. Hinfort mit den „Denkirrtümern“ unserer Zeit, weg mit alten Gewissheiten wie „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ oder auch aktuellen Postulaten à la „Fordern und fördern“. Sie alle taugten nicht, die sich abzeichnenden gesellschaftlichen Fehlentwicklungen aufzuhalten, sagte Professor Götz Werner. Er hielt vor 400 Zuhörern im Wallenhorster Rathaus ein Plädoyer für seinen sozialpolitischen Gegenentwurf: das bedingungslose Grundeinkommen (BGE).

Werner kam auf Einladung der Kolpingsfamilien Hollage, Wallenhorst und Rulle sowie der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB). Die Sozialverbände hatten mit Ulrich Waschki, dem Chefredakteur des „Kirchenboten“, einen Moderator gewonnen, der die rekordverdächtige Besuchermenge im Ratssitzungssaal und auf der Empore stets gut im Blick hatte und die späteren Frage-und-Antwort-Runden versiert lenkte.

Doch zunächst gehörte das Mikrofon allein dem Unternehmer und Hochschullehrer Götz Werner. In ruhigem Erzählton und in volksnaher Sprache analysierte er die gegenwärtige Situation mit 7,3 Millionen Hartz-IV- und Grundsicherungsempfängern, die schon jetzt eine Art Grundeinkommen bezögen, aber eben nicht bedingungslos. Sie würden in unwürdiger Weise kontrolliert und zu ungewollten Arbeiten gezwungen. Werner verglich Hartz IV mit „offenem Strafvollzug“. Trotz der immensen Ausgaben für den sozialen Sektor wüchsen die Einkommensunterschiede zwischen Arm und Reich. Die öffentlichen Haushalte und die Sozialversicherungssysteme stünden vor dem Kollaps. Kein Politiker schenke den Wählern reinen Wein ein, welche Konsequenzen der Geburtenrückgang weiterhin haben werde. Der Wandel von der Selbstversorgungs- zur global arbeitsteiligen Fremdversorgungswirtschaft werde nicht verstanden. „Denk daran – schaff Vorrat an“? Quatsch! „Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not“? Alles Quatsch, denn Geldscheine könne man nicht essen. Die einzig sinnvolle Altersvorsorge bestehe darin, mehr Geld in die Bildung zu stecken, sagte Werner. Ein radikaler Kurswechsel müsse her, der Arbeit und Lohn entkoppele. Schon Schiller habe gesagt, erst wenn man warm wohne und zu essen habe, könne sich das Bessere im Menschen regen. Existenznot hingegen mache egozentrisch.

Die unübersehbaren Vorteile des BGE: Weitere Sozialleistungen und die Arbeitsämter würden abgeschafft, das Steuersystem radikal vereinfacht. Nicht mehr die Arbeit würde besteuert, sondern der Konsum, und zwar durch eine auf etwa 50 Prozent angehobene Mehrwertsteuer. Damit ließen sich die öffentlichen Haushalte stabil finanzieren, unabhängig von der Erwerbsquote.

Die Publikumsfragen ließen überwiegend Zustimmung zu Werners Thesen erkennen. Sie drehten sich um Aspekte der Ausgestaltung des neuen Fiskalsystems wie etwa der Krankenversicherung oder die Rolle der Kapitalzinsen als Einkunftsart. Grundsätzliche Kritik, wie sie Werner sonst wohl auch entgegenschlägt, war nicht zu vernehmen, eher ein verhaltenes Staunen, wie das alles so funktionieren kann.

Ratsherr Hans Stallkamp (CDU), ein überzeugter Verfechter des BGE, übergab Werner zum Dank einen Korb mit goldenen Eiern. Er spielte damit auf die goldene Henne auf der Kirchturmspitze von Alt-St. Alexander an, die der Sage nach von Karl dem Großen gestiftet wurde, damit sie viele weitere christliche Kirchen ausbrüte: „Ich wünsche Ihnen und uns, dass aus diesen Eiern bald Küken mit dem Namen Grundeinkommen schlüpfen.“


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