Literatur zum Genießen In Rulle lesen Bürger für Bürger

Mit erhobenem Zeigefinger: Burkhard Imeyer trug aus dem Erzählband „Mümmelmann“ von Hermann Löns vor. Foto: Anke Herbers-GehrsMit erhobenem Zeigefinger: Burkhard Imeyer trug aus dem Erzählband „Mümmelmann“ von Hermann Löns vor. Foto: Anke Herbers-Gehrs

ahg Wallenhorst. Nach sechs Jahren Pause fand jetzt im Ruller Haus wieder in entspannter Caféhaus-Atmosphäre eine Lesung von Bürgern für Bürger statt. Am Ende stand die spannende Entscheidung: Soll die Veranstaltungsreihe wiederbelebt werden? Und wenn ja, in welcher Form?

„Heute ist das Wetter viel zu gut“, so Burkhard Imeyer vom Organisationsteam des Literaturforums. Doch trotz des strahlenden Sonnenscheins waren viele der knapp 30 Plätze im Saal des Ruller Hauses besetzt. Viele Zuhörer kannten die Reihe bereits von früheren Veranstaltungen. Arno Weerd, Vorsitzender des Vereins Ruller Haus, hatte die Wiederbelebung des Formates angeregt. Das Konzept dahinter: Nicht irgendetwas buchen, sondern Talente aus der Bevölkerung entdecken, die literarische Texte gekonnt vortragen.

Bissige Rachegeschichte

Jetzt machte Kornelia Böert, Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Wallenhorst und Rhythmik-Lehrerin, den Anfang mit einer bissigen Rachegeschichte der australisch-britischen Autorin Kathy Lette. Burkhard Imeyer trug eine Geschichte vor, die für ihn als Zehnjähriger das „literarische Erweckungserlebnis“ war: „Das Hauptschwein“, aus dem Erzählband „Mümmelmann“ von Hermann Löns. Löns sei Anfang des 20. Jahrhunderts der Inbegriff des Deutschtums gewesen, seine Texte seien von den Nationalsozialisten instrumentalisiert worden und später in den 1950er Jahren in unsäglichen Heimatfilmen verwurstet worden, so Imeyer. Aber eigentlich ginge es um Natur, um Tierschutz, und das in wortgewaltiger, humorvoller Sprache.

Passende Musik

Burkhard Imeyer gab zu jedem Text eine kurze Einführung und ließ sogar einige Takte der passenden Musik ertönen. Zwischen den einzelnen Lesungen blieb genug Zeit, sich noch ein Stück Torte zu holen – alle fünf gebacken von Marion Grothaus – oder sich über das Gehörte auszutauschen. „Bei Veranstaltungen wie diesen findet sehr viel Kommunikation statt, das ist sehr wertvoll“, so Kornelia Böert.

Für die Sprachtherapeutin Heide Billmann war der Auftritt im Ruller Haus eine Premiere, alle anderen Vortragenden hatten bereits bei früheren Lesungen mitgemacht. Ihr war ein Text des österreichischen Satirikers Georg Markus anvertraut worden, in dem er sich eine Begegnung zwischen Falco bei der Studioaufnahme seines Welthits „Rock me Amadeus“ und dem echten Mozart ausmalt. Mit ihrer gelungenen Imitation von Falcos Wiener Akzent erntete Heide Billmann begeisterten Szenenapplaus.

Auf den Spuren des Apostels Paulus

Die nächste Vortragende hatte zu ihrer Geschichte einen ganz persönlichen Bezug: Die früherer Schulleiterin Eva-Maria Arndt hatte im Jahr 2000 an einer Studienfahrt auf den Spuren des Apostels Paulus teilgenommen. Dabei war sie auch in das Dorf Malula bei Damaskus gekommen, das 2013 durch den IS zerstört wurde. Sie las aus dem Band „Märchen aus Malula“ von Rafik Schami, dessen Großeltern in dem Dorf gelebt hatten.

Den Abschluss machte der Personalberater Torsten Wächter mit der typisch schwarzhumorigen Geschichte „Der Mann aus dem Süden“ von Roald Dahl, und auch Wächter überraschte das Publikum mit perfektem spanischem Akzent.

Weitermachen oder nicht?

Zum Schluss dann die entscheidende Frage: Weitermachen oder nicht? Zur objektiven Entscheidungsfindung hatte Imeyer vorgesorgt und einen Applausmesser mitgebracht. Volle zwölf auf dem Beifallomat – das Publikumsvotum war klar: Die Fortsetzung der Serie Anfang nächsten Jahres als bunter Strauß aus verschiedenen Genres wird mit Spannung erwartet.