Gut für die Haltung und den Geist Wieso Ballett nicht nur den Körper fit hält

Von Nina Strakeljahn

Die Technik ist beim Spitzentanz entscheidend. Foto: David EbenerDie Technik ist beim Spitzentanz entscheidend. Foto: David Ebener

Bissendorf/Wallenhorst. Viele Mädchen beginnen schon sehr jung mit dem Ballett und tanzen später auf der Spitze. Wieso das Tanzen so fit hält und wann es gefährlich wird, erklärt der Bissendorfer Ballettlehrer Charles S. Watkins.

Aufgereiht stehen die Mädchen mit weißer Strumpfhose und rotem Body gekleidet an der Stange. Der Körper ist angespannt. Der Fuß geht nach vorne und zurück. Das Bein wird nach hinten und nach oben gestreckt. Die Arme wandern ebenfalls in die Höhe.


Charles Watkins unterrichtet seit 30 Jahren als Ballettpädagoge. Foto: David Ebener


Die Mädchen des Ballettkurses der Ballettschule Charles S. Watkins in Wallenhorst wärmen sich auf. Viele von ihnen wie die 13-jährige Sara Sophie oder die zwölfjährige Frauke-Louisa nehmen schon  mehrere Jahre Unterricht. Sie haben bereits angefangen, Spitze zu tanzen. Doch dafür muss man gut trainiert sein, darauf legt Lehrer Watkins viel Wert. Der gebürtige Amerikaner hat selbst viele Jahre getanzt, unter anderem in New York, Kassel, Hannover und Mannheim.

Erst mit zwölf auf die Spitze

"Die Kinder gehen erst mit zwölf Jahren bei uns auf die Spitze, nicht vorher", betont er. Bis dahin sind die Knochen noch im Aufbau. Wenn man dann zu früh auf die Spitze gehen würde und dabei etwas falsch macht, könne es gefährlich sein. Deshalb wird in seiner Ballettschule bis zu diesem Alter gewartet. Und auch dann sei es wichtig, dass die Mädchen richtig trainiert sind. Sie müssen mehrmals die Woche kommen und technisch so weit sein. Deshalb gehen nicht alle auf die Spitze. Die ersten drei bis vier Monate könne es ein bisschen weh tun, ab sechs Monaten sei es aber vorbei. Die Mädchen tragen spezielle Schuhe, mit denen es ihnen gelingt, bei gestrecktem Fuß auf den Zehenspitzen zu tanzen. Die Schüler fangen zudem immer an der Stange an.


Die Spitzenschuhe sind mit einer speziellen Box ausgestattet. Foto David Ebener


"Technisch gesehen ist Ballett kein Sport sondern Kunst", erklärt Watkins, ähnlich wie bei Kampfkunst. Dennoch hat Ballett alle Elemente, die auch andere Sportarten haben. Der ganze Körper wird trainiert – Beine, Arme, Oberkörper. Auch der Geist bleibt fit, denn die Tänzer müssen die Kombinationen lernen. Deshalb sei Ballett auch für Erwachsene gut. "Wir haben eine Erwachsenengruppe mit zwölf Tänzern in Venne", erzählt der Lehrer. Manche trainierten seit mehr als 20 Jahren Ballett, aber es gebe ebenfalls Neueinsteiger. Grundsätzlich trainierten alle Tanzformen den gesamten Körper.

Disziplin, Teamfähigkeit, Anmut

Klassisches Ballett vermittle Disziplin, Teamfähigkeit und Anmut. Früher sei es üblich gewesen, ein Instrument und Ballett zu lernen. Viele Eltern wünschen sich das auch heute noch für ihre Kinder. Gleichzeitig tun sie damit etwas für ihre Haltung, denn Kinder und Jugendliche sitzen viel. Bereits mit den Jüngsten ab vier Jahren arbeitet Watkins daran. "Ich sehe anhand der Haltung auf der Straße, dass jemand der Ballett macht", sagt Watkins.


Charles Watkins ist gelernter Tänzer und Theaterpädagoge. Foto: David Ebener


Immer wieder äußern Eltern auch Bedenken, wenn ihre Kinder anfangen mehr als einmal die Woche Ballett zu tanzen, ob das nicht schädlich sein könnte. Doch Watkins beruhigt. Solange man es als Hobby betreibt und richtig trainiert, sei es kein Problem. Wenn man das jedoch beruflich macht, gebe es immer die Gefahr von Abnutzungserscheinungen oder Verletzungen. Doch das muss nicht sein. "Ich habe keine Probleme gehabt." 

Ballett als Therapie

Manche Ärzte empfehlen Eltern sogar, dass ihre Kinder mit dem Ballett anfangen. Beispielweise kann das Tanzen bei Fehlstellungen der Beine, Fuß- und Rückenproblemen helfen, sagt Watkins. Er unterrichtet sogar einen Jungen, der eine leichte Form des Autismus hat. Sein Betreuer habe gemeint, das könne ihm helfen – und tatsächlich seien seine Schulleistung besser geworden. Er ist noch immer dabei.



Erst, wenn die Mädchen die Technik beherrschen, dürfen sie auf die Spitze. Foto: David Ebener


Doch es gebe auch im Ballett "schwarze Schafe", sagt Watkins. Anders als in anderen Ländern wie Frankreich oder Italien ist es kein geschützter Beruf. Dort dürfe man sich nur Ballettpädagoge nennen, wenn man es gelernt und vorher selbst getanzt hat. Er rät Eltern, bei der Auswahl der Ballettschule genau auf die Ausbildung der Lehrer, vor allem die pädagogische, zu achten. Watkins hat eine solche Ausbildung in den USA an unterschiedlichen Universitäten absolviert, ist gelernter Bühnentänzer und Pädagoge. In Osnabrück war er acht Jahre lang Ballettmeister und trainierte die Tänzer am Theater.

30 Jahre gibt es die Ballettschule

Vor 30 Jahren hat er seine ersten Ballettstunden im Gemeindehaus in Venne gegeben. Damals fing der heute in Schledehausen lebende Amerikaner mit neun Schülern an. Mittlerweile unterrichtet er 350 Kinder, darunter sogar ein paar Jungen.


Zunächst wird an der Stange trainiert. Foto: David Ebener

In der Ballettschule in Wallenhorst sind die Schülerinnen aufgewärmt. Sie ziehen sich ihre Spitzenschuhe an. Spitze macht Sarah Sophie besonders Spaß, auch wenn es manchmal etwas weh tut. "Es ist ein schönes Gefühl", sagt sie. Ihre Mitschüler hätten schon bemerkt, dass sie Ballett macht. "Ich sitze immer gerade", erzählt sie, bevor es an die Stange geht. Auf Kommando erheben sich die Mädchen auf die Spitze.