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Die Hilfslehrerin mit der kalten Schnauze

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Seit zwei Wochen hat die 7a der Wal lenhorster Alexanderschule eine neue Hilfslehrerin: Sie ist blond, hat haselnussbraune Augen, und manchmal sabbert sie ein bisschen. Golden-Retriever-Mischling Hazel (sprich: Häi sl) ist Wallenhorsts erster Schulhund.

Das Bild widerspricht Vorurteilen zu Hauptschulen: Nervös hüpfende Schüler, lauter nach oben gestreckte Arme, manche Kinder rufen, sie mögen drangenommen werden. Noten interessieren hier gerade niemanden. Es ist der Hund von Klassenlehrerin Wiebke Jungherz, der in den Schülern der 7a eine zuvor ungekannte Begeisterung fürs Bruchrechnen geweckt hat. Retriever-Mischling Hazel, benannt nach ihrer Augenfarbe (engl. Hazelnut = Haselnuss), steht vor der Tafel und zieht kleine Säckchen aus einem größeren Sack. Auf den kleinen Säckchen stehen Zahlen, mit denen die Kinder die Brüche multiplizieren sollen, die an der Tafel stehen. Wie schon erwähnt: Die Schüler reißen sich darum.

Jeden Mittwoch bringt Wiebke Jungherz ihren Retriever mit in die Schule. Die Idee dazu hatte nicht sie, sondern Birte Loddeke, die Sozialpädagogin der Alexanderschule. Loddeke hat ihre Diplomarbeit über den Einsatz von Hunden in sozialen Arbeitsfeldern geschrieben.

Die ersten Effekte seien erkennbar: Nathalie etwa, die selbst sagt, Hazel sei eine schöne Ablenkung vom Unterricht, hat mit dem Hund an ihrer Seite eine kleine Schreibblockade überwunden. „Nathalie hat beim Aufsatz erst gestockt, aber dann hat sich Hazel neben sie gesetzt, und sie hat zwei Stunden durchgeschrieben und dabei den Hund gestreichelt“, berichtet Wiebke Jungherz.

In Sachen soziale Kompetenz, die derzeit überall gefordert wird, werden die Schüler von Wiebke Jungherz besser ausgebildet als viele andere in Deutschland. Die 7a ist die erste Integrationsklasse der Alexanderschule, behinderte und nicht behinderte Kinder lernen hier gemeinsam; Förderschullehrer Stephan Blume unterstützt Wiebke Jungherz deshalb an 18 Stunden in der Woche.

Schulhund Hazel hilft indes nicht nur als Motivator. Auf ein kurzes Kommando vom Frauchen legt sich die Hundedame auf die Seite, und Wiebke Jungherz spreizt vorsichtig ihre Vorderpfoten. „Ich habe mir überlegt, dass die Schüler beim Thema Geometrie so die unterschiedlichen Winkel kennenlernen können. Und dabei lernen sie, Empathie zu zeigen, weil sie Hazels Pfoten natürlich nur so weit spreizen können, wie es ihr angenehm ist.“

Wie die Schüler im Umgang mit dem Hund wurde auch Hazel für den Umgang mit den Schülern ausgebildet. „Social Dogs“ heißt das Institut in Nottuln bei Münster, wo Hazel und Wiebke Jungherz an fünf Wochenenden den Titel „Therapiehundteam“ erworben haben. Als Therapiehund soll Hazel in der Alexanderschule allerdings nicht fungieren. „Wir machen hier keine Therapie“, betont Schulleiter Thomas Berning.

Ihm ist es auch wichtig festzuhalten, dass der Einsatz von Hazel sowohl mit der Gemeinde als Schulträger als auch mit den Eltern der Schüler vorher abgestimmt worden ist.

Bedenken oder gar Missbilligung gab es auf keiner Seite. Nur eine gewisse Angst vor Hunden bei einigen Schülern, die sich aber dank Hazel inzwischen bei allen gelegt hat.

„Ich bin schon zweimal von einem Hund gebissen worden, aber vor Hazel hatte ich keine Angst“, sagt Schülerin Joanna. Hazel macht es den Kindern auch leicht. Vorbehaltlos läuft sie zu jedem Kind, schmiegt sich an sie und verteilt Zärtlichkeiten. Wegen so viel Nähe gilt die klare Anweisung, die Pausenbrote gut zu verpacken. Hazel bekommt derweil vor ihrem Mittwochs-Auftritt in der Alexanderschule nur ein kleines Frühstück; die zahlreichen Leckerli ersetzen eine, wenn nicht zwei Mahlzeiten.

Auch an einem Hund geht die Schule natürlich nicht spurlos vorüber. „Mittwochmittags ist Hazel schon kaputt, im Auto pennt sie meist sofort ein“, sagt Wiebke Jungherz. Mit jedem Schultag wächst aber auch die soziale Kompetenz des Hundes, „Hazel wird selbstbewusster“, sagt Jungherz, sie gehe selbstverständlicher auf Fremde zu.

Die Lehrerin, die neben Hazel noch zwei weitere Hunde hat, freut sich sehr darüber, dass Hund und Kinder so sehr voneinander profitieren. Einzig sie selbst muss dabei ein wenig zurückstecken: „Wenn ich mittwochs ins Lehrerzimmer komme, begrüßen die Kollegen erst Hazel und dann mich.“


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