Die Frau der Zahlen geht Wallenhorsts Kämmerin Annegret Rethmann im Interview

Von Constantin Binder

48 Jahre lang hat Kämmerin Annegret Rethmann bei der Gemeinde Wallenhorst gearbeitet. Foto: Michael Gründel48 Jahre lang hat Kämmerin Annegret Rethmann bei der Gemeinde Wallenhorst gearbeitet. Foto: Michael Gründel

Wallenhorst. Jahr für Jahr rätselte der Wallenhorster Rat über die Farbe der Haushaltssatzung, stets hatte Annegret Rethmann eine Erklärung parat. Nach 48 Jahren im Dienst der Gemeinde geht die Kämmerin am 30. April in den Ruhestand, ihr letzter Arbeitstag ist schon am Freitag. Ein Interview zum Abschied.

Frau Rethmann, welche Farbe haben Sie noch nicht für das Deckblatt eines Haushaltsentwurfs verwendet?

Alle gängigen Farben wurden in den letzten x Jahren verwendet, am wenigsten aber vielleicht die Farbe Rot.

Weil sie eine so alarmierende Signalwirkung hat, dass sie nur in Ausnahmefällen verwendet wird…?

Ja, das ist das eine. Das andere ist vielleicht eher die Zuordnung zur politischen Farbenlehre, die man als Kämmerer möglichst vermeiden sollte.

Wie viele Haushaltsreden haben Sie gehalten?

Eigentlich lässt sich das ja ganz gut nachrechnen: Mindestens seit 1996 jedes Jahr eine, das wären also 23, wenn ich richtig gerechnet habe.

Seit wann sind Sie in der Gemeinde?

Seit dem 1. April 1970. Also bis zur Pensionierung genau 48 Jahre und einen Monat.

Wie war Ihr Werdegang in der Gemeinde?

Ich will das mal kurz halten, 48 Jahre muss man ja nicht im Detail beschreiben… Ich habe nach einer Verwaltungsausbildung das Studium zum Diplom-Verwaltungswirt absolviert, bin dann Beamtin geworden und habe danach eine fast klassische Entwicklung – mit einigen Höhen und Tiefen - erlebt: erst Abteilungsleiterin, dann Amtsleiterin, dann Fachbereichsleiterin. Mit knapp 50 Jahren habe ich noch einmal den Aufstieg in den Höheren Dienst absolviert. Die überwiegende Zeit meines beruflichen Lebens habe ich im Finanzbereich gearbeitet. Seit 1996 bin ich Kämmerin, davor war ich viele Jahre stellvertretende Kämmerin.

Vor wie vielen verschiedenen Gemeinderäten mussten Sie Ihre Haushaltspläne verteidigen?

Wenn man voraussetzt, dass wir alle fünf Jahre ein neues Kommunalparlament haben, dann waren es fünf.

Haben Sie da unterschiedliche Herausforderungen gespürt, je nach Zusammensetzung?

Ja, durchaus aufgrund unterschiedlicher Mehrheitsverhältnisse. Ich erinnere mich an eine Haushaltsverabschiedung, bei der bis zum Abend vorher nicht klar war, ob die geeignete Mehrheit für den Haushalt überhaupt zustande kommen würde, und am anderen Tag der Haushalt auch tatsächlich nur mit einer Stimme Mehrheit beschlossen wurde.

… der spannendste Moment in Ihrer Karriere?

Ja, zumindest der kribbeligste.

Was war das schönste Erlebnis in Ihrer Zeit in der Gemeinde?

Tja, da stellen Sie mir eine ziemlich schwere Frage... Es gibt so viele positive Dinge in meinem beruflichen Leben, weil ich meinen Beruf immer mit großer Leidenschaft gemacht habe, dass ich Ihnen jetzt gar nicht ein herausragendes Ereignis sagen könnte.

Wie erklären Sie „kommunalen Haushalt“, wenn Sie auf Partys nach Ihrem Job gefragt werden?

Also, ich gestehe, dass ich vermeide, in meinem privaten Umfeld über kommunale Dinge zu sprechen. Aber natürlich werde ich gefragt, und ich versuche das auch zu erklären. Und seitdem wir eine doppische Haushaltsführung haben, vergleiche ich das gerade bei Freunden aus der Wirtschaft mit der Buchführung der freien Wirtschaft. Und wenn ich dann die Begrifflichkeiten „Bilanz“ und „Gewinn- und Verlustrechnung“ erwähne, dann finde ich am ehesten Verständnis. In der Zeit der Kameralistik war das für viele Menschen kaum nachvollziehbar.

Beraten Sie Ihre Freunde in Finanzfragen?

Nein, das mache ich ausdrücklich nicht, weil ich der Meinung bin, dass gerade im privaten Bereich dies jeder für sich machen muss, und es auch genug Ratschläge aus vielen anderen Richtungen gibt.

Ist die Gemeinde Wallenhorst gut aufgestellt für die Zeit ohne die Kämmerin Rethmann?

Auf jeden Fall. Ich glaube schon, dass es uns gemeinsam gelungen ist, in vielen Jahren Wallenhorst finanziell auf gesunde Beine zu stellen. Auch mit dem Haushalt 2018 ist es uns gelungen, viele Vermögenswerte und viele Investitionen auf den Weg zu bringen. Und auch, wenn der Haushalt eine zusätzliche Verschuldung darstellt, so glaube ich doch, dass Wallenhorst richtig gut „auch für die Zeit nach mir“ aufgestellt ist, weil es nie ein Einzelwerk ist, sondern weil der Haushalt wie viele andere politische Dinge immer ein Gemeinschaftswerk ist. Insofern gehe ich relativ gelassen und glaube auch, dass die Verantwortlichen in Wallenhorst immer Acht geben werden, dass Wallenhorst auch in der Zukunft gut aufgestellt bleibt.

Dürfen Sie schon sagen, wer Ihr Nachfolger wird?

Ja, die Entscheidung ist gefallen. Es hat eine öffentliche Ausschreibung für diese Stelle gegeben, und ein Mitarbeiter des Fachbereiches 3, meines Fachbereiches, wird mein Nachfolger – es ist Herr Florian Lüttkemöller.

Welchen Rat geben Sie ihm mit auf den Weg?

Ich tue mich relativ schwer, anderen Menschen mit dem Ausscheiden aus dem Dienst Ratschläge zu geben… Ich weiß, Herr Lüttkemöller ist ein befähigter Mitarbeiter mit großem Finanzverstand, und ich denke, dass er die Haushaltsplanung und die Finanzwirtschaft auch mit dem Weitblick für die Zukunft sicher gestalten wird. Deshalb denke ich, dass ich auf Ratschläge verzichten kann.

Und was würden Sie den Wallenhorster Bürgern mitgeben?

Ich denke, dass die Wallenhorster Bürger im Großen und Ganzen mit ihrer Gemeinde sehr zufrieden sind. Ich würde mir wünschen, dass sie erkennen, dass man vorsichtig sein muss, Geld auszugeben, aber trotzdem hervorragende Rahmenbedingungen für Wallenhorst schaffen kann.

Sie wechseln nahtlos vom Haupt- ins Ehrenamt – was liegt Ihnen in Ihrer neuen Rolle als Vorsitzende der Bürgerstiftung am meisten am Herzen?

Ich habe mich entschieden, dieses Ehrenamt zu übernehmen, weil ich die Themen der Wallenhorster Bürgerstiftung spannend finde: Unterstützung im Sozialen zu bieten, gerade bei Schulen und Kindergärten, und auch Kontakte zu pflegen. Ich glaube, mir persönlich tut es gut, nach so vielen Jahren Berufstätigkeit nicht nur meinen Hobbys nachzugehen, sondern auch noch eine Herausforderung zu haben, die mich nicht sofort zum Nichtstun verdammt.

Gönnen Sie sich eigentlich auch mal eine Auszeit? Was machen Sie dann?

Ich hoffe, dass ich mir ganz viel Auszeit gönnen darf und das auch tun werde. Mein Mann und ich werden uns sehr freuen, sehr viel Freizeit miteinander zu verbringen. Wir werden viel reisen und ganz besonders viel Sport treiben – in erster Linie glauben wir, dass wir gemeinsam ganz viel Golf spielen werden.