„Sandkasteningenieure“ in Wallenhorst Wo Kinder ihren eigenen Regenbogen machen

Von Constantin Binder


Wallenhorst. Seit mehr als zehn Jahren forschen und experimentieren Vorschulkinder im Wallenhorster Ortsteil Hollage unter Anleitung von Studenten. Das soll ihnen Freude auf die sogenannten Mint-Fächer machen – früher als bei den meisten anderen Projekten dieser Art. Inzwischen interessiert sich auch der Landkreis für die „Sandkasteningenieure“.

Wenn Louis wackelt, verschwindet sein Regenbogen. Es ist gar nicht so leicht, die bunten Farben an die Wand zu zaubern; Louis muss die CD still halten und die Taschenlampe auch, aber mit ein bisschen Übung klappt es schließlich, und dann leuchten nicht nur die Farben, sondern auch Louis’ Augen.

Ein Physiker würde sagen, dass sich das Licht „bricht“, aber Louis ist kein Physiker, sondern Vorschulkind, genauso wie Lea, Henrik und Robin. Trotzdem haben die vier etwas über Physik gelernt an diesem Freitagvormittag in der evangelischen Andreas-Kindertagesstätte in Hollage, und genau darum geht es.

Einmal wöchentlich zwei Stundenten in der Kita

Lea, Henrik, Robin und Louis sind „Sandkasteningenieure“, auch wenn sie natürlich nicht im Sandkasten experimentieren, sondern in einem kleinen Raum neben der Küche. Die „Sandkasteningenieure“ sind ein Projekt, das Kindergartenkindern die sogenannten Mint-Fächer näher bringen soll, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Seit mehr als zehn Jahren kommen dafür einmal wöchentlich zwei Stundenten in die Kita, um in kleinen Gruppen mit den Fünf- und Sechsjährigen zu forschen und zu experimentieren. Den Stundenlohn von zehn Euro, ein kleiner Nebenverdienst für die Studenten, zahlt die Firma Rabe-System-Technik; die Studenten findet Kita-Leiterin Britta Finke per Aushang an den Schwarzen Brettern von Hochschule und Universität.

Woraus besteht Schwarz?

In diesem Jahr begleiten Franka Knagge und Noemi Krebs die kleinen Forscher. Knagge, 20, kommt selbst aus Hollage, sie studiert Landschaftsentwicklung, später will sie „im Umweltbildungsbereich arbeiten“. Krebs, 21, studiert Biologie und Geografie im dritten Semester. Heute erforschen sie mit den „Sandkasteningenieuren“ die Farben. Das Licht, haben sie gelernt, besteht aus vielen Farben. Doch woraus besteht Schwarz? Die Kinder malen mit einem schwarzen Filzstift einen Punkt auf einen Teefilter, dann träufeln sie mit einer Pipette vorsichtig Wasser auf das dünne Papier. Und siehe da: Ganz langsam zerläuft das Schwarz – in alle Farben.

Gewissenhafte Dokumentation

Ihre Beobachtungen notieren die Kinder gewissenhaft in kleinen „Forscherheften“; so können sie sie noch Monate später abrufen, wie Kita-Leiterin Finke erzählt. Und weil Vorschulkinder noch nicht schreiben können, malen sie ihre Versuchsanordnungen eben –und manchmal auch sich selbst. Wenn nötig, beschriften Krebs und Knagge die Zeichnungen, damit auch wirklich jeder erkennt, was Taschenlampe und was Pipette ist; so können auch Eltern und Großeltern die Experimente nachvollziehen. „Ich finde, dass die Studenten das ganz toll machen“, sagt Finke auch mit Blick auf die früheren Jahrgänge, „sie begegnen den Kindern absolut auf Augenhöhe“.

Mint-Projekte längst auch in den Schulen

„Die ursprüngliche Idee war, bereits Vorschulkinder mit Technik in Verbindung zu bringen“, sagt Wolfgang Rabe, dessen Firma das Projekt im nunmehr elften Jahr finanziert. „Das Schöne ist, dass so in Wallenhorst ein Mittelpunkt entstanden ist“, sagt er – längst haben die Schulen in der Gemeinde an die „Sankasteningenieure“ angeknüpft und eigene Mint-Projekte gestartet.

Das wird auch außerhalb Wallenhorsts wahrgenommen: Petra Barth, Mint-Koordinatorin des Landkreises Osnabrück, besucht an diesem Tag die Andreas-Kita, um zu erfahren, wie andere Gemeinden ähnliche Projekte auf die Beine stellen könnten. Sie begrüßt, dass die Kinder hier früher als bei vielen anderen Projekten ein „Gespür für Mint-Phänomene“ bekämen; das sei auch gut für die spätere Berufsorientierung. „In dem Alter sind Kinder geborene Forscher“, ergänzt Finke; außerdem freue sie sich, das auch der Kindergarten „endlich mal als Bildungseinrichtung wahrgenommen“ werde. Doch Sponsor Rabe sieht nicht nur für die Kinder einen Gewinn, sondern auch für die Studenten: „Wer mit Kindern gut umgeht, kann auch Mitarbeiter gut führen“, sagt er.

Einschulung im Sommer

Vier Vorschulkinder forschen: Die „Sandkasteningenieure“ Robin, Lea, Henrik und Louis (von links) experimentieren gemeinsam mit den Studentinnen Noemi Krebs (links) und Franka Knagge in der Andreas-Kindertagesstätte in Wallenhorst. Foto: David Ebener

Lea, Henrik, Robin und Louis machen sich aus derlei unternehmerischen Erwägungen noch nichts, sie konzentrieren sich lieber auf das nächste Experiment: eine weitere Methode, einen Regenbogen selber zu machen. Während sie einen Spiegel in eine Wasserschale tauchen und ihre Taschenlampe darauf ausrichten, unterhalten sie sich über ihre Einschulung im Sommer und was sie dann alles lernen werden. Und spätestens, als es darum geht, wie viel älter Robins Bruder ist, zeigt sich: Beim Rechnen macht diesen Sankasteningenieuren schon jetzt keiner so leicht etwas vor.