Ein Artikel der Redaktion Neue Osnabrücker ZeitungLogo Neue Osnabrücker Zeitung

Vortrag im Heimathaus Hollager Hof Wie Hans Calmeyer in den Niederlanden Juden vor dem Tod bewahrte

Von Christina Halbach | 21.09.2018, 16:41 Uhr

Als NS-Rassereferent entschied Hans Calmeyer in den Niederlanden über Leben und Tod. Wie es dem aus Osnabrück stammenden Juristen gelang, die Rassenarithmetik der Nazis mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, erläuterte sein Biograf Mathias Middelberg im Heimathaus Hollager Hof.

„Osnabrücker Schindler“ oder doch eher Schwindler? Bis heute ist das Wirken des Anwalts bei Historikern umstritten. Für den CDU-Bundestagsabgeordneten hingegen wird zu Recht die Erinnerung an Calmeyer wachgehalten. In Wallenhorst ist im Baugebiet „Witthügel“ eine Straße nach dem Juristen benannt, am Osnabrücker Westerberg gibt es den Hans-Calmeyer-Platz und die Villa Schlikker im Museumsquartier wird bald ebenfalls seinen Namen tragen. 3000 Juden habe Calmeyer vor dem Tod bewahrt, damit sei er „rein zahlenmäßig der erfolgreichste Judenretter“, sagt Middelberg nach langjährigen, umfangreichen Recherchen in Archiven und Gesprächen mit Zeitzeugen, die in eine Doktorarbeit und in das Buch „Wer bin ich, dass ich über Leben und Tod entscheide? – Rassereferent Hans Calmeyer in den Niederlanden 1941 -1945“ flossen.

Vor der Deportation gerettet

Als Beamter der deutschen Besatzungsverwaltung in Den Haag war Calmeyer dafür zuständig, so genannte Abstammungsprüfungen vorzunehmen, wenn nicht klar war, ob jemand im Sinne der NS-Doktrin als „Jude“ etwa bei Abkömmlingen aus Mischehen anzusehen war. Den Forschungen Middelbergs zufolge, gelang es Calmeyer in Tausenden von Fällen mit einer Vielzahl juristischer Tricks, Juden zu Ariern umzudeklarieren und sie damit vor der Deportation zu retten. Kinder eines jüdischen Vaters ließ er etwa im Falle der der aus „Des Teufels General“ bekannten Schauspielerin Camilla Spira Seitensprünge mit deutschen Erzeugern erfinden. Um die Rassenarithmetik der Nazis, die für eine „saubere“ Ahnentafel zwei arische Großeltern vorsah, zu umgehen, genügte Calmeyer in anderen Fällen eine entsprechende eidesstattliche Erklärung eines niederländischen Gemeindebeamten. Eltern von Kindern, die zum Zeitpunkt des Einmarsches der Deutschen in den Niederlanden Mitglied einer jüdischen Gemeinde waren, empfahl er Feststellungsklage gegenüber der jüdischen Kirchenverwaltung zu erheben, das dem nicht so gewesen ist: „Die Urteile fielen natürlich immer so aus, dass sie auf keinen Fall der jüdischen Gemeinde angehört haben“, erläuterte Middelberg.

Luftlandung der Allierten

Die Luftlandung der Allierten in Arnhem im September 1944 rettete Calmeyer vor der sicheren Entlarvung durch seine deutschen Kollegen. Der Jurist hat sich nach dem Krieg wieder in Osnabrück als Anwalt und Notar niedergelassen und dabei auch bei Wallenhorster Bürgern seine Spuren hinterlassen: Eine Zuhörerin im Hollager Hof hat in der Kanzlei „Burland und Calmeyer“ ihre Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin absolviert, den ehemaligen Rassereferenten hat sie jedoch nicht mehr kennengelernt. Calmeyer war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben. Günter Recker berichtete, dass der Kauf seines Grundstücks in den 60er-Jahren seinerzeit von Hans Calmeyer beurkundet worden sei.