Familie aus Twist wieder gesund Martina Faske rettet ihrem Mann mit Organspende das Leben

Von Matthias Engelken


Twist. Zufällig stellten Ärzte im Jahr 2003 bei Udo Faske ein Nierenversagen fest. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich in den Folgejahren, regelmäßige Dialyse beherrschte den Lebensrhythmus der Familie. Hoffnung auf eine Spenderniere gab es kaum, Faske hatte die seltene Blutgruppe 0 negativ. Auch deshalb entschloss sich seine Frau, ihm eine Niere zu spenden – und holte damit ein großes Stück Lebensglück zurück in die Familie.

Es war ein Schock während einer routinemäßigen Untersuchung vor 13 Jahren. Udo Faskes Blutwerte deuteten auf eine chronische Niereninsuffizienz hin, das Versagen beider Nieren war eine Frage der Zeit. Eine regelmäßige Dialyse, also ein Blutreinigungsverfahren, war unausweichlich. Zunächst versuchten es die Faskes mit einer Heimdialyse. „Unser Schlafzimmer sah aus wie ein Krankenzimmer, Apparaturen und Berge von Kartons für das Dialysematerial türmten sich hier, ein normales Familienleben war ausgeschlossen“, erinnert sich Ehefrau Martina Faske. Nach nur gut einem Dreivierteljahr beendeten sie diese Therapieform, der Patient wechselte in die ambulante Dialyse.

„Dreimal wöchentlich Waschtag im Ludmillenstift “, erinnert sich der Schöninghsdorfer zurück. Direkt nach der Arbeit ging es per Taxi los. Gut vier Stunden dauerte jeweils die Blutreinigung. Gegen 23 Uhr war Faske meist Zuhause. Und körperlich ermattet. „Vier Stunden Dialyse sind wie acht Stunden Arbeit“, erklärt er. Irgendwann im Laufe der Jahre ging beides nicht mehr. Faske war derart geschwächt, dass an eine normale Berufstätigkeit als Schlosser nicht mehr zu denken war. Zudem drückte ein weiteres Problem aufs Gemüt: Bereits zu Beginn der Dialyse hatten die Ärzte ihn auf die Warteliste für eine Nierenspende setzen wollen.

Bluttestes ergaben aber beim Patienten die seltene Blutgruppe 0 negativ. „Die Chance auf ein passendes Organ von einem Verstorbenen lag bei Null“, erinnert sich Faske an die ernüchternde Nachricht. Die Gefahr eines Abstoßens war zu groß. Nur eine Lebendspende würde Abhilfe leisten. Denn Faskes Blut und sein Immunsystem könnten dazu in langwierigen Prozessen kompatibel mit der Spenderniere gemacht werden. Seit 2005 können Nierentransplantationen auch bei nicht passender Blutgruppe durchgeführt werden.

Heimliche Untersuchung

Mit diesem Wissen hatte sich Ehefrau Martina schon lange beschäftigt. Heimlich hatte sie sich untersuchen lassen. „Udo wollte nicht, dass ich es mache, doch ich hab ihn gefragt, was er im umgekehrten Fall gemacht hätte“, erzählt Martina. Für sie war klar, ihrem Mann zu helfen. Für ihn, aber auch für die gesamte Familie. Erst recht, als auch Udos Bruder für eine Spende nicht in Frage kam. „Ab da war klar, dass wir es durchziehen“, erzählt die Mutter.

Doch damit startete erst ein langer Weg. Etliche Untersuchungen in der Uniklinik Münster waren erforderlich, um das individuelle Risiko einer Organspende abschätzen zu können.

Damit nicht genug: „Zusätzlich ist eine intensive psychologische Untersuchung notwendig, um zu prüfen, inwieweit eine psychische Stabilität besteht und eventuelle Einschränkungen nach der Nierenspende verkraftet werden“, heißt es etwa in der Aufklärungsbroschüre der Klinik. „Am Ende musste ich vor die Ethikkommission in Köln treten“, erinnert sich die 43-Jährige. Doch auch dort wurde schnell klar: „Wir sind eine intakte Familie, wir wollen zusammen sein“, machte sie der Kommission, bestehend aus Ärzten und Psychologen, ihre Absicht deutlich.

Auch über mögliche Folgen klärten diese sie auf. Doch die potenzielle Spenderin ließ sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Gut 2,5 Jahre dauerten Untersuchungen, Tests und Gespräche. Komplikationen und Viruserkrankungen verhinderten einen früheren OP-Termin. Weit über 20 Wochen lag Udo Faske dabei in Münster.

„Das ganze Dorf fühlte mit uns

Seine Frau pendelte zwischen Schönighsdorf und Münster. Eltern, Geschwister, Freunde und Bekannte kümmerten sich in der Zeit unter anderem um die drei Söhne. „Ob Ausbildungsvertrag oder Führerscheinprüfung, unsere Familien sind eingesprungen“, danken beide den nahen Verwandten. „Ohne sie wäre das alles gar nicht möglich gewesen.“ Vieles musste geklärt werden. Zum Beispiel in Sachen Sorgerecht für die Kinder im Falle von Komplikationen. „Auch hier haben wir tolle Unterstützung bekommen“, erzählt Martina. Die gab es erst recht kurz vor der OP im März 2016. Der Pastor segnete die beiden, Kinder des Kindergartens St. Franziskus und der Franziskusschule, in der Martina Faske tätig ist, malten Bilder und bastelten Geschenke, „Nachbarn, Freunde, das ganze Dorf machte uns Mut und fühlte mit uns“, erzählt die dreifache Mutter. „Das hat enorm geholfen.“

Beiden geht es jetzt gut. Martina, die schon kurz nach der OP wieder arbeiten konnte und sich heute auch mit einer Niere gut fühlt. Ebenso Udo Faske, der seit kurzem sogar wieder arbeitet. Beide sind vielen Menschen dankbar. Auch ihren Arbeitgebern. „Sowohl mein Arbeitergeber, die Kirchengemeinde Schöninghsdorf, als auch Udos Firma Ludden und Mennekes in Meppen haben uns jederzeit unterstützt, in der ganzen Zeit uns begleitet und zeigten viel Verständnis“, sagt die Mutter.

Harmonie kehrt zurück

Heute spielt die Erkrankung ihres Mannes kaum noch eine Rolle. Zwar muss er Medikamente einnehmen, regelmäßige Kontrollen machen lassen, und auch sein Immunsystem ist dauerhaft geschwächter, „aber das alles ist nichts im Vergleich zu vorher“, sagt er. Ausflüge mit den Kindern, Urlaubsfahrten oder einfach gemeinsam im Garten in der Sonne liegen gehört jetzt zum Alltag der Familie. „Wir genießen die Zeit jetzt vielmehr, lassen auch gern mal alles stehen und liegen, um es uns gutgehen zu lassen“, sagen beide. Besonders freuen sich die Kinder. „Ein komplett anderes Leben“, meint etwa der 18-jährige Steffen. Niklas (17) kann nur zustimmen. Vor allem aber Christopher freut sich.

Von Beginn an hat der 12-Jährige die Leidensgeschichte seines Vaters miterlebt und manches Mal auf ihn verzichten müssen. Dass es nicht spurlos an ihm vorüber ging, war auch schulisch zu merken. Doch darauf waren die Lehrer vorbereitet. „Wir haben frühzeitig mit den Schulen gesprochen und die Situation erklärt. Die Lehrer haben in der Folge super reagiert, die richtige Sensibilität gezeigt und unsere Söhne in der schweren Zeit unterstützt“, sagt Martina Faske. Heute können sich Christopher und seine Brüder sich wieder auf Schule und Beruf konzentrieren. Alle genießen jeden Augenblick mit dem Vater. Denn auch das ist klar: Das Risiko, dass der Körper die Spenderniere eines Tages abstößt und die erneute Dialyse droht, besteht immer. Dennoch rät Nierenspenderin Martina Faske zur Lebendspende. „Wir haben während unserer Zeit so viele Dialysepatienten kennengelernt, die schon etliche Jahre auf eine Spenderniere warten, während sich der Gesundheitszustand dramatisch verschlechtert.“

Natürlich müssten sich dabei die Spender über mögliche Risiken im Klaren sein, jedoch „ist es ein tolles Gefühl, einem Menschen derart geholfen zu haben. Vor allem, wenn ich selbst dadurch unserer Familie ein großes Stück Glück geben konnte.“ Dieses Glück haben sie und ihr Ehemann auch symbolisch gemeinsam zementiert. Kurz nach der geglückten Operation segnete ein Seelsorger im Krankenhaus dafür zwei neue Ringe, die die beiden nun tragen.


Die Lebendorganspende

Der Mangel an Nieren Verstorbener ist sehr groß. Weniger als ein Viertel der auf eine Niere wartenden Dialysepatienten können jedes Jahr transplantiert werden. Die Warteliste umfasst in Deutschland derzeit über 10000 Patienten. Die Wartezeit dauert deshalb für viele Patienten sehr lang, oft zu lang. Darum ist die Lebendnierenspende eine Alternative zur postmortalen Nierenspende, also der Spende der Niere eines Verstorbenen. Lebendnierenspenden sind aber nur unter besonderen gesetzlichen Voraussetzungen und nach eingehenden Untersuchungen erlaubt, um beispielsweise Organhandel auszuschließen. Zurzeit liegt der Anteil der Lebendnierenspenden in Deutschland etwa bei etwa 30 Prozent und zeigt eine zunehmende Tendenz. Die Kosten der Lebend-Nierenspende trägt die Krankenkasse des Empfängers. Auch im Fall, dass eine Spende sich als unmöglich erweist, trägt die Krankenkasse des Empfängers die Kosten für bereits erfolgte Voruntersuchungen. Ähnlich anderer Operationen sind auch bei einer Lebendnierenspende Komplikationen zu beobachten, beispielsweise einem Narkoserisiko, Nachblutungen aus dem Wundgebiet, Wundinfektionen. Das Risiko, an einer Nieren-Entnahme zu versterben, beträgt allerdings laut Transplantationszentrum Regensburg bei 1:4000.

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