Niederländische Dorfeisenbahn „De Tram“ dampfte früher durchs Moor nahe Twist

Von Horst Heinrich Bechtluft

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Twist. „Die Dampfwagen der Nordoster Dampftram-Gesellschaft rollen ununterbrochen … dazu fast jeder Zug der Tram vollbesetzt.“ – Mit diesen Worten schilderte der Heimatschriftsteller Hermann Gröninger (1852 – 1933) aus Lindloh eine auffällige Entwicklung des Verkehrs in den niederländischen Mooren nach 1900.

Bis 1860 war die Moorlandschaft zwischen Lindloh im Norden und Twist im Süden, zwischen Emmen im Westen und Wesuwe im Osten völlig menschenleer. Auf vier bis fünf Stunden im Quadrat gab es weder Wohnungen noch Bäume, berichtet Gröninger. Allein die kleine Moorkolonie Hebelermeer lag wie eine grüne Insel mitten in dieser Moorwüste.

Planmäßige Abtorfung

Mit der planmäßigen Abtorfung (Verfehnung) auf niederländischer Seite änderte sich die Landschaft radikal. Hermann Gröninger nennt in einem Text von 1910 das Verfehnungsgebiet Barger-Oosterveen gegenüber dem deutschen Schöninghsdorf: „Vor 15 Jahren war diese Fläche eine große Moorwüste, von kaum 100 Menschen bewohnt. Jetzt wohnen hier mindestens 5000 Menschen.“

Die Besiedlung des niederländischen Moores beschreibt der Emsländer staunend am Beispiel des jungen Dorfes Klazienaveen, benannt nach der Ehefrau des Unternehmers Scholten: „Jenseits, unweit der Grenze, sehen wir die Fabriken des Mynheer Scholten, dessen Schlote mächtige Rauchwolken emporsenden. An den Hauptkanälen schöne, sehr breite Wege, Klinker- und Grandstraßen. Die Seitenkanäle und Plaatzenwieken bilden auf beiden Seiten in fast unabsehbarer Breite ein vollständiges Netz von Wasserstraßen, mit schmucken Arbeiterwohnungen, großen Geschäftshäusern und Cafés bebaut. Auf den Straßen und Wegen herrscht reger Verkehr, auf den Kanälen wimmelt es von Schiffen und die Dampfwagen der Nordoster Dampftram-Gesellschaft rollen ununterbrochen von Ter Apel nach Coevorden hin und zurück.“

Kleinbahnverbindung

Die erwähnte Kleinbahnverbindung zwischen den neuen Dörfern parallel zur Grenze, genannt „de Tram“, musste den deutschen Nachbarn wie eine Fata Morgana erscheinen. Seit 1907 dampfte sie durch das immer mehr verschwindende Moor. Zwar gab es auch im Emsland Kleinbahnen, so etwa die Meppen-Haselünner Eisenbahn von 1894 oder die Hümmlinger Kreisbahn von 1898. Doch jene Bahnlinien lagen östlich der Ems weit entfernt von den zurückgebliebenen linksemsischen Moorsiedlungen. Diese hatten zumeist nicht einmal eine feste Straßenverbindung zu ihren Nachbarorten.

Blütezeit der Tram

Da fiel die an der Grenze entlang dampfende Tram auf niederländischer Seite schon sehr ins Auge. Man hoffte auf eine ähnliche Entwicklung auf deutscher Seite. Hermann Gröninger erwähnt 1919 Vorarbeiten zu einer Bahnverbindung von Ter Apel über Rütenbrock nach Meppen. Aus den in den 1920er Jahren immer wieder diskutierten Plänen wurde nichts.

Derweil hatte „de Tram“ auf niederländischer Seite eine Blütezeit. Doch auch sie wurde bald ein Opfer der sich beschleunigenden Gesellschaft. Wer wollte schon mit einer Geschwindigkeit von 20 bis 30 Stundenkilometern über Land dampfen, wenn man auf gut ausgebauten Klinkerstraßen nebenher „met de Fiets“ (mit dem Fahrrad) fast genauso schnell war? Auch kamen immer mehr Lastwagen und Omnibusse auf, die den Transport von der Schiene übernahmen.

Nazis ließen Gleise abbauen

Einen Schlusspunkt setzte die deutsche Wehrmacht während der Besatzungszeit in den Niederlanden: Im Herbst 1942 wurden die Gleise der Tram zwischen Klazienaveen und Ter Apel auf Befehl der NS-Machthaber demontiert und an die Ostfront abtransportiert. – Heute dampft nur noch die historische Lokomotive „Hoogeveen“ mit drei Waggons der ehemaligen EDS (Eerste Drentsche Stoomtramweg-Maatschappij) an Sonntagen durch das Freiluftmuseum „Veenpark“ knapp jenseits der Grenze.


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