Getränk rund um die Uhr Frische Milch an neuer Milchtankstelle in Twist zapfen


Twist. In Twist kann man jetzt auch Milch tanken. Ein Euro kostet der Liter. Die Familie Nottberg bietet in einem extra für die Tankstelle errichteten Verkaufshäuschen unweit des landwirtschaftlichen Familienbetriebs in Alt-Hesepertwist 14 Milch und andere Milchprodukte an.

Von Carola Alge und Ronnie Pawelczyk

„Die Milch ist immer frisch, maximal ein bis zwei Tage alt“, erklärt Jens Nottberg. In dem 100-Liter-Tank hinter dem Milchautomaten lagert die Milch unter fünf Grad Celsius. Die Kunden werden mit Schildern darauf hingewiesen, dass sie vor dem Verzehr erhitzt werden muss. „Was der Kunde dann macht, ist ihm selbst überlassen. Wir trinken die Milch selbst, ohne sie vorher zu erhitzen“, so Nottberg. 100 Milchkühe sorgen bei ihm für Nachschub.

Inspirationen holte er sich aus Wietmarschen und Haren, wo es bereits Milchtankstellen gibt. „Ein Hofladen würde sich aber einfach nicht rechnen, die Kosten wären zu hoch“, erklärt er weiter. Aber nicht nur Milch kann man an seiner Milchtankstelle bekommen. In dem Automaten finden die Kunden frische Eier aus eigener Zucht. Frische Kartoffeln, Gurken sowie Fertigteigmischungen eines Berufskollegen aus der Umgebung sind in dem Automaten ebenso zu kaufen wie Nudeln aus eigener Herstellung eines weiteren Berufskollegen, der sich auf Nudelprodukte konzentriert. Für die kurze Rast zwischendurch kann man zudem einen Kaffee und einen Snack aus dem Automaten ziehen.

Bürgermeister besucht Twister Landwirtschaftsbetrieb

Zur Eröffnung der Milchtankstelle lud die Familie Nottberg den Bürgermeister der Gemeinde Twist, Ernst Schmitz, Martin Müller vom Fachbereich Gemeindeentwicklung der Gemeinde Twist, Irene Backers, Geschäftsführerin des Landgasthofs Backers, sowie Verena Schleper, Regionalmanagerin Region „Moor ohne Grenzen“ vom Naturpark Moor, ein. Nottberg führte die Gäste auch durch den Landwirtschaftsbetrieb seiner Familie. Ihre 100 Milchkühe können sich frei im Kuhstall bewegen; ein Roboter säubert den Spaltboden. Die Kühe tragen alle ein Chiphalsband, damit das Futtersilo erkennt, wie viel Kraftfutter welcher Kuh zusteht. Die Tiere können sich automatisch an einer Bürstmaschine abbürsten lassen. „Den Kühen gefällt das. Sie gehen selbst zu der Bürste hin“, sagt Nottberg, als eine von ihnen sich gerade abbürsten lässt.

Weit unter dem Niveau

Zum Betrieb gehören zudem 1800 Mastplätze für Schweine und 40000 Legehennen, wovon die eine Hälfte Freilandhühner, die andere Hühner in der Bodenhaltung sind. Außerdem bestellt die Familie 140 Hektar Land unter anderem mit Mais, Kartoffeln und Getreide.

Nach der Führung durch den Betrieb ging es im Gespräch unter anderem um die Entwicklung der landwirtschaftlichen Betriebe. Der zurzeit extrem niedrige Milchpreis macht Landwirten Sorgen um ihre Existenz. Mit 27 Cent pro Kilo liegt er weit unter dem Niveau, das zum Überleben der Höfe ausreichend wäre, nämlich 35 bis 40 Cent.

Im Landkreis Emsland gibt es nach Angaben von Landwirt Helmut Schwering, stellvertretender Vorsitzender des landwirtschaftlichen Kreisvereins Meppen und Milchkuhhalter mit 105 Kühen, noch etwa 500 Betriebe mit Milchkuhhaltung. Die haben zusammen etwa 34000 Kühe. Durch den Wegfall der Milchquote zum 1. April 2015 werde der Markt von der abnehmenden Seite (Discounter) mit dem Ziel kaputtgeredet, „Milchprodukte möglichst günstig aufzukaufen, um sie dann im Laden ebenfalls zu Schleuderpreisen dem Verbraucher anzubieten.“ Dass nun die Betriebe zu viel produzierten, weil sie so viel liefern können, wie sie wollen, stimme so nicht. „In Wirklichkeit hat Deutschland zurzeit sogar 0,3 Prozent weniger Milch produziert als im letzten Jahr. Dieses Argument zieht also nicht“, betont der Groß Heseper. Immer noch hörten viele Betriebe auf wegen des anhaltenden Strukturwandels.

Druck durch Russland-Embargo

Das Russland-Embargo habe für Druck auf dem europäischen Markt gesorgt, da Länder, die stark nach Russland exportierten, jetzt auf den EU- Markt drückten. Dazu komme die Flaute auf dem asiatischen Markt.

Eine Lösung sieht Schwering in Subventionen nicht. „Man sollte lieber den Betrieben helfen, um die Krise zu überstehen.“ Molkereien sollten in solchen Zeiten ihre eigenen Investitionen am Molkereistandort überdenken und stattdessen besser den höchstmöglichen Preis an die Landwirte auszahlen. Seitens der Banken seien Tilgungsaussetzungen oder Liquiditätskredite hilfreich, um über diese Zeit hinwegzuhelfen.

Die Milchbauern schließlich müssten, betont der 57-Jährige, ihre Kosten optimieren und in guten Jahren eine Rücklage bilden. Milchtankstellen sieht Schwering grundsätzlich positiv. Sie könnten für einige Betriebe ein zweites Standbein sein.

Nach Einschätzung Schwerings werde es „noch bestimmt ein Jahr dauern, bis sich die Lage normalisiert hat. Gewachsene Betriebe werden sich noch vergrößern. Gerade Familienbetriebe mit 80 bis 120 Kühen, die ihr Management gut im Griff haben, haben durchaus gute Zukunftsaussichten.“ Aufgrund des Strukturwandels würden aber auch weiterhin einige Betriebe aus der Milchproduktion aussteigen.

„Milch ist ein hochwertiges gesundes Nahrungsmittel“

Für den stellvertretenden Vorsitzenden des landwirtschaftlichen Kreisvereins Meppen ist und bleibt Milch „ein hochwertiges gesundes Nahrungsmittel und hat einen hohen Stellenwert bei den Verbrauchern.“ Höherpreisige Milch mit besonderen Eigenschaften, zum Beispiel Weidemilch, bleibe aber meist in den Regalen liegen. Würden alle Verbraucher sie fordern und die entsprechenden Preise zahlen, würden sich die Landwirte danach richten.


Standorte der Rohmilchabgabeautomaten im Emsland

49808 LingenDiekstraße 145

49767 TwistAlt-Hesepertwist 14

49733 HarenHusberg 8

26892 KluseBurenweg 15

49762 RenkenbergeB 70 Nr. 8 cw