Eine (fast) unglaubliche Geschichte Freiballon über dem Meer bei Twist

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Twist. Vor über 100 Jahren soll ein Freiballon über Hebelermeer, das heute zu Twist gehört, aufgetaucht sein, dessen Besatzung die Orientierung verloren hatte. Ein Rückblick auf eine skurrile Begebenheit.

Lautlos fahren sie an windstillen Sommerabenden durch die Luft. Nur ab und zu ertönt ein Fauchen aus der Gasflasche droben am Himmel. Ein Feuerschein zwischen Korb und Hülle loht auf. Drunten auf der Weide rennen Kühe erschreckt durcheinander. Heißluftballone vom Münsterland oder aus den benachbarten Niederlanden sind über dem weiten Twister Moor gar nicht so selten.

Es war ein solcher Ballon am Abendhimmel bei Hebelermeer, der mich kürzlich an eine alte Geschichte erinnerte. Sie soll dort vor mehr als 100 Jahren passiert sein. Damals gab es noch keine manövrierbaren Heißluftballone . Mit Gas befüllte Freiballone waren Stand der Technik. Entweder ließ der Ballonfahrer Gas ab und sank in Richtung Erde. Oder er warf Ballast aus dem Korb und stieg langsam wieder auf.

Des Guten zuviel

So muss es um 1900 gewesen sein bei jener Ballonfahrt, von der mir Westers Herm aus Schöninghsdorf (1918 – 2005) vor Jahren berichtete. Er selber hatte die Geschichte auch nur gehört. Doch erzählte er sie mir als wahre Begebenheit, und ich hatte keinen Grund, daran zu zweifeln.

Drei Herren, so sagte er, waren damals bei Münster in den Ballonkorb geklettert, mit Schutzbrillen, Lederkappen und sportlich-modischem Tweed angetan. Die Helfer beim Befüllen der Gashülle und beim Auflassen an den Seilen verstanden ihr Handwerk. Doch vielleicht taten sie auch ein wenig des Guten zu viel.

Im Nebel versunken

Schon bald nämlich hatte der Freiballon eine beachtliche Höhe erreicht und zog dank einer unerwartet kräftigen Luftströmung gen Norden. Die Ballonfahrer versuchten, mit ihren beschränkten Mitteln die Höhe zu beeinflussen. Doch das war, wie gesagt, unter damaligen Bedingungen nicht so einfach. Ihre Fahrt geriet eigentlich zu zügig. Die Landschaft unter ihnen wurde weniger grün und fremder. Dann wurde es dämmerig und kühler – und was das Schlimmste war: Dichter Abendnebel zog über dem Bourtanger Moor auf!

Ohne Sicht auf die im Nebel versunkene gute alte Mutter Erde verloren die Ballonfahrer schließlich jede Orientierung. Sie ließen vorsichtig Gas ab und sanken in Richtung Moornebel. Eine Landung durften sie unter diesen Umständen nicht wagen. Deshalb entschlossen sich die Herren, mit kräftigen Rufen aus ihrer nebligen Höhe auf sich aufmerksam zu machen. Es war beim Dorf Hebelermeer, heute ein Ortsteil der Gemeinde Twist, wo ihr lautes Schreien erhört wurde, so mein Gewährsmann.

Stimmen aus grauer Höhe

Der Dorfschäfer hatte sich zunächst dreimal bekreuzigt und wollte angsterfüllt davonrennen, als er die unerklärlichen Stimmen aus grauer Himmelshöhe vernahm. Doch dann hatte er die hochdeutsche Frage „Hallo, wo sind wir?“ verstanden. Der Mann nahm allen Mut zusammen und brüllte zurück: „I bünt up’t Meer“.

„Haben Sie gehört, Herr Professor, wir sind schon über dem Meer!“, sagte ein zu Tode erschrockener Ballonfahrer zu seinem Nachbarn, der ängstlich über der Korb-Reling hing. Hastig warfen die Männer Sandsäcke über Bord. Befreit vom Ballast stieg ihr Ballon über dem Nebel langsam wieder hoch. Wie hätten die Ballonfahrer auch wissen können, dass sie noch nicht über der Nordsee, sondern über Hebelermeer, im volkstümlichen Platt: „up’t Meer“ waren?!

Wie das Ganze für den Ballon aus Münster endete, konnte mir Westers Herm allerdings nicht berichten. Diese Tatsache wie auch das verschmitzte Lächeln des Erzählers hätten mich eigentlich stutzig machen müssen. Doch eine unglaubliche Geschichte muss noch lange nicht unwahr sein!


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