MdB Gitta Connemann zu Gast Lebhafte Diskussion in Twist über Sterbehilfe

Von Heiner Harnack



Twist. Eine sehr gegensätzliche Diskussion wird derzeit bundesweit geführt, ob und in welcher Form Sterbehilfe- und -begleitung in Deutschland erlaubt oder verboten werden soll. Im Bundestag werden zur Zeit fünf Vorschläge diskutiert, ein Gesetzentwurf soll im November das Parlament passieren. Im Twister Heimathaus diskutierten Vertreter aus Kirche, Politik, Hospizbewegung sowie Palliativmedizin mit Gästen.

Die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Gitta Connemann, gab einen Überblick über die einzelnen Vorschläge, die vom vollständigen Verbot der Suizidbeihilfe bis zur weitgehenden Legalisierung gehen. Meinungsverschiedenheiten würden quer durch alle Fraktionen gingen, berichtete Connemann. „Dies ist ein Thema, das alle Menschen bewegt. Rund 70 Prozent der Bevölkerung setzen sich intensiv damit auseinander, wie sie sterben wollen“, sagte Connemann.

Das Thema sei mit großen Ängsten verbunden, viele fürchten sich vor einem langsamen und qualvollen Tod. Natürlich könne Apparatemedizin Fortschritt bedeuten, aber auch eine Qual sein. „Die wenigsten Menschen sind aber in der Lage oder bereit, darüber zu sprechen“, sagte die Politikerin. Die Diskussion über die oft zitierte Patientenverfügung sei durch den damaligen Papst Johannes-Paul II ausgelöst worden, der entschieden hätte, seine Behandlung abzubrechen, um zum Sterben in den Vatikan zu gehen. Danach hätte eine Diskussion eingesetzt, ob ein Papst so etwas dürfe. „Seine letzte Botschaft war: Ich bin froh! Seid Ihr es auch“, so Connemann.

Vier verschiedene Arten

Das Bundestagsmitglied stellte fest, dass in Deutschland vier Begriffe diskutiert werden: „Es gibt aktive Sterbehilfe, was bedeutet, ein Mensch wird aktiv, damit ein anderer stirbt.“ Die sei in Deutschland verboten. Bei der passiven Sterbehilfe werde die Therapie abgebrochen, zum Beispiel, idem die Zufuhr von Flüssigkeit, Essen oder Medikamenten eingestellt werde. Das, so Connemann, könne in einer Patientenverfügung festgelegt werden, was für Mediziner bindend sei. „Es gibt zum dritten die indirekte Sterbehilfe, die in den Bereich der Versorgung mit schmerzlindernden Medikamenten führt, die zum Teil zu einer Lebensverkürzung führen.“ Das sei rechtlich auch zulässig. Ferner gebe es zum Vierten die Beihilfe zum Suizid, dabei könne der Betroffene zum Beispiel durch Bereitstellung von Medikamenten durch einen Dritten Selbstmord begehen. Auch diese Vorgehensweise sei rechtlich vom Gesetzgeber akzeptiert.

Weiterlesen: Debatte um Sterbehilfe: Gegen Tötungshelfer

Die fünf bisher im Bundestag eingegangenen Anträge, die vom strafrechtlichen Verbot jeglicher Suizidbeihilfe über die ärztliche Beihilfe bis zur organisierten Suizidbeihilfe ohne kommerzielle Absichten reichten, forderten aber unisono, so Connemann, eine bessere palliative und hospizliche Versorgung sterbender Menschen. Deshalb wolle sich die Abgeordnete für eine flächendeckende Versorgung in der der Palliativmedizin einsetzen.

Martina Mensen vom Palliativstützpunkt Nördliches Emsland beschrieb, dass bei einer unheilbaren Erkrankung und einer nur noch kurzen Lebenserwartung trotzdem die Lebensqualität hoch bleiben müsse. Gleichzeitig müsse auch an das soziale Umfeld gedacht werden, schließlich seien Familie, Nachbarn und Freunde ebenso betroffen.

Weiterlesen: Palliativstützpunkt Sögel unterstützt Schwerkranke

Pastor Ulrich Hirndorf vom Kirchenkreis Emsland-Bentheim stellte fest, dass Menschen auch unter Druck gesetzt werden könnten, Suizid zu begehen, sofern man aktive Sterbehilfe zuließe. Leider sagten zu viele ältere Menschen, sie wollten keine Belastung für die Familie werden. Auch Pfarrer Michael Schiller aus Twist pflichtete dem bei. Beide waren sich einig, dass der soziale Zusammenhalt wieder gestärkt werden müsse. Hirndorf: „Wir können den Tod nicht delegieren, dieser gehört zu unserem Leben.“ Früher seien Geistliche auch geholt worden, bevor der Mensch verstorben sei. Heute sei die erste Adresse der Bestatter. „Wenn sterbende Menschen angenommen und wert geschätzt werden, sagt niemand, dass er sein Leben vorzeitig beenden will“, so der evangelische Geistliche.

Marianne Schleper vom Hospizverein Twist sagte, dass Menschen weniger die Angst vor dem Tod hätten, als vor dem Sterbeprozess. „Sterbende haben häufig ihre Angehörigen und Familien im Blick, weniger sich selbst.“ Das führe dazu, dass die Arbeit der Hilfe sich immer mehr auf dieses Umfeld erstrecke.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN