Erinnerungen an die Jahre 1935/36 Twist: Wie Neuringe zu seiner Buckelpiste kam

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Twist. Mit den ausgebaggerten grauen Sandsteinen kommen Kindheitserinnerungen bei dem 85-jährigen Mann wieder hoch. Sechs Jahre alt war Albert Lucas 1935, als die Steine in den Moorboden gestampft wurden. Mit kindlicher Begeisterung hatte der Junge die monatelangen Straßenbauarbeiten verfolgt. Er erlebte, wie sein Heimatdorf Neuringe, heute ein Ortsteil der Gemeinde Twist, eine erste feste Verbindung zur großen Welt erhielt. Seit dem 1. September 2014 wird die Straße vor dem Elternhaus nun von Baggern ausgekoffert und ausgebaut.

ast 80 Jahre lang hatten die Steine im Untergrund von Neuringe mehr schlecht als recht ihre Pflicht getan. Sie waren unter der dunklen Asphaltdecke den zunehmenden Belastungen des Schwerverkehrs einfach nicht gewachsen. Die auf dem Moor liegende Verbindung, die „ Buckelpiste“ genannte L 46 , galt als schäbigste Landesstraße in ganz Niedersachsen. Dabei war der Straßenbau der Jahre 1935 und 1936 den Neuringern „sehr modern“ vorgekommen. Albert Lucas erinnert sich an die Ankunft der Bentheimer Sandsteine per Eisenbahn am Bahnhof in Ringe.

Von dort bis Neuringe waren neue Transportmittel im Einsatz: „Ich sehe die drei Lastautos wie heute vor mir, kleine Kastenwagen mit den Steinen beladen, wie sie um die Kurve knattern“, erzählt der 85-jährige Bäckermeister, den ich in der heimischen Backstube antreffe. Er geht mit mir nach draußen, weist auf die Straßenbiegung in Richtung Südwesten. Mit der Schubkarre holt er einen schweren Bordstein des alten Straßenbaus herbei. Den hat er als handfeste Erinnerung an seine Kindheit vor vier Wochen extra aufgehoben. „Vor unserem Haus liefen drei Bauarbeiter langsam nebeneinander her mit ihren schweren Stoßeisen und zerklopften die Steine.“ – Es ist eine Arbeit, die sich der Straßenbauer von heute, der uns interessiert zuhört, gar nicht mehr vorstellen kann.

Pferde sinken ein

Im Sommer 1936 war Neuringes Anschluss an die Verkehrswelt vollzogen. Die Straße von Alexisdorf (heute Neugnadenfeld) bis Twist war fertig. Bis dahin hatten die Einwohner von Neuringe eine „Verkehrsverbindung“, die diesen Namen nicht verdiente. Ein Zeitungsbericht vom 30. April 1927 beschreibt es so: „Wenn man dort auf die Moorwege kommt, … sinkt man bis weit über die Schuhe in den Morast. Die Bauern binden ihren Pferden Bretter von 40 mal 50 Centimeter Größe unter die Füße, und selbst mit diesen sinken die Tiere noch ein … Und von hier müssen dann die Kinder, ob groß oder klein, etliche Kilometer weit zur Schule und des Sonntags die Leute zur Kirche und werden dann vielleicht – nein, sehr oft – noch verlacht, weil sie in großen Holzschuhen kommen, da sonst kein Durchkommen ist.“

Das Ende derartiger Zustände feierten die Neuringer 1936 mit einem großen Straßenfest. Das Ereignis war viele Jahre lang Gesprächsstoff im Dorf. Alle Familien machten mit. Dass allerdings einer der Festwagen die neue Straße mit dem großen Schild „Deutschlands Zukunft“ rühmte, war wohl eher den Schlagworten der damaligen NS-Zeit zuzuschreiben als der tatsächlichen nationalen Bedeutung des Projekts. In den Heidekraut-Verzierungen der Wagen steckten überall Hakenkreuzfähnchen.

An das Fest erinnert sich Albert Lucas ebenfalls noch bestens. Sein Vater hatte die Gastronomie übernommen. Der Sechsjährige war eingespannt beim Reinigen der Schnaps- und Biergläser. Das war eine Sache für sich: Das in der Balje schwappende Moorwasser aus dem Brunnen, der „Pütte“, war schon beim Beginn des Spülens braun. „Wir haben es ausgetauscht, wenn es fast schwarz war“, erzählt Albert Lucas lachend.

Für den Anschluss von Neuringe an die „moderne Zeit“ war auch nach dem Straßenbau von 1935/36 noch einiges zu tun. Die Verbesserungen durch den „Emsland-Plan“ folgten erst zwei Jahrzehnte später.


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