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Urkunden beweisen, die Moor-Pioniere siedelten schon 1775 an der Aa Adorf macht Twist älter

Von Horst Bechtluft

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König Georg III. von Großbritannien (1738–1820), zugleich Kurfürst von Hannover, war Regent der Grafschaft Bentheim, da die Grafen ihr Land an Hannover verpfändet hatten. Repro: BechtluftKönig Georg III. von Großbritannien (1738–1820), zugleich Kurfürst von Hannover, war Regent der Grafschaft Bentheim, da die Grafen ihr Land an Hannover verpfändet hatten. Repro: Bechtluft

TWIST-ADORF. Bislang ist die Gemeinde Twist von ihrer Gründung in den Jahren 1784 (Hesepertwist) bzw. 1788 (Rühlertwist und Hebelermeer) ausgegangen. Doch mit der 1974 erfolgten Gemeindereform haben sich die historischen Koordinaten verschoben: Der damals neu hinzugekommene Twister Ortsteil Adorf ist nachweislich zehn Jahre älter!

Wie Bürgermeister Ernst Schmitz kürzlich beim Neujahrsempfang mitteilte, soll mit Bezug auf das zuletzt 1986 gefeierte 200-jährige Jubiläum im Sommer 2011 eine große Veranstaltung „225 Jahre Twist“ durchgeführt werden (wir berichteten). Zwar war seit Längerem bekannt, dass die ersten Siedlerplätze in Adorf in der alten Grafschaft Bentheim vor deutlich mehr als 225 Jahren ausgemessen wurden. Doch wusste niemand genau, ob diese auch genutzt worden waren. Der „Klassiker“ der Grafschafter Heimatforschung, Rektor Heinrich Specht, nannte unter anderem das Jahr 1782 für einen ersten Ansiedlungsvertrag.

Bei der Vorbereitung einer Jubiläums-Festschrift entdeckten nun emsländische Historiker, dass erste Adorfer tatsächlich schon ab 1775 da waren. Geschichtlicher Beleg ist zum Beispiel ein Vermerk des Neuenhauser Vogts Köhler auf einem 1784 erstellten Verzeichnis der Adorfer Siedler im Staatsarchiv Osnabrück (Rep. 125 I Nr. 1159). Demnach zahlten die fünf ersten Kolonisten seit 1781 ihre Landabgaben. Der bislang in der Heimatforschung übersehene „Vermerk am Rande“ belegt, dass die Moor-Pioniere zunächst fünf Freijahre nutzten (also ab 1776), bevor sie ihre schmalen Geldbeutel gegenüber der Grafschafter Regierung öffneten. Hinzugerechnet werden kann ein in den Akten erwähntes „Vermessungsjahr“. Weil für dieses Jahr auch schon erste Anpflanzungen erwähnt werden, datiert Heimatforscher Gregor Santel die Gründung von Adorf eindeutig auf 1775.

Die Siedler zahlten nicht

Die jetzt entdeckte Entrichtung von Landabgaben ist deshalb interessant, weil der Grafschafter Regierungsrat Funck noch im November 1785 über die große Armut der Adorfer Siedler klagte. Aus Geldmangel seien weder die Vermessungskosten noch die Erbpachtbriefe bezahlt worden, stellt Funck fest. Mit anderen Worten: Theoretisch waren die im Namen des Königs Georg III. von Großbritannien ausgestellten Verträge nicht wirksam geworden. Faktisch waren aber bis 1784 in der neuen Moorkolonie Adorf in der Grafschaft Bentheim acht Siedlerstellen bewohnt.

Das berichten die Neusiedler aus Hesepe im Bistum Münster, als sie im Sommer 1784 gegenüber an der Aa ihre ersten armseligen Moorhütten aufbauen. Sie hatten seit 1765 immer wieder Anträge bei ihrem Bischof gestellt, die abgelehnt worden waren. Die Grafschaft Bentheim und das Fürstbistum Münster waren im 18. Jahrhundert füreinander „Ausland“, die Aa ein echter Grenzfluss. Das erklärt die unterschiedliche historische Überlieferung und die bisherigen (münsterschen!) Jubiläumsdaten. Dennoch liegen in den schwierigen Aufbaujahren der Nachbarn an beiden Ufern der Aa nach Auffassung der Ortshistoriker typische Gemeinsamkeiten. Weil sich die Entwicklung der Moorkolonien von Adorf, Hesepertwist, Rühlertwist und Hebelermeer über viele Jahre hinzog, könne man durchaus in 2011 eine Gedenkfeier „225 Jahre Twist“ veranstalten. Das ändere aber nichts daran, dass die Erstgründung einer Kolonie in Twist heute anders zu datieren sei als noch vor 40 Jahren.


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