Konzert mit Überraschungselementen Publikum in Twist feiert mit Achtung Baby das Werk von U2

Lieferte in Twist eine beeindruckende Show: die U2-Tributeband Achtung Baby, hier mit Sänger Nobo (Micha van de Weg) und Bassist Mad M. Clinton (Andreas Hellwig). Foto: Tim GallandiLieferte in Twist eine beeindruckende Show: die U2-Tributeband Achtung Baby, hier mit Sänger Nobo (Micha van de Weg) und Bassist Mad M. Clinton (Andreas Hellwig). Foto: Tim Gallandi

Twist. Achtung Baby gelten als eine der besten U2-Tributebands. Ihr jüngstes Konzert im Heimathaus Twist hat den Eindruck erweckt, dass diese These nicht aus der Luft gegriffen ist.

„Achtung Baby“ irritierte anfangs enorm: Als U2 Ende 1991 ihr so betiteltes siebtes Album veröffentlichten, lösten die Iren unter den Fans ungläubige, teils verstörte Reaktionen aus. Was war passiert? 

Ende der 70er im Fahrwasser von Punk und Wave gestartet, hatte sich das Quartett aus Dublin den Nimbus einer Protestband erspielt, die sich mit geradlinigem Rock und politischen Positionierungen (für Frieden in Nordirland, gegen Apartheid in Südafrika) profilierte. Das Festival Live Aid 1985 und der Aufbruch nach Amerika mit „The Joshua Tree“ taten ihr Übriges.

Wie Bono stets mit getönter Brille auf der Bühne: Achtung-Baby-Frontmann Nobo alias Micha van de Weg. Foto: Tim Gallandi


Dann aber kam „Achtung Baby“ und mit ihm ein kühl-düsterer Habitus, der Flirt mit elektronischen Elementen, plötzlich Tanzbarkeit – und ein Frontmann Bono, der sein Wanderprediger-Image gegen die mit Ironie und Zynismus agierenden Kunstfiguren „The Fly“ und „MacPhisto“ eintauschte. U2 hatten eine bandinterne Zerreißprobe überstanden, indem sie sich bei den Aufnahmesessions in Berlin und Dublin neu erfanden. Womit sie manche Anhänger verprellten.

Heute gilt „Achtung Baby“ nicht nur Kritikern, sondern auch vielen Fans als Meisterwerk, mit dem die künstlerisch spannendste Phase U2s begann. Da leuchtet es ein, dass vier Musiker aus Lüneburg den Albumtitel zum Namen ihrer Tributeband machten und beim Konzert in Twist, ihrem dritten im erneut ausverkauften Heimathaus, die Songs der 90er umfangreich berücksichtigten. Jedoch erst im zweiten Teil des mehr als zweistündigen Konzerts.

Bei Achtung Baby das Pendant zu Larry Mullen jr.: Mary Lullen III, bürgerlich Henning Thomsen. Foto: Tim Gallandi


Los ging es nämlich mit „The Blackout“, einer herausragenden Nummer aus dem jüngsten Album „Songs Of Experience“, bald darauf ergänzt durch „Red Flag Day“, das Gitarrist The Fake (Carsten Stiehr) durch einen Funk-Groove prägte. Dazwischen ließen sie die Besucher mit „I Will Follow“ und „Out Of Control“ tief in die Anfänge der irischen Combo tauchen.

Sänger Nobo (Micha van de Weg), ähnelt Bono stimmlich, ohne diesen in Eins-zu-eins-Manier zu kopieren. Besonders verblüffte, dass er dessen Falsettgesang vortrefflich beherrscht, so beim gospeligen „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“. Hier konnte Nobo den Refrain getrost dem Publikum überlassen.

The Edge von U2? Irrtum, The Fake (Carsten Stiehr) spielt bei Achtung Baby Gitarre. Foto: Tim Gallandi


Die Band bestach nicht allein durch technische Versiertheit, von Bassist Mad M. Clinton (Andreas Hellwig) und Schlagzeuger Mary Lullen III (Henning Thomsen) als Rückgrat über den unverkennbaren U2-Gitarrensound bis zu Nobos Gesang. Den Reiz machte zudem die Songauswahl aus: Nie kam der Eindruck einer bloßen Greatest-Hits-Show auf; an Überraschungen mangelte es nicht.

Als Nobo einen seiner persönlichen U2-Favoriten ankündigte, kam mit „The Unforgettable Fire“ von 1984 ein weniger gängiges Stück. Passend dazu flimmerten Aufnahmen von den durch Atombomben verwüsteten Städten Hiroshima und Nagasaki über die Bühnenrückwand. Denn auch das gehörte zur Show, wie bei den Vorbildern: Projektionen, die die Songinhalte untermalten oder kommentierten. So erschien bei „Pride“ das Konterfei Martin Luther Kings, bei „The Fly“ der ironische Appell, mehr fernzusehen.

Was Adam Clayton bei U2, ist Mad M. Clinton (Andreas Hellwig) bei Achtung Baby: der Mann am Bass. Foto: Tim Gallandi


Achtung Baby vereinten in Twist alle U2-Welten: Die Mehrzahl der bislang 14 Studioalben wurde mit wenigstens ein, zwei Beiträgen berücksichtigt. So auch „Pop“ von 1997, als U2 zur „Discothèque“ aufbrachen. Es waren aber vor allem Songs aus den 80ern, die den Besuchern – von denen augenscheinlich viele damals ihre Jugend erlebten – die intensivsten Reaktionen entlockten: den lautesten Jubel, das frenetischste Mitsingen, den kräftigsten Applaus. Sei es bei „New Year’s Day“, der Ode für Polens Solidarnosc-Bewegung oder bei „Sunday Bloody Sunday“, der Empörung über den Nordirland-Konflikt.

Im Zugabenblock gab es dann unter anderem „One“, die Hymne des Zusammenhalts über alle Widrigkeiten hinweg, das Stück, über das sich viele einst doch mit „Achtung Baby“ anfreundeten. Trotz der anfänglichen Irritation.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN